Die Erleichterung nach der ersten Abiturprüfung – in Deutsch – war Sonnabendmittag an der Südstädter St.-Ursula-Schule spürbar. „Die Aufgaben des Zentralabiturs waren einigermaßen einfach im Vergleich zu dem, was unsere Lehrer sonst formulieren“, sagte Steffen Wenig, der zu den ersten gehört, die schon nach zwölf Jahren das Abitur machen. Gleichzeitig tritt zum letzten Mal ein 13. Jahrgang zu den Prüfungen an. Im Gegensatz zu vielen anderen Gymnasien der Stadt kann man an der St.-Ursula-Schule tatsächlich von einem doppelten Abiturjahrgang mit insgesamt 234 Schülern sprechen.
Allein zu den Deutschklausuren kam Sonnabend die gewaltige Zahl von 161 Abiturienten aus sechs Leistungs- und sechs Grundkursen. Die ersten Schüler hatten sich schon um 7.20 Uhr auf dem Schulhof getroffen, eine halbe Stunde bevor die Lehrer sie auf acht Prüfungsräume in drei Gebäuden verteilten. Zum Abitur kommt niemand gerne zu spät. Zum Austeilen der Aufgaben und zur Aufsicht waren 24 Lehrer im Einsatz – ein Viertel des Kollegiums. Und dann ging es für die Leistungskursschüler 300 Minuten lang anhand von Kleist und Brecht, Helmut Schmidt und Dürrenmatt um erschreckend aktuell erscheinende Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaft und dem Verständnis von Kirche und Gott angesichts von Katastrophen wie dem „Erdbeben in Chili“, das Kleist einst in einer Novelle beschrieben hatte. Es schien, als ob die Pädagogen im Kultusministerium bei der Auswahl der Texte und Aufgaben von dunklen Vorahnungen heimgesucht worden wären.
Beim doppelten Abiturjahrgang stellt sich aber ganz entscheidend noch eine andere Frage: Das Abschneiden der Zwölftklässler gilt als Nagelprobe dafür, ob Ministerium und Lehrer die Schüler genauso gut vorbereitet haben wie den 13. Jahrgang. An der St.-Ursula-Schule zählt die jüngste Abiturientin 15, die älteste 20 Jahre. „Wir haben uns am Anfang natürlich über die Jüngeren Gedanken gemacht“, sagt Larissa Kleinert, die sich selbst Hoffnungen auf ein gutes Abitur machen kann. Beim gemeinsamen Unterricht mit den Zwölftklässlern hätten sich keine Leistungsunterschiede gezeigt, sagt die 19-Jährige. Darin stimmen die jüngeren und älteren Abiturienten des katholischen Gymnasiums mehr oder weniger überein. Mehrere Zwölftklässler berichten, sie hätten vieles kompakter und zielgerichteter gelernt, mit Sicherheit verfügten sie deshalb über weniger Hintergrundwissen. „Unsere Lehrer haben das Unwichtige, was wir nicht unbedingt brauchen, herausgefiltert“, sagt der 17-jährige Kevin Jonczyk. Das habe sich bewährt. Seine eigenen Noten seien zumindest nicht schlechter als die seiner Schwester im 13. Jahrgang.
„Bei den Sprachen ist das fehlende Jahr aber sehr entscheidend“, sagt Pia Steinbrück aus dem 12. Jahrgang. Fast die Hälfte der Schüler, die noch nach 13 Jahren Abitur machen, hätte die zehnte Klasse im Ausland verbracht, sagt Laura Hinze. „Ohne danach hier ein Schuljahr zu wiederholen“, betont die 17-Jährige. Der Vorsprung in Redegewandtheit und Vokabelkenntnissen sei nicht aufzuholen.
Die große Altersspanne im Doppeljahrgang führe aber auch zu sehr unterschiedlicher Lebenserfahrung, sagt Dominika Opielka, deren Tochter zu den älteren Abiturienten zählt. „Das war bei Diskussionen in Geschichte oder Deutsch ein echtes Problem.“ Doch Schule und Prüfungen sind das eine. Aus Sicht der Mutter stehen die entscheidenden Hürden den zahlreichen Abiturienten erst danach bevor. „Meine Tochter steht bei den Bewerbungen in Konkurrenz zu deutlich jüngeren Absolventen.“
Osterferien fehlen zum Lernen
Die schriftlichen Abiturprüfungen liegen dieses Jahr komplett vor den Osterferien. Der letzte Termin ist am 13. April für Griechisch und Spanisch festgesetzt. Das Kultusministerium entlastet damit die Lehrer, die zumindest an manchen Gymnasien durch den doppelten Abiturjahrgang deutlich mehr Klausuren zu korrigieren haben als sonst. Doch den Schülern fehlt so Zeit zum Lernen. Der Unterricht endete erst eine Woche vor dem Start des schriftlichen Abiturs. „Wir hatten definitiv viel zu wenig Zeit. Wir haben noch bis vor Kurzem reguläre Klausuren geschrieben“, sagt Pia Steinbrück von der St.-Ursula-Schule. Andere Abiturientengenerationen konnten sich dagegen in den zwei Ferienwochen vorbereiten.
„Es fiel schwer, nachmittags nach dem Unterricht noch fürs Abitur zu lernen“, sagt Pias Mitschülerin Laura Hinze. Besonderes Pech haben Schüler wie Chiara Battaglia, die drei der vorgeschriebenen vier schriftlichen Prüfungen direkt nacheinander absolvieren müssen. Nach der Deutschprüfung am Sonnabend steht für die 17-Jährige heute Französisch und morgen Biologie an. Die Freundinnen haben aber zumindest die vergangene Woche gut genutzt. Ein Großteil des Jahrgangs traf sich täglich in der Stadtbibliothek zum Lernen. „Das hat echt viel gebracht“, sagt Pia.
Sabrina Brandes hat die Zeit nach dem Abi schon im Blick. Sie will Wirtschaftsingenieurwesen in Aachen studieren. Mit 17 Jahren damit zu starten, erscheint ihr allerdings fragwürdig. „Ich darf noch keinen Mietvertrag unterschreiben, und ich hätte gerne in der Schulzeit ein Jahr im Ausland verbracht.“
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