Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Der Schattenmann

Oskar Lafontaine Der Schattenmann

„Kehrt um und folgt mir nach“: Oskar Lafontaine ruft seine Linken zum Angriff auf die Macht - aber was will er wirklich?

Dieser Tage hat Oskar Lafontaine mal wieder den Namen Gerhard Schröder erwähnt. Er wird immer ganz zappelig, wenn er von der SPD redet, wendet sich nach links und rechts und gestikuliert noch mehr als sonst. Eine Auslandskorrespondentin hatte Lafontaine gefragt, ob er sich nicht manchmal an die Spitze der SPD zurückwünsche, angesichts der Düsternis dort. „Das wär' toll“, juchzt der Kovorsitzende der Linkspartei und Kovorsitzende der Links-Fraktion im Bundestag, rudert dann aber ganz schnell zurück: „Halt, das war ein Scherz.“ Er habe schon mal einen Scherz gemacht, der ernst genommen worden sei, sinniert Lafontaine, damals, als er sagte, zwischen Schröder und ihn passe kein Blatt Papier.

Nun ist es nicht so, dass die Geschichte der SPD umgeschrieben werden müsste nach dieser Eröffnung. Aber wahr ist es schon, dass da noch etwas ist, zwischen dem Vorsitzenden der Linkspartei in Deutschland und seinen alten Genossen. Da sei schon etwas, Rachsucht nämlich, haben ihm Weggefährten in seiner neuen Partei letztens vorgeworfen, bevor sie Oskar und seinen Linken den Rücken kehrten. Nein, sagt Gregor Gysi, der andere Kovorsitzende in der Fraktion, wenn überhaupt, dann gehe es Oskar darum, der SPD einen Denkzettel zu verpassen, damit diese zur Besinnung komme.

In der Geschichte von Oskar und der SPD könnte an diesem Wochenende ein letztes Kapitel geschrieben werden. Bei der Landtagswahl im Saarland tritt er als Spitzenkandidat der Linkspartei an und steht dabei wieder einmal kurz vor der Vollendung eines Lebensziels. Nicht, dass er es erneut zum Regierungschef seines Heimatlandes schaffen könnte, wie es kurzzeitig ausgesehen haben mag. Nein, wenn es Lafontaine am Sonntag im Saarland gelingen sollte, seinen ungeliebten Nachfolger als Ministerpräsident aus dem Amt zu jagen, dann hat der begnadete Demagoge wieder einmal eine Mission erfüllt. „Das Müller-Pittche“, wie Lafontaine Peter Müller von der CDU landsmannschaftlich gönnerhaft gern nennt, habe jedenfalls „die Bux gestriche voll“.

Wenn Lafontaines einstiger Staatssekretär Heiko Maas (SPD) dann die Chance haben wird, neuer Regierungschef im Saarland zu werden, dann nur mithilfe des Abtrünnigen. „Ohne die Linke“, donnert Lafontaine im Wahlkampf über die Marktplätze von Neunkirchen, Dillingen und Völklingen, „ohne die Linke wäre die Wahl gelaufen. Ohne die Linke hat der Spitzenkandidat Maas keine Chance, Ministerpräsident zu werden.“ Das ist nicht nur im Saarland so. Wenn der SPD-Mann Christoph Matschie in Thüringen den amtierenden Ministerpräsidenten Dieter Althaus ablösen möchte mithilfe der Linken, dann geht das nur, wenn Lafontaine in Berlin den Daumen hebt.

Doch die Tragik des Oskar Lafontaine liegt darin, dass er mit dem Erreichen von Lebenszielen nicht glücklich werden kann. Wenn sich der Mensch Oskar Lafontaine treu bleiben sollte, dann wird der Politiker Lafontaine entweder bald von der Bühne abtreten oder eine neue Mission ausrufen. Als jüngster Oberbürgermeister von Saarbrücken hat er einst in den siebziger Jahren das Saarland erobert. Die SPD lag ihm zu Füßen, aber zweimal hat er den Bundesvorsitz der Partei ausgeschlagen, ihn dann 1995 in einem Putsch an sich gerissen. 1999, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hat er alles hingeworfen, weil er sich dem Kanzler Schröder in keiner Weise unterordnen wollte.

