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Niedersachsen sucht Wege aus der Lethargie

Demografischer Wandel Niedersachsen sucht Wege aus der Lethargie

Der Süden Niedersachsens bekommt den demografischen Wandel hart zu spüren, doch der Harz zeigt, wie man aus der Lethargie herauskommen kann. 

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Überaltert, aber nicht ohne Zukunft: Im Harz, wie in Herzberg, bestimmen oft Senioren das Bild. Uni-Präsident Thomas Hanschke setzt dennoch auf den Wandel.

Quelle: dpa

Clausthal. Was hat die Universität Clausthal in der Lüneburger Heide zu suchen – mehr als 100 Kilometer vom Harz entfernt? Die Hochschule investiert in Celle, sie baut eine Forschungsstätte für die Erkundung von Erdwärme, denn dafür gibt es in der Region ideale Bedingungen, und die EU fördert das Projekt auch noch. „Wir sind vor Ort, wenn wir gebraucht werden – bevor andere dort sind“, sagt Universitätspräsident Prof. Thomas Hanschke selbstbewusst.

In Clausthal-Zellerfeld indes, einem idyllischen Bergstädtchen, hat dieser Schritt nicht nur Freude ausgelöst. „Viele fürchten, wir würden abwandern“, erklärt Hanschke. Aber er versteht diese Besorgnis nicht. „Der Bergbau im Harz war immer offen und fremden Leuten zugewandt. Dazu passt diese Ängstlichkeit nicht.“

Doch die neue Stimmungslage, die Hanschke beschreibt, ist typisch für die Problemregionen in Niedersachsen. Ob der Harz mit seinen Kreisen Goslar und Osterode, das Weserbergland oder der Osten rund um Lüchow-Dannenberg und Uelzen – in einigen Gegenden geht die Bevölkerung stark zurück, viele junge Leute ziehen weg, die alten bleiben und ihre Sorgen vergrößern sich. Dramatisch sind die Zahlen etwa für den Kreis Osterode: 1975 noch, als der Tourismus im Westharz in voller Blüte stand, lebten dort knapp 95.000 Einwohner. Im Jahr 2000 waren es noch knapp 85.000. Seither aber ist die Abwärtskurve deutlich steiler: Im vergangenen Jahr wurden gerade noch 76.000 Einwohner gezählt. Das ist ein Abwärtssog, und jede Bewegung von Firmen oder Institutionen löst die bange Frage aus: Geht nach und nach alles verloren, was hier einmal wichtig war?

Hanschke, der Uni-Präsident, sitzt in einem Spannungsfeld. Seine Universität hat Weltruf, ist vor allem in China bestens bekannt. Sogar der Forschungsminister aus Peking hat hier früher studiert. Mehr als 4300 Studenten sind eingeschrieben, so viel wie nie zuvor. Immer neue Themenfelder erschließt sich die Einrichtung, jetzt sind auch Wirtschaftswissenschaften hinzugekommen. In Clausthal-Zellerfeld gedeiht auch die Gesundheitswirtschaft, eine hochmoderne Reha-Klinik der Rentenversicherung ist entstanden. Aber auf der anderen Seite sterben rund herum die Dörfer aus, Ödnis und Lethargie sind zu beobachten – auch in Clausthal-Zellerfeld selbst. Völlig unnötig ist das, meint der Mathematiker Hanschke, ein gebürtiger Franke, der seit 20 Jahren hier lebt. Sein Rezept für die Problemregionen lautet: „Man muss die Leute begeistern können.“

Ein Beispiel: Die Universität bemüht sich, Weiterbildungsprogramme für große Konzerne anzubieten, etwa für die Telekom oder für Siemens. Als der Technologiechef von Siemens die Auswahl zwischen Aachen, Dresden, München und Clausthal treffen musste, besuchte er die alte Bergstadt. Hanschke ging mit ihm nach Goslar, wo ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus der Familie Siemens steht, zeigte ihm die historische Goslarer Altstadt und wanderte dann durch den Harzwald. „Noch während der Tour entschied er sich für uns“, sagt Hanschke.

