28°/ 17° wolkig

Navigation:
Landtagswahl 2013: Streitthema Studiengebühren
Mehr aus Landtagswahl

Bildungspolitik Landtagswahl 2013: Streitthema Studiengebühren

Seit Studenten für ihre Ausbildung bezahlen, ist diese besser geworden –  doch Kritiker halten das Verfahren für unsozial. In einer Serie stellen wir wichtige Themen der Landtagswahl vor. Heute: die Studiengebühren.

Voriger Artikel
Wahlkampf geht in die heiße Phase
Nächster Artikel
Den Schweinen muss es gut gehen

„Natürlich können wir alle immer Geld gebrauchen“: Chemieprofessor Thomas Scheper mit Studenten.

Quelle: Akbaba

Hannover. Auf die richtige Strategie kommt es an. Wer Geld für etwas ausgibt, sollte wissen, was damit passiert, findet Thomas Scheper. Darum hat der Professor für Technische Chemie an alle neuen Versuchsgeräte, die aus Studiengebühren finanziert und in den Laborräumen seines Instituts installiert wurden, unübersehbare Botschaften geklebt. „Mit Ihren Studienbeiträgen verbessern wir unsere Praktika“, ist auf den Miniplakaten zu lesen. Auf diese Weise, sagt der Professor der Leibniz Universität Hannover, sei es gelungen, zumindest ­einen Teil der Studenten vom Nutzwert der Gebühren zu überzeugen.

Dabei versteht Scheper als Vater zweier Töchter, die in Niedersachsen studieren und Gebühren zahlen müssen, dass viele Familien diese lieber heute als morgen abgeschafft sähen – zumal bundesweit außer Niedersachsen nur noch Bayern die Studenten zur Kasse bittet. „Mit einem Professorengehalt geht das, aber ich frage mich, wie sich das der Postbote leisten kann“, sagt er.

100.000 Euro Gebühren pro Jahr erhielt Scheper anfangs für sein kleines Institut, an dem alljährlich etwa 140 Neuanfänger unterrichtet werden. „Das war für uns viel Geld, damit konnten wir die Praktikumsplätze technisch auf den neuesten Stand bringen“, sagt Scheper. Sechs Jahre nach Einführung der Gebühren von 500 Euro je Semester durch die schwarz-gelbe Landesregierung hat Scheper nur noch ein gutes Drittel der ursprünglichen Summe in der Kasse – die Uni hat den Verteilungsschlüssel zugunsten der Fächer mit mehr Studenten geändert. Grund zur Klage sieht der Chemiker dennoch nicht: „Wir haben systematisch in unsere Technik investiert, das zahlt sich langfristig aus.“ Das mag ein Grund sein, warum er der Landtagswahl am 20. Januar vergleichsweise gelassen entgegenblickt.

Für viele seiner Professorenkollegen  gilt das nicht. Sollten nach der Wahl statt der Christdemokraten die Sozialdemokraten politisch den Ton angeben, würden die Gebühren landesweit abgeschafft – so hat es SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil angekündigt. Gäbe es keinen finanziellen Ausgleich, würde den Fakultäten eine stattliche Summe Geld fehlen, mit der sie bisher planen. Die Philosophische Fakultät der Leibniz Universität etwa, mit knapp 4000 Studenten die größte der Hochschule, hat aktuell 1,9 Millionen Euro auf dem Gebührenkonto. Anders als die Chemiker können die Geisteswissenschaftler nicht auf lange Sicht in Labore investieren, sondern brauchen das Geld vor allem für zusätzliche Lehrkräfte – und Personalkosten fallen jedes Jahr aufs Neue an.

