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Wie der Wähler in Hannover tickt
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Wahlbericht Wie der Wähler in Hannover tickt

Wandernde Wähler, die Grünen auf der Überholspur und die schwächelnde CDU: Wahlforscher haben die Ergebnisse der Landtagswahlen in Hannover und dem Umland unter die Lupe genommen. Ein Blick ins Gemüt der Wähler.

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Analyse des Wahlverhaltens: Der Wahlbericht hat die Landtagswahl in Hannover genauer unter die Lupe genommen.

Quelle: Thomas

Hannover. Geht es nach dem reinen Ergebnis bei den Zweitstimmen, heißt der Sieger bei den Landtagswahlen in Hannover und dem Umland SPD. Eine zweite Partei wird allerdings die Resultate mit mindestens gleicher Freude betrachten – die Grünen. Sie haben gegenüber den vergangenen Landtagswahlen die höchsten Zuwächse erzielt, wurden erstmals in zwei hannoverschen Stadtteilen – Linden-Mitte und Linden-Nord – stärkste politische Kraft und haben ebenfalls zum ersten Mal im Umland die FDP überflügelt. „Hannover ergrünt“, sagt Andreas Martin vom Sachgebiet Wahlen und Statistik im Rathaus. Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe interdisziplinäre Sozialforschung (agis) der Leibniz Universität untersuchten die Wahlforscher, wie die Wähler getickt haben. Einige Schlaglichter.

Gegenseitige Hilfe

Das war eines der meistdiskutierten Themen schon in der Wahlnacht: Während CDU-Wähler vor allem im Stadtgebiet Hannovers die schwächelnde FDP mit Zweitstimmen aufgepumpt haben und deren Wähler im Gegenzug christdemokratische Direktkandidaten unterstützten, hat das bei SPD und Grünen nicht funktioniert. Die Verweigerung bei den Grünen dürfte die SPD angesichts knapper Resultate drei bis vier Direktmandate im Umland gekostet haben. Bei der Niederlage für Doris Schröder-Köpf war der Effekt ebenfalls im Spiel, aber ob er ausschlaggebend war, können die Statistiker nicht mit Sicherheit sagen: „Möglicherweise haben auch die Konflikte um die Kandidatur eine Rolle gespielt.“

Wandernde Wähler

Die FDP hat auch in der Region Hannover von den Leihstimmen aus der CDU profitiert. SPD und Grüne konnten merkbar frühere Nichtwähler sowie solche mobilisieren, die zuletzt den dieses Mal eingebrochenen Linken ihre Stimme gegeben hatten. Wie sehr die Grünen mittlerweile ihre Fühler nach allen Seiten ausstrecken, zeigt eine Zahl aus dem Umland: Per Saldo holten sie sich 9440 Stimmen aus dem CDU-Lager – das ist regionsweit die stärkste Wanderungsbewegung zwischen zwei Parteien.

Solide SPD

„Die Sozialdemokraten verfügen über einen stabilen Sockel von 35 Prozent bei den Zweitstimmen“, sagt Thomas Schwarzer von agis. In Hannover haben sie gegenüber 2008 in allen Stadtteilen zugelegt. Überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte die Partei in ihren angestammten Hochburgen im Westen des Stadtgebiets sowie in Teilen des südlichen Umlandes. Viele dieser Quartiere zeichnen sich durch einen hohen Arbeiteranteil und durch Wohnungsbestand aus den sechziger Jahren aus. Auch in der bürgerlichen Mitte, bei Arbeitslosen und Ausländern punktete die Partei.

