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Frauen-WM ist für Steinhaus Höhepunkt als Schiedsrichterin

Karriere mit Pfiff Frauen-WM ist für Steinhaus Höhepunkt als Schiedsrichterin

Die Teilnahme an der Frauen-WM ist für Bibiana Steinhaus der Höhepunkt als Fußball-Schiedsrichterin. Besonders fest werden die Daumen in ihrer Geburtsstadt Bad Lauterberg gedrückt. Ein Heimatbesuch.

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Die Fußballkarriere von Bibiana Steinhaus begann auf dem idyllisch gelegenen Platz des SV Bad Lauterberg – die Klappsitze allerdings stammen aus Hannovers altem Stadion.

Quelle: Archivbild

Bad Lauterberg. Heimat schmeckt süß. Wenn Bibiana Steinhaus nach Bad Lauterberg kommt, führt der erste Weg immer ins „Café Mangold“. Ein paar Tüten Lauterberger Lehm kauft sie dort, Schokoladenstücke mit Mandeln, Rosinen, Kokos und Nüssen, auch diesmal, bei ihrem letzten Abstecher kurz vor Beginn der Frauen-Weltmeisterschaft am Sonntag nächster Woche. Der Zwischenstopp gehört zum festen Heimkehrritual der Schiedsrichterin – wie die Runde durchs Zentrum des 12.000-Einwohner-Städtchens. „Einmal um den Pudding und schauen, ob noch alles da ist“, sagt sie und fährt langsam durch die verkehrsberuhigte Zone, vorbei an der gelbgetünchten St.-Andreas-Kirche, in der sie konfirmiert wurde, die steile Straße am Weinberg hoch, ihre frühere Joggingstrecke. Es ist noch alles da.

Steinhaus schafft es aus ihrem Wohnort Hannover nur noch zwei-, dreimal im Jahr in ihren Geburtsort. Dann aber kommt Sentimentalität auf; die Harzer Berge bedeuten ein Stück Heimat. „Hier habe ich meine Wurzeln, hier bin ich geerdet“, sagt die 32-Jährige, „das hängt natürlich mit den Menschen zusammen, die mir nahe sind.“ In Bad Lauterberg ist sie nicht „Bibi“, Deutschlands bekannteste Fußball-Schiedsrichterin, in Bad Lauterberg ist sie „die kleine Rien“, nach dem Mädchennamen ihrer Mutter.

Einer der nahen Menschen wartet auf dem Sportplatz des SV Bad Lauterberg. Klaus Henkel leitet den Klub mit seinen etwa 500 Mitgliedern und 16 Fußballmannschaften, darunter zwei Frauen- und drei Mädchenteams; und seit sich das Niedersachsen-Stadion in eine schmucke WM-Arena gewandelt hat, steht neben der Seitenlinie eine ausrangierte Reihe Klappsitze aus Hannover. Auf sein prominentes Mitglied ist der Verein „sehr stolz“, wie Henkel betont, „besonders, weil sie den Bezug zu ihrer Heimat nie verloren hat“. Deshalb legen die Bad Lauterberger viel Wert darauf, dass Steinhaus, die meist als Hannoveranerin bezeichnet wird, weil sie in der Landeshauptstadt lebt und dort im Polizeidienst arbeitet, eine von ihnen ist – und noch immer Mitglied des SV.

Das Kreuz mit dem Kreuz

Auf dem idyllischen Platz am Waldrand, gleich neben Bratwurststand und einem plätschernden Bach namens Lutter, begann Steinhaus’ Fußballleben. Sehr früh, weil sie ihren Vater oft begleitete. „Sie kam immer mit zum Training“, erzählt Horst-Dieter Steinhaus, „dabei hat sie ihre Liebe zum Fußball entdeckt.“ Der Vater fand’s gut, obwohl die Tochter zu dieser Zeit noch das Schwimmen vorzog. Mit achtbaren Erfolgen, bis zu den deutschen Meisterschaften schaffte es die Blondine. Doch dann, über diese Geschichte können Vater und Tochter mittlerweile herzlich lachen, sorgte ihr „Schwimmerkreuz“ dafür, dass sie ein Kleid für den Tanzabschlussball nicht mehr schließen konnte. Sie war 14 – und hörte mit dem Schwimmen auf. „Das gab Ärger damals“, sagt Steinhaus heute, während ihr Vater vorgibt, sich nicht mehr so recht erinnern zu können.

Die 14-Jährige begann selbst zu kicken, als Verteidigerin. „Wo sonst sollte man die schnellen Großen hinstellen, die nicht mit dem Ball umgehen können?“, fragt sie lachend und nennt sich „ziemlich talentfrei“. Ihr Vater würde das nie so hart ausdrücken; doch irgendwie muss sich Horst-Dieter Steinhaus in seiner Tochter erkannt haben: Nachdem er erst mit Anfang 40 das Fußballspielen begonnen hatte, wechselte er mangels Talent bald auf die Schiedsrichterseite – und gab diesen Ratschlag nun weiter. Unterstützt von „Mampfer“, dem Schiedsrichter-Obmann des Vereins.