Was passieren würde, wenn die Campusmaut ersatzlos wegfiele, mag sich Linguistikprofessor Peter Schlobinski nicht ausmalen: „Dann würde hier alles zusammenbrechen – die Katastrophe wäre da.“ Schon die derzeitige Lehr­situation sei trotz der Zusatzeinnahmen nicht zufriedenstellend, betont der Germanist. „Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Bei uns sitzen immer noch bis zu 40 Studenten in einem Seminar – dass die sich darüber beschweren, kann ich gut nachvollziehen.“

Für Uni-Präsident Prof. Erich Barke, der stets als Befürworter der Gebühren aufgetreten ist, steht außer Frage, dass die Studienbedingungen an seiner Hochschule ohne das Geld der Studenten schlechter wären. Der Hochschulchef ist der Ansicht, dass die Zusatzeinnahmen „die Betreuungssituation für die Studenten spürbar verbessert haben“. Tatsache ist, dass aus Gebühren bezahltes Personal nicht „kapazitätswirksam“ ist. Das heißt, mit den zusätzlichen Lehrkräften erhöht sich nicht automatisch die Zahl der Studenten, die die Hochschulen zulassen müssen; rechnerisch verbessert sich so der Betreuungsschlüssel. Bei Geld aus dem Landestopf ist das anders. Die Leibniz Universität gibt fast zwei Drittel ihrer jährlichen Gebühreneinnahmen von derzeit 14,5 Millionen Euro aus, um zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, die die 22 000 Studenten unterrichten. Gäbe es die Gebühren nicht mehr, müsste eine neue Landesregierung nach Barkes Vorstellung unbedingt für einen finanziellen Ausgleich sorgen: „Andernfalls müssten Qualitätsverbesserungen in der Lehre wieder rückgängig gemacht werden.“

Auch die Landeshochschulkonferenz (LHK), die Vertretung von 21 niedersächsischen Hochschulen, hat diesen Punkt ganz oben auf der Liste ihrer „Wahlprüfsteine“ für die Parteien, die am 20. Januar antreten. „Ein Wegfall der Studienbeiträge ohne gleich hohe Kompensation bedeutet eine deutliche Verschlechterung der Betreuungs- und damit der Lehrqualität an allen Hochschulen Niedersachsens“, sagt Prof. Jürgen Hesselbach, Präsident der Technischen Universität Braunschweig und LHK-Vorsitzender. Rund 100 Millionen Euro pro Jahr verbuchen Niedersachsens Hochschulen auf den Gebührenkonten, zwischen 50 und 70 Prozent der Einnahmen fließen in Personal. Laut Hesselbach konnten damit landesweit 1000 zusätzliche Lehrkräfte und mehr als 10.000 Tutoren eingestellt werden. In Ländern wie Hessen oder Nordrhein-Westfalen, die die Gebühren abgeschafft haben, zeige sich, dass es keinen entsprechenden Ausgleich aus der Landeskasse gebe, warnt er.

Das Land Niedersachsen gibt als ­Basisfinanzierung für Forschung und Lehre an seinen Hochschulen jährlich 1,69 Milliarden Euro aus – ein Betrag, der im Zukunftsvertrag dauerhaft bis 2015 garantiert wird. Das entspricht laut Wissenschaftsministerium einer Summe von 7800 Euro pro Student im Jahr, mehr werde in keinem anderen Bundesland gezahlt. Die LHK dagegen spricht von einer „über Jahre nicht ausreichenden Finanzierung“.

Thomas Scheper bleibt gelassen. „Natürlich können wir alle immer mehr Geld gebrauchen. Aber ich mache meinen Job mit Spaß, und Spaß kommt nicht nur, wenn Geld kommt“, sagt der 56-jährige Professor, der sein Uni-Institut seit 1995 leitet. Auch Linguist Schlobinski, zwei Jahre älter als Scheper und ebenso lange Lehrstuhlinhaber in Hannover, nimmt für sich in Anspruch, mit Leidenschaft Professor zu sein. Doch in Zeiten des doppelten Abiturjahrgangs, der langwierigen, problematischen Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem und knapper Landeskassen werde jedem Lehrenden eine besondere Anstrengung abverlangt, sagt er.

