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Familienprobleme hindern Schüler der Egestorffschule am Lernen

HAZ-Serie Teil 3 Familienprobleme hindern Schüler der Egestorffschule am Lernen

Während ganz Deutschland über Integration diskutiert, ist sie in den Schulen längst Alltag - und bedeutet eine große Herausforderung. Die HAZ hat drei Grundshculen in Hannover besucht, gemeinsam mit Schulpolitikern aus dem Landtag und dem Rat der Stadt. Im dritten und letzten Teil der Serie geht es um die Egestorffschule in Linden-Süd.

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Die Kinder der Egestorffschule kommen aus vielen Nationen und bilden trotz großer Probleme in etlichen Familien meist schnell eine Gemeinschaft.

Quelle: Nico Herzog

Die Lehrer an der Egestorffschule hatten sich vorher genau überlegt, wie sie den Politikern, die ihre Schule besuchten, einen Einblick in ihre tägliche Arbeit geben können. Lehrerin Nanette Gerstenberger zitiert einfach Äußerungen ihrer Schüler:

„Ich bin so müde. Ich musste auf meine Geschwister aufpassen, weil Mama Papas Arbeit macht.“
„Ich wünsche mir, dass ich nicht immer schlechte Laune abkriege.“
„Unser Kühlschrank ist leer.“
„Mir ist so kalt, und ich habe nasse Füße, weil meine Schuhe zwei Löcher haben.“
„Ich bin gestern wieder mit der Polizei zu Mama gebracht worden.“
„Ich möchte, dass einmal meine Eltern da sind.“

Die Besucher lässt die Not, die sich hinter den Äußerungen verbirgt, zunächst sprachlos. Nanette Gerstenberger erläutert, dass emotionale Bedrängnis und Armut zahlreiche Schüler beim Lernen hemmen. Dazu komme oft mangelnde Sprachfähigkeit. „Das prasselt jeden Tag in jeder Klasse auf uns ein“, betont sie.

„Viele unserer Schüler haben einen hohen Bedarf an Verlässlichkeit und emotionaler Nähe, weil sie das zu Hause nicht finden“, erläutert Schulleiterin Hannelore Oelkers. Die Lehrer wissen definitiv von 82 Kindern, dass sie selbst oder ihre Mütter geschlagen werden. Sehr häufig gebe es in den deutschen Familien in Linden-Süd Probleme. „Da stehen Eltern morgens nicht auf, und ich sehe die Kinder oft noch spätnachmittags oder abends auf der Straße.“ Oelkers erzählt von den Kindern, denen sie vorschulischen Deutschunterricht gibt: „Das sind Fünfjährige, die schon vor dem Unterricht Videospiele für 16-Jährige ansehen.“

Die Lehrer versuchen, all diese Schwierigkeiten soweit es geht mit Zuwendung aufzufangen. „Die Kinder suchen bei uns Vertrautheit und Nähe. Sie bieten uns ihre Zuneigung und erwarten, dass wir darauf eingehen“, sagt Lehrerin Sybille Gaedtke. Manchmal entsteht so eine langfristige Verbundenheit. Marianne Beuschel bekam vor Kurzem Besuch von drei ehemaligen Schülerinnen, die ihr stolz ihre Abiturzeugnisse zeigten. Die Lehrer lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Arbeit mit den Kindern gerne machen. „Wir haben ganz tolle Schüler“, betont auch Sozialarbeiterin Heidrun Uthardt. Und manche sehr engagierte Eltern. Aber die Mitarbeiter stießen alle an bestimmten Punkten an ihre Grenzen, sagt Marianne Beuschel.

