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20:08 08.06.2018
Die Erziehung der Kinder und Jugendlichen wird mehr und mehr vergesellschaftet. Die Ganztagsschule ist nur ein Merkmal dieser Entwicklung. Quelle: iStock
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Hannover

Erziehung, so war es über sehr lange Zeiten hierzulande der Normalfall, ist Privatsache. Eltern – oder zumindest ein Elternteil – erziehen und betreuen ihre Kinder, schenken ihnen Zeit, Liebe, Bindung, sind ihnen Vorbild und Anker. Staatliche und kommunale Institutionen wie die Schule oder die Kita unterstützen, sind aber nicht Hauptakteur bei der Erziehung der Kleinen und Heranwachsenden.

Heute hingegen ist ein merkwürdiges Phänomen zu beobachten: Die Erziehung der Kinder und Jugendlichen wird mehr und mehr vergesellschaftet. Die Ganztagsschule ist nur ein Merkmal dieser Entwicklung. Sie soll flächendeckend eingeführt werden. Wenn sie Sinn haben soll, wird ihr Besuch verbindlich sein müssen. Kitas und Krippen wiederum sollen schon Kleinkinder aufnehmen, Rechtsansprüche die Nutzung dieser Einrichtungen sichern.

Staatliche oder kommunale Institutionen sollen also immer mehr in die Erziehung der Kinder hineinwirken können, unter Umständen sogar die Kinder aus der Familie herausnehmen. Schon gibt es die ersten 24-Stunden-Kitas. Man kann sich vorstellen, dass Horte oder sogar Schulen – zurzeit ist dieser Gedanke noch verwegen – nicht nur Tagesheime mit Aufenthaltszeiten bis zum späteren Abend sein werden, sondern irgendwann auch Übernachtungsangebote sichern.

Die “Verinstitutionalisierung“ der Erziehung

Die “Verinstitutionalisierung“ der Erziehung ist im vollen Gange. Man kann die berechtigte Frage stellen, wem das dient. Kindern und Jugendlichen oder vor allem den Erwachsenen? Wenn man sich daran erinnert, dass das Grundgesetz vor allem die Familie mit dem Auftrag der Erziehung versieht, ist die gegenwärtige Entwicklung schon erstaunlich.

Lange Zeit ist im Westen die ideologisch geprägte Erziehung in der DDR kritisch betrachtet worden. Von früh an wurden dort die Kleinkinder, Kinder und Jugendlichen Institutionen übergeben. Die Erziehungsphilosophie der Kibbuzbewegung in Israel wurde ebenfalls mit Distanz verfolgt. Die Erwachsenen waren dort in Arbeitsprozesse eingebunden, die Kinder wurden von früh an Erziehungseinrichtungen anvertraut. Nur zum Wochenende kam die Familie zusammen, kamen die Kinder quasi zu Besuch nach Hause. Hierzulande undenkbar. Oder nicht mehr?

Erstaunt wurde vor wenigen Wochen die Nachricht zur Kenntnis genommen, dass die französische “Ecole maternelle“ für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren Pflicht werden wird. Ursprünglich waren es sozialistisch-kommunistische Lebensformen, die diese Vergesellschaftung der Erwachsenen und ihrer Kinder begründeten. Und jetzt kann man ähnliche Entwicklungen bei uns beobachten.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Kinder?

Ohne in konservativ getönte Moralisierung zu verfallen, ist es wichtig, grundsätzlich über diese Entwicklung nachzudenken. Was spricht eigentlich dafür und was dagegen?

Offensichtlich dient sie vor allem Eltern, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anstreben. Sie hilft Frauen, im Sinne der Gleichberechtigung auch beruflichen Tätigkeiten nachgehen zu können. Sie entlastet Alleinerziehende von dem ständigen Druck, Geld verdienen zu müssen und dabei die Kinder zu vernachlässigen.

Es gibt natürlich auch die in meinen Augen problematische Einstellung, nach der es schick ist, beruflich erfolgreich zu sein und auch Kinder zu haben, aber leider für die eigenen Kinder nicht genug Zeit zu haben. Die große Frage ist, ob diese Entwicklung eigentlich auch für die Kinder und Jugendlichen gut ist. Diese wird sehr viel seltener gestellt.

