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Ein voller Magen für 50 Cent an der Grundschule Mühlenberg

HAZ-Serie Teil 2 Ein voller Magen für 50 Cent an der Grundschule Mühlenberg

Ganz Deutschland diskutiert über die Integration. In den Schulen ist sie Alltag – und Herausforderung. Die HAZ hat drei Grundschulen in Hannover besucht, gemeinsam mit Schulpolitikern aus dem Landtag und dem Rat der Stadt. Im zweiten Teil unserer Serie geht es um die Grundschule Mühlenberg.

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Täglich frisch gekochtes Essen für 50 Cent: Die Ehrenamtliche Christine Sühs von der Bonhoeffergemeinde verteilt die warme Mahlzeit an die Grundschüler.

Quelle: Nico Herzog

In den vergangenen Tagen sind gerade wieder drei neue Kinder an die Grundschule Mühlenberg gekommen. Mitten im Schuljahr und ohne ein einziges Wort deutsch zu sprechen. „Die Familien kommen aus allen Krisengebieten der Welt an den Mühlenberg“, sagt Schulleiter Willy Förster. Was das für die tägliche Arbeit bedeutet und wie den Grundschülern Entwicklungschancen eröffnet werden können, wollten Rats- und Landtagspolitiker erfahren, die auf Anregung der HAZ das Gespräch mit Eltern und Lehrern gesucht haben.

Förster selbst lebt schon lange am Mühlenberg und liebt seinen Stadtteil. Doch für viele Menschen ist das Quartier nur eine Durchgangsstation. Für das Lernen an der Grundschule hat das gravierende Auswirkungen. Im Verlauf eines Jahres verlassen rund 30 Kinder die Schule, und 30 weitere kommen neu dazu. Pro Klasse gehen im Schnitt zwei Schüler, zwei andere starten neu. Nach 16 Wechseln ist die Klasse am Ende der Grundschulzeit völlig anders zusammengesetzt. „Für unsere Schüler bedeutet das, dass Freunde plötzlich verschwinden“, sagt Förster. Die Kinder haben sich an Begrüßungsrituale und Regeln gewöhnt, sie haben Beziehungen geknüpft und einen Platz in der Gruppe gefunden. „Durch die Wechsel ist das manchmal alles wieder infrage gestellt“, sagt der Schulleiter.

Damit Kinder, die kein oder kaum deutsch sprechen, bald aktiv am normalen Unterricht teilnehmen können, bekommen sie Extraunterricht mit dem Förderprogramm „Deutsch als Zweitsprache“. „Wir bemühen uns, dass diese Kinder täglich eine Stunde altersgerecht in Kleingruppen Deutsch lernen“, berichtet Konrektorin Heike Kopp. Doch das gelingt nicht immer: Die Deutschlehrer müssen auch als Vertretung einspringen, wenn ein Klassenlehrer krank wird. Mehr Lehrerstunden für diese wichtige Aufgabe wären notwendig, sagt Kopp. Vergangene Woche zählte die Schule 14 Kinder, die aufgeteilt in mehreren Gruppen diese spezielle Deutschförderung bekommen. Doch die Anzahl der Kinder, die intensiven Deutschunterricht dringend nötig haben, kann sich schnell ändern. Der Bedarf sei größer, sagt Schulleiter Förster. „Leichtere Fälle können wir in dieses Programm gar nicht aufnehmen.“

Gefragt, ob Verwahrlosung im Stadtteil ein Problem sei, berichtet Förster von Kindern, die „morgens im Winter um sieben Uhr ohne Frühstück auf die Straße gestellt werden“. Aber das sei nicht die Regel. Die Kinderarmut sei allerdings hoch. Die Lehrer sind deshalb sehr froh über den Mittagstisch, den Ehrenamtliche der Bonhoeffergemeinde in der Schule anbieten. 95 Schüler essen für nur 50 Cent pro Mahlzeit, subventioniert von Kirchengemeinde und Energiekonzern e.on. 20 Freiwillige organisieren an fünf Wochentagen von 10 bis 14 Uhr die Essensausgabe. „So viele Ehrenamtliche könnten wir selbst gar nicht gewinnen“, sagt der Schulleiter.