Es sind ganz oft die weichen Faktoren, die den Ausschlag geben. Tradition in der Bergbauforschung und im Ingenieurwesen hat Clausthal sowieso. Aber die Verbindung von fachlichem Können mit attraktiver Landschaft und geschichts­trächtigen Stätten sei es, die das Herz der Leute berühre, sie zum Kommen oder Bleiben veranlasse, so Hanschke. Dazu zählt auch die Musik. Bergleute singen das Steigerlied, Hanschke ließ eine Sinfonie komponieren, die Elemente der Traditionsmusik mit modernen Klängen verknüpft. 60 Studenten spielen in ihrer Freizeit im Orchester, und auch andere Institutionen in Clausthal-Zellerfeld teilen diese musikalische Begeisterung. Die Firma Sympathec beispielsweise, die Produkte der Lebensmitteltechnik herstellt, hat kürzlich den Stargeiger Daniel Hope nach Clausthal geholt. Der Terminplan so manches prominenten Musikers sieht dann so aus: gestern New York, heute Clausthal, morgen Tokio ...

Ein Schlüssel zum Erfolg ist dabei eine gute Vernetzung, und damit wird zugleich ein großes Problem beschrieben. Hanschke hat seine TU so ausgerichtet, dass sowohl eine Kooperation mit der Uni Göttingen im Süden angepeilt wird, als auch eine Zusammenarbeit mit den Unis Hannover und Braunschweig, letztere sind sogar über die „Niedersächsische Technische Hochschule“ eng miteinander verbunden. Wer gute Partner hat, kann von den Stärken der anderen profitieren – und seine eigenen Kräfte anderen zur Verfügung stellen. Aber in Clausthal weckt er damit manchmal die Bedenkenträger und Kritiker. Das fängt schon an, wenn die Uni Veranstaltungen im nur 20 Kilometer entfernten Goslar anbietet. Goslar und Clausthal-Zellerfeld verbindet seit Jahrhunderten eine Intimfeindschaft. Die einen hätten selbst gern eine Uni gehabt, die anderen schauen mit Neid auf die historische Altstadt.

Die Neigung, sich in kleinlichen Eifersüchteleien zu vertiefen und das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren, gibt es aber auch in Clausthal-Zellerfeld selbst. Das beste Beispiel dafür ist der Zellbach, die Straße, die von der Uni direkt zum Stadtteil Zellerfeld führt. Jahrelang sind sich die Politiker im Rat der Samtgemeinde nicht einig geworden, wie man die Mauer entlang der Straße befestigen soll. Eine Variante wäre förderungsfähig gewesen – doch eine starke Gruppe im Rat will das nicht. Also liegen seit Jahren Sandsäcke neben der Mauer, um sie abzustützen – ganz so, als hätte es hier ein Hochwasser gegeben. Hanschke versteht das nicht, wundert sich auch, warum die Kommunalpolitik sich in viele kleine Einzelgruppen aufsplittert, jedes Thema zum Politikum aufbauscht und am Ende zu Kompromissen für die Sache gar nicht mehr in der Lage ist.

Pioniergeist wäre hier nötig, meint der Uni-Präsident. Im benachbarten Luftkurort Hahnenklee stehen einige Hotels der siebziger Jahre leer, durch manche Straßenzüge zieht der Geist des Verfalls. „Sich auf wenige Stärken konzentrieren, die Gastronomie modernisieren und Altes auch mal abzureißen“, wäre aus seiner Sicht ein guter Weg. Das Land könne als „politischer Sponsor“ eine Anschubfinanzierung leisten. Und die Gemeinden könnten sich beweglicher zeigen, Verwaltungskosten verringern, enger zusammenarbeiten oder gar fusionieren – für das gemeinsame große Ziel.

Eines hat Hanschke in Clausthal gelernt: Wer anfängt, findet Nachahmer. Als die Uni begann, ihr Hauptgebäude zu verschönern, zogen die Hauseigentümer in der Nachbarschaft nach. Sich Mühe zu geben und fleißig zu sein kann eben ansteckend sein – selbst in einer Gegend, die eigentlich trist ist.

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Geboren 1971 in Berlin Geboren 1958 in Hamburg
1989 bis 1991: Zeitsoldat bei der Bundeswehr im Panzerbataillon 74 in Cuxhaven 1978 bis 1986: Jurastudium in Göttingen
1991 bis 1996: Studium der Rechtswissenschaften in Hannover 1987 bis 1989: Anwalt in Hannover
  1989 bis 1994: Staatsanwalt und Richter in Hannover
Politische Stationen
Seit 1998: Mitglied des Niedersächsischen Landtags 1994 bis 1997: Ministerialrat im Niedersächsischen Justizministerium
2002 bis 2003: Generalsekretär der CDU in Niedersachsen 1997 bis 2006: Stadtkämmerer in Hannover
1996 bis 2010: Abgeordneter im Cuxhavener Kreistag Seit 2006: Oberbürgermeister von Hannover
Seit 2010: Niedersächsischer Ministerpräsident