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Wie die Fichteschule mit „Rucksack“-Müttern an der Integration arbeitet

HAZ-Serie Wie die Fichteschule mit „Rucksack“-Müttern an der Integration arbeitet

Wie können Schüler lernen, wenn der Magen knurrt oder Hilfe fehlt? Wie bewältigen die Schulen das Thema Integration? Die HAZ bringt Eltern, Lehrer und Politiker aus Hannover zusammen und berichtet darüber in einer Serie. Teil 1: Die Fichteschule.

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Ohne Engagement der Lehrerinnen geht es nicht: Saskia Hintze kümmert sich um den Schüler Obed. Die Pädagogen sind für Kinder und Eltern immer ansprechbar.

Quelle: Herzog

Wie kann Einwandererkindern das Lernen gelingen, auch wenn sie anfangs nur wenig Deutsch sprechen und ihre Eltern vielleicht selbst nicht lange in die Schule gegangen sind? Mit dieser und ähnlichen Fragen sind Rats- und Landtagspolitiker auf Anregung der HAZ an die Fichteschule in Hainholz gekommen. Sechs Mütter unterschiedlicher Herkunft und vier Lehrerinnen berichteten den Gästen aus ihrem Alltag. Zum Beispiel, dass auch bildungsferne Eltern oft ein sehr großes Interesse am Fortkommen ihrer Kinder haben. „Ausländische Eltern machen sich und ihren Kindern Druck, kennen aber die Abläufe nicht“, sagt Zekiye Poyraz, deren Kinder die Fichteschule besuchen. „Doch ich kann den Eltern nicht einfach einen Abend anbieten, an dem ich ihnen das deutsche Schulsystem erkläre. Das klappt nicht, es kommt keiner“, sagt Ina Vix, Lehrerin mit dem Schwerpunkt Sprachförderung. Die Ängste und die Scheu vieler Einwanderer vor der deutschen Schule seien sehr groß.

Aber es gibt Wege, diese Barriere zu überwinden. Für Ina Vix ist das städtische Sprachförderprojekt „Rucksack in der Grundschule“ das beste Beispiel. Die Stadt bildet Mütter mit Migrationshintergrund fort, die dann wiederum anderen Müttern zeigen, wie die zu Hause am besten mit ihren Kindern üben können. Lernen die Kinder zum Beispiel in der Schule auf Deutsch alles über Igel, bekommen die Mütter von den „Rucksackmüttern“ Tipps und Materialien, um zu Hause in der Muttersprache über das Thema sprechen zu können. Die Mütter unterstützen mit den gemeinsamen Hausaufgaben ihre Kinder und bekommen eine Vorstellung davon, worauf es in der Schule ankommt. Und für die Kinder festigen sich das Wissen und die Fachwörter in ihrer Muttersprache und auf Deutsch. Der Begriff „Rucksackmütter“ wurde gewählt, weil alle Materialien, mit denen die ausgebildeten Migrantinnen arbeiten, in einen Rucksack passen.

„Die Mütter haben so viele Fragen zur Schule. Diese ‚Rucksack‘-Gruppen eignen sich sehr gut für den Austausch“, sagt Ina Vix. Die Lehrerin wiederum besucht die „Rucksack“-Gruppen und kommt mit den Frauen ins Gespräch. „Eine vertrauensvolle Atmosphäre, eine Beziehung zur Lehrerin ist für viele Mütter die Voraussetzung dafür, dass sie ungezwungen fragen und Wissenslücken zeigen können.“ Die Lehrer versuchen zudem stets, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. „Ich kenne noch Zeiten, als wir Eltern für einen Termin den Lehrern lange hinterher telefonieren mussten“ sagt Svetlana Morozov aus Kasachstan. Jetzt könnten die Eltern jederzeit kommen.