Über den baulichen Zustand ihres Arbeitsplatzes können der Natur- wie der Geisteswissenschaftler nicht klagen. Scheper unterrichtet in einem 100 Jahre alten prachtvollen Gebäude, das jüngst grundsaniert wurde. „Ich bin hier richtig glücklich“, sagt der Professor, der ein Jahrzehnt mit dem alten Zustand leben musste. Schlobinski stellt den Bauten auf dem Conti-Campus, wo er lehrt, auch ein gutes Zeugnis aus. Präsident Barke, zuständig für das große Ganze, weist indes auf den Sanierungsstau hin, der alle Uni-Gebäude betrifft. Dieser summiert sich auf rund 200 Millionen Euro. Um hier gegenzusteuern, sind die Einnahmen aus Studiengebühren allerdings tabu.

Die Positionen der Parteien zu den Studiengebühren

CDU: Die Christdemokraten wollen die Studiengebühren beibehalten. Ihrer Meinung nach haben sie die Lehrqualität spürbar verbessert. Um die Gebühren sozialverträglich zu gestalten, sollen Landesdarlehen und Stipendiensysteme aus­gebaut werden. Die CDU setzt sich für eine Fortschreibung des Hochschulpakts von Bund und Ländern ein, mit dem zunächst bis 2015 rund 38 000 zusätzliche Plätze für Studienanfänger in Niedersachsen geschaffen werden sollen. Der mit den hiesigen Hochschulen geschlossene Zukunftsvertrag für finanzielle Planungssicherheit soll verlängert werden. In der Forschung sollen die Infrastruktur ausgebaut und die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft gefördert werden. Das Kooperationsverbot, das die Hochschulförderung durch den Bund einschränkt, soll gelockert werden.

SPD. Spätestens 2014/2015 wollen die Sozialdemokraten die Studiengebühren abschaffen – aus Sicht der Partei halten sie  Einkommensschwächere vom Studium ab. „Der finanzielle Ausfall für die Hochschulen wird zweckgebunden zur Verbesserung der Lehre ausgeglichen“, heißt es im Wahlprogramm. Der Hochschulpakt soll fortgeführt, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern aufgehoben werden. Die SPD will die Bologna-Reform auf den Prüfstand stellen – die Studiendauer gehört ebenso dazu wie der Übergang zum Master. Ein Fachhochschulentwicklungsprogramm haben sich die Sozialdemokraten auf die Fahnen geschrieben. Angestrebt wird auch ein Ausbau der Offenen Hochschule, ein Konzept, das Universitäten und Fachhochschulen für beruflich Qualifizierte leichter zugänglich macht.

Grüne: Auch die Grünen haben sich das Wintersemester 2014/2015 als Stichtag für die Abschaffung der aus ihrer Sicht unsozialen Studiengebühren gesetzt. Die Einnahmen, die den Hochschulen dann verloren gehen, sollen durch Geld aus dem Landesetat kompensiert werden. Dabei solle die Lehre „deutlich aufgewertet“ werden, heißt es im Wahlprogramm. Den Hochschulpakt zum Ausbau der Studienplätze wollen die Grünen verlängern – mit dem Ziel, genug Masterplätze für künftige Bachelorabsolventen zu schaffen. Die Vorgaben des ­Bologna-Systems sollen flexibler werden. Die Grünen wollen befristete Beschäftigungsverhältnisse für Nachwuchswissenschaftler fördern; die Hochschulen sollen familienfreundlicher und die Autonomie der Gremien gestärkt werden. Forschungsergebnisse sollen transparenter werden.