Schwächelnde CDU

Die CDU hat in allen Stadtteilen Hannovers und auch im Umland verloren – auch wegen der FDP-Hilfe durch ihre Wähler in den angestammten Hochburgen in den gutsituierten Quartieren im Osten Hannovers und im Norden des Umlandes. „Das ist aber nicht der einzige Grund, vor allem in der Großstadt hat die CDU Probleme“, sagt Thomas Buitkampf von agis. In Linden-Nord beispielsweise reichte es nur noch für 8,3 Prozent. Was der Partei richtig Sorgen machen könnte: „Je jünger die Wähler, desto geringer der CDU-Anteil“, erklärt Buitkamp. Nur noch in einer nach Alter und Geschlecht erfassten Gruppe ist die CDU in Hannover stärkste Kraft: Bei den Frauen ab 60 Jahren.

Grüne auf der Überholspur

Die Grünen haben in ihren eigenen Hochburgen ohnehin, in denen anderer Parteien zum Teil ebenfalls zugelegt. Im Gegensatz zur CDU ist ihr Anteil bei den Jung- und Erstwählern recht hoch. Außerdem punkten sie bei Singles, bei Hedonisten (Genussmenschen) und bei den Bewohnern von Altbauquartieren.

Nicht Neues bei der FDP

Die FDP hat ihren Stimmenanteil im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren leicht ausgebaut – wie schon damals haben taktierende CDU-Wähler Zehn-Prozent-Ergebnisse ermöglicht. Deshalb sind die Liberalen speziell in den CDU-Hochburgen stark. In Hannover verbuchten sie in 30 von 49 Stadtteilen Zugewinne.

Linke und Piraten im Abseits

Die Linke hat ihre zuletzt vor allem in Hannover guten Wahlergebnisse verplempert und konnte dieses Mal nicht wie früher vor allem die SPD ärgern. Hannovers Piraten haben bei Nichtwählern Erfolge erzielt – aber nicht derart hohe, dass sie irgendeine Rolle spielen.

Wahlbeteiligung

Sie lag sowohl in der Stadt als auch im Umland um gut vier Prozentpunkte höher als vor fünf Jahren, aber Thomas Schwarzer gießt Wasser in den Wein: „Der Anstieg ist nicht so gravierend, wie er angesichts des Medienrummels um eine angebliche Richtungswahl hätte sein müssen.“ Erfreulich sei, dass es in der Gruppe der Jungwähler mit fast 13 Prozent den höchsten Zuwachs gegeben habe. Generell gilt: Je höher die Altersgruppe, desto höher der Anteil derer, die ins Wahllokal gehen.

Kein Weil-Bonus

Für die SPD hat es in Hannover nach Einschätzung der Wahlforscher keinen Bonus gegeben, weil ihr Spitzenkandidat hier Oberbürgermeister war. „Ein Vergleich mit anderen größeren Städten zeigt, dass die SPD dort ähnliche Resultate erreicht hat“, sagt Andreas Martin. Weil habe es geschafft, im Wahlkampf seinen Bekanntheitsgrad landesweit merkbar zu steigern. Rückschlüsse auf die in Hannover anstehende Oberbürgermeisterwahl lasse das Landtagswahlergebnis nicht zu: „Das ist eine Personenwahl, da gelten andere Gesetze.“

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Geboren 1971 in Berlin Geboren 1958 in Hamburg
1989 bis 1991: Zeitsoldat bei der Bundeswehr im Panzerbataillon 74 in Cuxhaven 1978 bis 1986: Jurastudium in Göttingen
1991 bis 1996: Studium der Rechtswissenschaften in Hannover 1987 bis 1989: Anwalt in Hannover
  1989 bis 1994: Staatsanwalt und Richter in Hannover
Politische Stationen
Seit 1998: Mitglied des Niedersächsischen Landtags 1994 bis 1997: Ministerialrat im Niedersächsischen Justizministerium
2002 bis 2003: Generalsekretär der CDU in Niedersachsen 1997 bis 2006: Stadtkämmerer in Hannover
1996 bis 2010: Abgeordneter im Cuxhavener Kreistag Seit 2006: Oberbürgermeister von Hannover
Seit 2010: Niedersächsischer Ministerpräsident  

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