Eine Ganztagsschule muss mehr als nur Aufenthaltsort sein

Die Ganztagsschule will den ganztägigen Aufenthalt für Kinder und Jugendliche sichern. Solange sie ein offenes Angebot ist, besteht die Gefahr einer Zweiteilung: Die “Tuareg-Eltern“ holen ihre Zöglinge mittags ab, die “Corsa-Eltern“ lassen ihre Kinder den ganzen Tag in der Schule. Gemeinsames Leben und Lernen entsteht also nicht. Die einen gehen, die anderen bleiben und nehmen am Karate-Kurs der Johanniter am Nachmittag teil. Die Lehrer und Lehrerinnen machen ohnehin mittags “Schicht“.

Diese Ganztagsschule ist eine Sozialeinrichtung für Familien, die es schwerer haben. Wird die Ganztagsschule hingegen für alle zur Pflicht, steht sie vor der Herausforderung, nicht nur Aufenthaltsort zu sein, sondern mit einer gekonnten Rhythmisierung des ganzen Tages zu einer Lebensbereicherung zu werden.

Bei den Kitas gilt ebenfalls: Aufsicht und freie Spielphasen reichen nicht aus. Kitas müssen einem Bildungsauftrag genügen, der neben gezielter Sprachförderung die Welt erschließen hilft, also Bildungserlebnisse ermöglicht.

Fehlende dauerhafte Bindung in der Kindheit ist problematisch

Für die Krippen stellt sich die Herausforderung noch einmal ganz anders. Aus der Bindungstheorie ist bekannt, dass das sogenannte Urvertrauen, das ein Mensch braucht, um ein positives Verhältnis zu den Menschen und zur Welt generell zu gewinnen, in der frühen Kindheit durch enge Beziehungen zu einem oder beiden Elternteilen gewonnen wird. Körperliche Nähe und ständige Zuwendung sind die beiden Grundbedingungen.

Kann sich dieses Urvertrauen durch fehlende dauerhafte Bindung nicht entwickeln, können Beziehungsstörungen entstehen, die für das Aufwachsen und für das Leben generell von fataler Bedeutung sein können. Nun ist die Frage, ob sich dieses Urvertrauen bei einem ständigen Wechsel aus dem Zuhause in die Krippe und zurück entwickeln kann, und ob Erzieherinnen, die immer für eine Gruppe zuständig sind, diese intensive Zuwendung – nicht nur füttern und wickeln, sondern schmusen und liebhaben – leisten können.

Für die weiteren öffentlichen Institutionen – Kita und dann die Schule – stellen sich diese Fragen ebenfalls. Institutionen haben ihre eigene Struktur, die durch Organisation, Regulierung und eben Öffentlichkeit bestimmt ist. Wenn man den ganzen Tag dort verbringen muss, sind unter Umständen Rückzugsmöglichkeiten und eigene Reviere (zum Beispiel das Kinderzimmer) nicht gegeben – Privatheit und Intimität verringern sich. Man lebt den ganzen Tag in nicht privater Umgebung, natürlich mit größerer Fremdbestimmung.

Muße wird zur Rarität

In Institutionen ist die persönliche Zuwendung immer begrenzt, da es um Gruppenbetreuung geht. Und selbstverständlich wird die Zeit für Freizeitaktivitäten an anderen Orten knapper (zum Beispiel in Vereinen), wie überhaupt die Durchplanung des Alltages – aufstehen, losgehen oder losfahren, am Nachmittag das Ganze zurück – viel Unruhe schafft. Muße wird zu einer kostbaren Rarität.

Das alles soll nicht ein Plädoyer für die Rückkehr zu biederer und anheimelnder Familienerziehung sein, sondern Lebensqualitäten aufzeigen, die bei zunehmender Vergesellschaftung der Erziehung verloren gehen könnten. Was wird öffentliche Erziehung für den seelisch-emotionalen Haushalt der Kinder bedeuten? Es muss neben den Bedürfnissen der Erwachsenen auch immer wieder an das Kindesinteresse erinnert werden.

Und dann ist da noch die Frage, ob die Erziehungsintentionen von Eltern und Institutionen sich von vornherein decken oder ob sich daraus Spannungen ergeben könnten. Gelingt es, Familienerziehung und öffentliche Erziehung in Einklang zu bringen, mag der Paradigmenwechsel ein Gewinn sein. Aber die Anforderungen sind groß. Es könnten sich auch Probleme und Nachteile einschleichen. Dies ginge vor allem zu Lasten der Kinder.

Manfred Bönsch Quelle: Villegas

Zur Person: Manfred Bönsch ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Leibniz-Universität Hannover. Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die Theorie der Schule sowie allgemeine Didaktik.

Von Manfred Bönsch

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