FDP: Aus Sicht der Freidemokraten haben sich die Studiengebühren als zusätzliches Mittel in der Hochschulfinanzierung bewährt. Künftig soll jede Hochschule ­eigenständig und abhängig vom Studienfach über eine bestimmte Höchstgrenze der Beträge entscheiden können – derzeit betragen die Gebühren landesweit 500 Euro pro Semester. Auch Professorenstellen sollen aus den Gebühren finanziert werden. Das Stipendiensystem für Begabte will die FDP erweitern. Den Hochschulen stellt die Partei mehr Autonomie in Aussicht: Sie sollen eigene Auswahlverfahren für Studenten festlegen können, das uneingeschränkte Berufungsrecht für Professoren erhalten und die Bauherreneigenschaft übertragen bekommen. In der Forschung will die FDP die Gründung von Anwendungszentren und Wissenschaftsparks vorantreiben.

Die Linke: Schon im Sommersemester 2013 wollen die ­Linken die Studiengebühren abschaffen – aus Sicht der Partei hält die Campusmaut vor allem junge Menschen aus ärmeren Verhältnissen vom Studium ab. Auch die Gebühren für Langzeitstudenten und die Verwaltungskostenbeiträge, die Studierende zahlen, will die Partei abschaffen. Wie der Wegfall der Gebühreneinnahmen kompensiert werden soll, steht nicht im Wahlprogramm. Grundsätzlich wollen die Linken die öffentlichen Ausgaben für die Hochschulen erhöhen und mehr feste Stellen für die Beschäf­tigten schaffen. Auch ein Abbau des ­Investitionsstaus in Lehr- und Forschungsgebäuden sowie Studentenwohnheimen steht auf der Agenda der Linken. Flächendeckende Tutorenprogramme sollen ebenfalls eingeführt werden; jeder Bachelorstudent soll nach ihren Vorstellungen einen Masterplatz erhalten.

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Zu wenig Wohnheime
Foto: Hilferufe am Schwarzen Brett der Uni: ASta-Sprecherin Julia Amthor sichtet die Aushänge der Wohnungssuchenden.

Ausländische Studierende haben es bei der Suche nach einer Unterkunft in Hannover besonders schwer. Das Studentenwerk und der AStA fordern neue Wohnheime.

mehr
Anzeige

Ergebnisse zur Landtagswahl Niedersachsen

Niedersachsen hat gewählt. Wir zeigen Ihnen alle Ergebnisse zur Landtagswahl übersichtlich aufbereitet – vom Land bis zu jedem einzelnen Wahlkreis.mehr

Stephan Weils Schattenkabinett

Werfen Sie hier einen Blick auf das Schattenkabinett von Stephan Weil (SPD), dem designierten Ministerpräsidenten in Niedersachsen.mehr

Ergebnisse in den Wahlkreisen

 

Koalitionsrechner

 

Die HAZ-Wahlreporter

Die HAZ-Wahlreporter Anne Grüneberg und Gerd Schild sind zwei Wochen vor der Wahl durch Niedersachsen gereist und haben Kurioses und Spannendes aufgeschrieben.mehr

Die Spitzenkandidaten

                
David McAllister Stephan Weil
Berufliche Stationen
Geboren 1971 in Berlin Geboren 1958 in Hamburg
1989 bis 1991: Zeitsoldat bei der Bundeswehr im Panzerbataillon 74 in Cuxhaven 1978 bis 1986: Jurastudium in Göttingen
1991 bis 1996: Studium der Rechtswissenschaften in Hannover 1987 bis 1989: Anwalt in Hannover
  1989 bis 1994: Staatsanwalt und Richter in Hannover
Politische Stationen
Seit 1998: Mitglied des Niedersächsischen Landtags 1994 bis 1997: Ministerialrat im Niedersächsischen Justizministerium
2002 bis 2003: Generalsekretär der CDU in Niedersachsen 1997 bis 2006: Stadtkämmerer in Hannover
1996 bis 2010: Abgeordneter im Cuxhavener Kreistag Seit 2006: Oberbürgermeister von Hannover
Seit 2010: Niedersächsischer Ministerpräsident  

Niedersachsens bisherige Ministerpräsidenten

Zehn verschiedene Ministerpräsidenten haben bislang in Niedersachsen regiert – ein Überblick aller Amtsinhaber.mehr