Als die Politiker sich nach den Schulpsychologen des Landes erkundigen, ist die Antwort wenig befriedigend. Klassenlehrerin Sonja Köster berichtet, dass unter ihren Erstklässlern mehrere Kinder brennende Probleme hätten. Sie habe das jetzt einem Schulpsychologen in einer Fortbildung geschildert. „Er sagte, dass ich damit jede Warteliste sofort umgehen könnte. Aber für unsere Schule ist wegen eines Personalwechsels im Moment niemand zuständig.“ Das Land hat die Arbeit der Schulpsychologen vor einiger Zeit umgestellt, sie sollen vor allem Lehrer fortbilden und beraten. „Faktisch gibt es die direkte Arbeit in der Schule nicht mehr“, sagt Oelkers.

In Marianne Beuschels Klasse sind bereits vier Kinder in psychotherapeutischer Behandlung, für zwei weitere ist es vonseiten der Lehrer geplant. „Ich wünsche mir professionelle Hilfe für die Gespräche, in denen die Eltern überzeugt werden sollen. Eltern verstehen das oft als Kritik.“ Doch die Schulpsychologen kämen nicht für einzelne Kinder an eine Schule. „Sie kommen bestenfalls dann, wenn es mit einer gesamten Klasse Probleme gibt, aber das haben wir nicht.“ Die Lehrer leisteten vieles an Sozialarbeit, für das sie nicht ausgebildet seien, sagt Sonja Köster.

Karl-Heinz Klare, CDU-Landtagsabgeordneter, sorgt sich um die Belastung der Lehrer: „Bekommen Sie Supervision?“ Gyrid Hartwig berichtet, dass tatsächlich einige Kollegen ihre Arbeit professionell überprüfen lassen. „Aber das muss man sich privat organisieren und bezahlen.“

Seit 2005 ist die Egestorffschule eine offene Ganztagsschule. Doch die Lehrer halten das Modell in ihrem Stadtteil für absolut unzureichend. 137 Kinder nehmen an dem freiwilligen Angebot teil, Tendenz steigend. Grünen-Landtagsabgeordnete Ina Korter rechnet schnell nach, dass inklusive Hort und weiteren pädagogischen Angeboten karitativer Einrichtungen im Stadtteil quasi alle 250 Grundschüler nachmittags betreut seien. „Aber nicht jeden Tag“, erklärt Schulleiterin Oelkers dazu. Die Bemühungen vieler Akteure können doch nicht mehr sein als Flickwerk.

Die Mitarbeiter wünschen sich deshalb eine gebundene Ganztagsschule, in der sie sich auch nachmittags um ihre Schüler kümmern können. „Die Kinder suchen unsere Nähe, denn sie wollen vertraute Menschen um sich haben“, sagt Lehrerin Gyrid Hartwig. Statt mit ihrem Budget Honorarkräfte zu bezahlen, arbeiten die Lehrer deshalb bereits jetzt, soweit es geht, auch am Nachmittag. „Gerade unseren Schülern kann man nicht zumuten, an einem Tag mit bis zu sieben verschiedenen Erwachsenen umzugehen“, sagt Schulleiterin Oelkers.

Ein weiteres Problem bereiten die Kosten für das Mittagessen in der schönen neuen Mensa. „Viele Familien können die vorgesehenen 2,50 Euro nicht bezahlen.“ Im Stadtteil gibt es Mittagstische für Kinder für 50 Cent, für 1,50 Euro oder auch gratis. „Wir müssen das Essen teurer anbieten als der Hort“, kritisiert Oelkers.

Die Politiker, die zu der Tour durch drei Grundschulen aufgebrochen waren, hatten alle schon viele Schulen von innen gesehen. Dennoch herrschte am Ende das Gefühl vor, etwas dichter an manche Probleme herangekommen zu sein. „Da müssen kleine Kinder mit Sachen fertig werden, die Erwachsene kaum ertragen könnten“, sagte Christine Kastning, SPD-Fraktionschefin im Rat. Björn Försterling, FDP-Schulexperte im Landtag, erging es ähnlich. „Es war eine gute Idee, Rats- und Landespolitiker zusammenzubringen, denn Stadt und Land tragen gemeinsam die Verantwortung“, sagte Jens Seidel, Chef der CDU-Ratsfraktion.

Bärbel Hilbig und Saskia Döhner

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