Besonders Karl-Heinz Klare (CDU) und Björn Försterling (FDP), Schulexperten aus dem Landtag, zeigen sich beeindruckt, sie kannten das städtische „Rucksack“-Projekt noch nicht. SPD-Ratsfraktionschefin Christine Kastning freut sich, dass das Projekt bei den Eltern gut ankommt. FDP-Ratsherr Jens Meyburg erkundigt sich, ob viele Familien im Stadtteil die Kinder vernachlässigen. „Wir haben vor allem viele bildungsferne Eltern, die Hilfe zur Selbsthilfe brauchen“, sagt Schulleiterin Cornelia Heimbucher.

Die vertrauensbildende Arbeit mit den Eltern sei dringend notwendig, sagt Konrektorin Kathrin Louis. „Manche Eltern haben selbst schlechte Erfahrungen in ihrer Schulzeit gemacht. Die Hemmschwelle ist hoch, auch wenn wir Lehrerinnen denken, wir seien doch nett.“ Drei Mütter der Schule sind als Elternbegleiterinnen ausgebildet und werden für die Arbeit in den „Rucksack“-Gruppen mit bezahlt. Der Bedarf an entlohnten Elternbegleiterinnen sei aber höher, sagt Schulleiterin Heimbucher. Und auch für die Arbeit der Lehrer seien mehr Stunden notwendig. „Wir machen sehr viel ehrenamtlich und nebenbei.“

Die Fichteschule nutzt so ziemlich jede Möglichkeit, ihre Kinder zu fördern, sei es mit Lese-Mentoren, Lese-Rechtschreibprogramm, Förderunterricht Deutsch als Fremdsprache, Sozialtraining, kostenlosem Mittagessen, täglich 13 Arbeitsgemeinschaften und vielem mehr. Am Lebensgefühl in der Schule und im Stadtteil hat sich in den vergangenen Jahren dafür einiges verbessert. Das Schulgebäude wirkt nach der Sanierung einladend und freundlich.

Das Bildungsmonitoring 2009 der Stadt zeigt, dass 55,2 Prozent der Viertklässler der Fichteschule eine Realschulempfehlung sowie 22,4 Prozent eine Gymnasialempfehlung bekommen haben. „Das heißt, 77 Prozent könnten auf ein Gymnasium gehen“, sagt Heimbucher. Dennoch entscheiden sich viele Eltern für die Gesamtschule. „Das scheint mir besser zu sein, denn unsere Kinder brauchen mehr Zeit“, sagt die Schulleiterin. Sie wendet sich an die Gäste aus Rat und Landtag: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten in der Türkei einen Schulabschluss machen.“

Eine Mutter betont, dass viele Eltern sich Nachhilfe nicht leisten können. „Die Hausaufgabenhilfe sollte ausgeweitet werden.“ Zekiye Poyraz, die selbst türkische Wurzeln hat, hat unter anderen Müttern für das „Rucksack“-Projekt im Kindergarten geworben. „Eltern wie wir müssen die anderen motivieren.“ Doch in Hainholz fehle es an Krippen- und Kindergartenplätzen. „Wenn das Kind schon mit drei Jahren einen Platz bekommt, ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagt Poyraz. Heimbucher berichtet, die meisten Kinder hätten sogar nur ein Jahr im Kindergarten verbracht, wenn sie in die Schule kommen. Der Landtagsabgeordnete Klare wundert sich: Was ist mit dem Rechtsanspruch? „Ja, der Rechtsanspruch“, sagt Fatma Özzengin, die sich als Mutter an der Schule engagiert. Aber manchmal stünde der Kitaplatz nur in einem anderen Stadtteil zur Verfügung, und den wollten viele Eltern nicht.

Zunehmend kämen auch deutsche Kinder mit einem sehr geringen Wortschatz in die Schule, berichtet Konrektorin Kathrin Louis. „Wir brauchen mehr Horte, damit die Kinder nachmittags gut betreut werden.“ Grünen-Ratsfraktionschef Lothar Schlieckau führt stattdessen die offene Ganztagsschule ins Feld, die die Stadt jetzt finanziell aufpolstern will. Schulleiterin Heimbucher sieht das skeptisch. „Ehrenamtliche allein helfen unseren Kindern nicht weiter.“

Bärbel Hilbig und Saskia Döhner

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