Denn von den Eltern sind manche stark mit finanziellen und anderen Problemen beschäftigt, für einige sind deutsche Sprache und Schule fremd. Lehrer und Mitarbeiter versuchen, darauf mit Offenheit zu reagieren. „Wir nehmen uns viel Zeit, manchmal zwei oder drei Stunden, wenn jemand sein Kind anmeldet und wir ihn nicht verstehen“, sagt Förster. Die Schulsekretärin spiele dabei neben den Lehrern eine sehr wichtige Rolle.

Die Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass die Einstellung der Eltern den Schulerfolg der Kinder deutlich beeinflusst. „Wenn Eltern Schule als wichtig empfinden, machen die Kinder schnell im Unterricht mit“, sagt Förster.
Doch damit die Kinder gut Deutsch lernen, ist viel Hilfe notwendig. „Manche Kinder können einen Text vorlesen, aber haben ihn gar nicht verstanden.“ In der Leseförderung unterstützen Freiwillige vom Verein Mentor, Lesemütter und Schüler der Integrierten Gesamtschule Mühlenberg die Arbeit der Lehrer.

Das führt zu begrenztem Erfolg: Im Bildungsbericht der Stadt für 2009 weist die Grundschule Mühlenberg 47,7 Prozent Hauptschulempfehlungen auf und liegt damit stadtweit fast an der Spitze. 26,9 Prozent der Viertklässler bekamen eine Realschulempfehlung, 25,4 Prozent eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Umso wichtiger wäre es, dass Kinder schon vor der Schulzeit Deutsch lernen. Grundschullehrerin Annegrete Kretschmer geht dafür jeden Tag für eine Dreiviertelstunde in den Kindergarten. Sie versucht, eine Gruppe von zehn Kindern ein Jahr lang auf die Schule vorzubereiten. „Die Kinder sind oft sehr unkonzentriert, deshalb baue ich viel Abwechslung ein, mache Singspiele.“ Die angehenden Grundschüler sind meist erst seit Kurzem im Kindergarten. Manchmal versucht Kretschmer, mit den Müttern darüber zu reden. „Aber manche verstehen mich gar nicht und antworten nicht.“ Und für die Kinder sei eine Stunde Deutschunterricht am Stück zu lang. „Die Erzieherinnen könnten das viel besser in den Tagesablauf und in Alltagssituationen einbauen.“ Kretschmer ist auch davon überzeugt, dass die Sprachförderung früher beginnen müsste. „Oft lernen die Kinder in diesem Jahr mit mir nicht genug, um dann in der Schule Arbeitsanweisungen zu verstehen.“

Damit mehr Zeit dafür bleibt, sich um die vielfältigen Schwierigkeiten der Kinder zu kümmern, hat die Grundschule beantragt, zur Ganztagsschule zu werden. Doch die Lehrer sehen das bestehende Modell eines offenen, unverbindlichen Angebots mit Distanz. Das Land setzt auf Ehrenamtliche und Vereine, die Stadt will das mit zusätzlichem Geld verlässlicher und professioneller machen. „Mühlenberg hat es nötig. Aber die Bedingungen müssen auch stimmen“, sagt Schulleiter Förster. Die Schule sei nicht in der Lage, 15 bis 20 Ehrenamtliche für Nachmittagskurse zu gewinnen. Und es gebe etliche offene Fragen: Wer springt ein, wenn ein Kursleiter krank wird? Wie kann ein Angebot dauerhaft aufrechterhalten werden? „Wenn wir anfangen, muss es dann auch kontinuierlich und verlässlich laufen.“

Bärbel Hilbig und Saskia Döhner

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