Wie ein Schattenmann bewegt sich Lafontaine auch heute noch neben und hinter der Bundes-SPD. Es ist nicht einmal seine herausgehobene Position, es ist seine pure Anwesenheit in der Linkspartei, die den Münteferings und Steinmeiers in der SPD die Machtoption durch rot-rote Bündnisse raubt. Natürlich sind da die Unvereinbarkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik. Selbstverständlich können die Agenda-Abtrünnigen in der Linkspartei keine gedeihlichen Verbindungen eingehen mit der Nach-Schröder-SPD. Aber längst gibt es stärker werdende Strömungen in der SPD, angesiedelt zum Beispiel um den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, die auf die Zeit nach Müntefering, nach Steinmeier und nach Lafontaine setzen.

Die Nach-Lafontaine-Zeit könnte schneller kommen, als dem Saarländer lieb ist. Im Juni 2007 noch hatte er die Linkspartei im Sturm erobert. Wie schon mal in der SPD auf dem Parteitag in Mannheim 1995 riss er mit einer einzigen Rede alles ein, was vorher war, und baute es auf, wie er es wollte. Schröder und Merkel erklärte er zu „Reformchaoten“, Bush und Blair zu „Terroristen“ und die Linke zur letzten Rettung auf Erden. „Kehrt um“, so sein messianisches Credo, „und folgt mir nach.“ Wer weiß schon, dass die Linke von Anbeginn an zwei Parteivorsitzende hat, Lafontaine und Lothar Bisky, wo es doch nur einen Anführer gibt. Die Alten von der PDS und der SED in der Linkspartei wissen natürlich, dass sie dem erfahrenen Strategen und seiner Eigengründung WASG die Ausbreitung der alten Honecker-Partei in die westlichen Landtage zu verdanken haben. Aber das Bild, das ein Linker mal gewählt hat, trifft es wohl eher: Erst habe der große Fisch PDS den kleinen Fisch WASG geschluckt. Vor lauter Gier habe der große Fisch aber den Hecht übersehen, der hinter ihm lauerte, um sich beide Happen zu schnappen: Lafontaine.

Lafontaines Selbstverliebtheit, sein Führungsstil aber sind nicht wohl gelitten in den östlichen Kernlanden. Ein Stalinist soll er sein, ausgerechnet das werfen ihm manche vor. „Habe ich jemanden in den Gulag geschickt?“, blafft er zurück, was für ein grandioser Witz sei das. „Inhaltliche Kritik wird oft als Majestätsbeleidigung ausgelegt“, hat sich die stellvertretende Parteivorsitzende Katja Kipping schon vor längerer Zeit einmal beschwert. Für Lafontaine ist das Kinderkram. Er arbeitet an seinen Missionen.

Die Linke ist im Umbruch. Ostdeutsche Reformer stehen gegen westdeutsche Radikale, junge Frauen gegen alte Männer, überzeugte Bürgerrechtler gegen beinharte Gewerkschafter. Nur Erfolge bei den Wahlen am Sonntag in Thüringen, Sachsen und dem Saarland, am Tag der Bundestagswahl auch in Brandenburg und Schleswig-Holstein, können den Plan Lafontaines reifen lassen, sich bald nach den Wahlen zum alleinigen Vorsitzenden der Linkspartei wählen zu lassen. Freilich gibt es schon Initativen gegen seine Machtfülle. Sie tarnen sich als Befürworter der Doppelspitze. Es gebe doch viele junge Frauen, die sich glänzend eignen würden als Kovorsitzende, heißt es zum Beispiel. Und wenn es doch, wie es die Satzung der Linken derzeit vorsieht, künftig eine Einzelspitze sein soll, dann könne das zum Beispiel auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau sein. Wenn sie ihn loswerden wollen, müssen sie so vorgehen. Gegen eine Frau anzutreten, mit dem Risiko zu verlieren, das wäre Lafontaines Sache nicht.

von Reinhard Urschel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Zur Person

Oskar Lafontaine wird nachgesagt, stets der Erste sein zu müssen.

mehr
Mehr aus Wahlkandidaten
Stühlerücken in der niedersächsischen Politik

Wer spielt welche Rolle im neuen Landtag? Einige Personalien zeichnen sich schon ab.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.

24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

mehr