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Bundespräsident

Schimpfen, zetern, wulffen

Von Dirk Schmaler

In Teilen trägt die Affäre um Christian Wulff inzwischen realsatirische Züge.  Die Lust an den Skurrilitäten rund um die Wulff-Affäre könnte dem Bundespräsidenten am Ende genauso schaden wie die tadelnden Leitartikel und die Vorgänge selbst.
Foto: Auch Fotografen wollen nun witzig sein: Aufnahme eines Busses vor dem Schloss Bellevue.

Auch Fotografen wollen nun witzig sein: Aufnahme eines Busses vor dem Schloss Bellevue.

© dpa

Hannover. Bei der BW-Bank in Stuttgart häufen sich seltsame Anfragen. Nicht von Journalisten, die wissen wollen, zu welchen Konditionen und unter welchen Umständen der Ministerpräsident Christian Wulff dort seine Kredite ausgehandelt hat oder ob es nicht doch Bürgen gibt, von denen die Öffentlichkeit noch nichts weiß. Viele Schwaben wollen einfach nur einen Kredit für den Häuslebau – aber zu Wulff-Konditionen. Die Servicemitarbeiter von der Telefon-Hotline haben schon Routine in der Beantwortung solcher Anfragen. Nur erfüllen werden sie die Wünsche der Anrufer wohl nicht. Sie bleiben unverbindlich und versprechen, ein persönliches Angebot zusammenzustellen.

„Wie im Märchen. Nur einfacher.“ Mit diesem Spruch wirbt die BW-Bank für ihre Privatkredite. Nun haben ausgerechnet die märchenhaften Konditionen für den Bundespräsidenten mit einem „rollierenden“ Geldmarktzins von 0,9 bis 2,1 Prozent auch die BW-Bank in Stuttgart in Schwierigkeiten gebracht. Das Image der eigentlich seriösen Bank droht Schaden zu nehmen. Andere Geldhäuser in Baden-Württemberg rechnen nach eigenen Angaben bereits mit Protestkundschaft, mit Leuten also, die sich von der BW-Bank gegenüber dem Bundespräsidenten benachteiligt sehen.

Reaktionen aus Niedersachsen zum Wulff-Interview - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

Der Bundespräsident als Kunde – ein Imageproblem? In Teilen trägt die Affäre um Christian Wulff inzwischen realsatirische Züge.  Die Lust an den Skurrilitäten rund um die Wulff-Affäre könnte dem Bundespräsidenten am Ende genauso schaden wie die tadelnden Leitartikel und die Vorgänge selbst. Denn die Vorstellung, dass der erste Mann im Staat beim Hauskredit plötzlich zum Krämer wird, ist genauso lächerlich wie die Botschaft Wulffs auf der Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Ein Autor der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der die Aufnahme offensichtlich selbst gehört hat, beschreibt das so: Der Bundespräsident klinge „wie ein Ex, der noch lange nach der Trennung zwischen Rachedurst und Sehnsucht schwankt und beseelt zum spätabendlichen Monolog ansetzt“, und fügt spöttisch hinzu: „Es ist der Stoff, aus dem Countrysongs gedichtet werden.“

Die „Süddeutsche Zeitung“ lässt interpretieren. Sie hat den Literaturkritiker Hellmuth Karasek einen Satz des Wüstencowboys Wulff analysieren lassen – ohne dass Karasek bis dahin wusste, dass dies der Eröffnungssatz des Drohanrufs ist. Wulff sagt: „Ich bin auf dem Weg zum Emir.“ Karasek analysiert:  Der Erzähler ist so wichtig ist, dass er den Emir treffen kann – oder er nimmt sich so wichtig. Als Urheber dieses Satzes tippt er auf Karl May.

Vor allem aber feuert auch die Netzgemeinde aus allen Rohren. Sie ist aus Prinzip nicht zurückhaltend – und hat Spaß an Verballhornungen aller Art. Bei Twitter macht die neue Wortschöpfung „wulffen“ die Runde – als Synonym für „jemandem wütend auf die Mailbox reden“: „Werde gleich mal die Telekom anwulffen, wenn die nicht langsam einen Techniker vorbeischicken“, schreibt etwa der Twitter-Nutzer Jens Janssen. Ein anderer Spruch, der in dem Internetnetzwerk freudig weiterverbreitet wird, lautet: „Amt des Bundespräsidenten tritt von Christian Wulff zurück.“

Hunderte Nutzer dachten sich zudem mehr oder weniger lustige, aber immer hämische Filmtitel aus, die Wulffs Affäre kommentieren. „Einer flog übers Eigenheim“ zum Beispiel oder „Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft“. Auf dem Netzwerk Facebook sammelt die Seite „Wulff hat angerufen“ immer mehr Unterstützer. Das Magazin „stern“ erfand eine satirische Facebook-Seite für den Bundespräsidenten. Wulffs „Freunde“ sind dort unter anderem die Unternehmer Egon Geerkens und Carsten Maschmeyer – beide gehören im echten Leben als Geldgeber Wulffs zu seinen umstrittenen Unternehmerkontakten.

Auch eine umgebaute Werbeanzeige des Autovermieters Sixt kursiert im Internet. „Spontaner Umzug? Sixt liefert an jede Adresse“, steht dort vor einem Bild vom Schloss Bellevue. Die Autovermietung ist bekannt dafür, Peinlichkeiten von Politikern in Anzeigen als Marketinginstrument zu nutzen.

Aber nicht nur die Drohanrufe des Bundespräsidenten sorgen für kabarettistische Anklänge. Auch einige Journalisten reagieren mitunter skurril. Offenbar ein großes Thema unter Chefredakteuren: Warum hat er mir nicht gedroht?  Kai Gniffke, der Chefredakteur von „ARD-aktuell“ und damit für die Inhalte der „tagesschau“ verantwortlich, hat sich der Frage persönlich angenommen. Und zwar auf der Startseite des „tagesschau“-Internetauftritts, gleich unter der Ankündigung zum großen Interview in ARD und ZDF. Dort erklärt Gniffke im Rahmen seines Internetblogs, warum „Bild“-Kollege Diekmann und nicht er von Wulff angerufen wurde – und er überhaupt selten angerufen wird („Meine Mailbox ist ziemlich blank“).

Der Grund für die Zurückhaltung der Politiker gegenüber des ARD-Chefredakteurs, so bilanziert Gniffke sehr feierlich, sei wohl nicht, dass die „tagesschau“ von den politischen Akteuren für unwichtig gehalten werde. Gott bewahre. Vielmehr habe die Nachrichtensendung seit 1952 den Ruf „einer bis zum Starrsinn unbeeinflussbaren Institution“: „Da kann anrufen, wer will.“ Fast wünschte man sich, der Bundespräsident würde sich erbarmen. Einmal wulffen für die ARD.

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