„Mampfer“ heißt eigentlich Wolfgang Illhardt, doch in Bad Lauterberg nennt ihn niemand so. Wenn Steinhaus bei ihm vorbeischaut, gibt es Waffeln, auch dies ein festes Heimkehrritual. „Mampfer“ hat mal ein Spiel von Steinhaus gepfiffen, „danach habe ich ihr gesagt, werd’ lieber Schiri“. Er schickte sie 1995 in den Anfängerlehrgang und unterstützte sie intensiv. „Er war immer für mich da“, sagt Steinhaus, „bei all den Dingen, die man nach der Prüfung das erste Mal machen muss, ob Platz abnehmen oder Spielerpässe kontrollieren.“ Auf dem Platz stand sie allein, einsam war sie nicht. „,Bibi‘ ist von Anfang an mit guten Leistungen aufgefallen und konnte sich immer gut einschätzen“, sagt „Mampfer“. Und noch lieber erzählt er von Steinhaus’ erstem Spiel in der Bezirksklasse, nach dem der Beobachter sagte, die 16-Jährige müsse raus aus der Klasse: „Da wäre ich fast in Ohnmacht gefallen! Eine Woche später hat sie Bezirksliga gepfiffen.“

Es ging rasant voran. Zunächst kam die Jugendliche bei Ziehvater „Mampfer“ und Vater Horst-Dieter an der Linie zum Einsatz. Wenige Monate später begleitete sie die damalige FIFA-Schiedsrichterin Antje Witteweg aus Herzberg als Assistentin in der Frauen-Bundesliga. Begegnungen als Schiedsrichterin im Männerspielbetrieb folgten; fortan kamen „Mampfer“ und Vater Horst-Dieter als Assistenten mit. „Das war für uns eine neue Situation: Bis dahin hatte Papa das letzte Wort, und ich habe mich untergeordnet. Jetzt war es andersrum, und ich musste ihm sagen, wo es langgeht“, sagt Steinhaus.

Auf dem Schulhof hatte sich die Schiedsrichterlaufbahn Mitte der achtziger Jahre noch nicht angedeutet. Ein Abstecher zum roten Backsteinbau der Grundschule am Hausberg gehört ebenfalls zur Heimatrunde durch Bad Lauterberg. „Damals gab’s hier keine Schaukeln“, sagt sie und schwingt sich lachend auf. Damals gab’s eine Ecke auf dem Schulhof, in der die Kinder ihre Jacken als Torpfosten ablegten und loskickten, bis der Gong sie zurück in den Unterricht rief. Schülerin „Bibi“ mittendrin, „ich war eben ein Hosenmädchen“. Eines, das Sport zum Lieblingsfach erkoren hatte, besonders, wenn ein Ball im Spiel war. Ob die Jungs das toll fanden, mit einem Mädchen Fußball zu spielen? „Weiß ich nicht mehr – aber ich hätte es bestimmt schon damals ignoriert.“

So wie sie die Zwischenrufe überhört, wenn sie auf dem Platz steht. Ihr Vater erinnert sich an ein Spiel der Männer-Oberliga in Hamburg, das er und Mutter Renate auf der Rückreise vom Nordseeurlaub besuchten. Über die Schiedsrichterin hätten die Zuschauer geschimpft, erzählt Horst-Dieter Steinhaus, „da war meine Frau sehr erschrocken“. Die Eltern fingen umgehend an, die Schiedsrichterin zu loben. Weil sie ihre Tochter ist, logisch, und weil sie ihre Sache gut machte, wie meist. „Sie tritt selbstbewusst auf, konzentriert, bleibt aber nett und freundlich dabei“, sagt der Vater.

Bei einer Frau, sagt Ziehvater Illhardt, schauten alle genauer hin, damals noch mehr als heute, „da muss die Leistung immer stimmen“. Und der Umgangston. Steinhaus könne Sprüche einstecken und sie erwidern, wirke dabei aber nie arrogant, meint „Mampfer“ und muss grinsen. Ein Torwart sei einmal vor ihr auf dem Rasen liegengeblieben, um sich nach eigener Aussage ihren „knackigen Mädchenpo“ besser anschauen zu können, erzählt er. „Und was sagt ,Bibi‘? ,Ihrer ist aber auch nicht schlecht‘ – das habe ich bewundert.“

Das Blitzlichtgewitter hat sich verzogen

Für Bibiana Steinhaus spielte das Geschlecht keine Rolle, auf eine Sonderbehandlung hat die einzige Frau unter 42 Schiedsrichtern im deutschen Profifußball nie Wert gelegt. Die Männer-Frauen-Diskussionen beim Fußball ist sie leid, zumal sich die Aufregung um ihre Person gelegt hat, seit sie am 21. September 2007 ihr erstes Zweitligaspiel zwischen dem SC Paderborn und 1899 Hoffenheim gepfiffen hat. Mittlerweile bricht kein Blitzlichtgewitter mehr los, wenn sie als Vierte Offizielle die Bundesligatrainer beruhigt. Oder mit ihren 1,81 Metern den Zweitligakickern ungerührt einen farbigen Karton vor die Nase hält. Wie zuletzt, als sie das Duell der Bundesliga-Aufsteiger zwischen Hertha BSC und dem FC Augsburg vor 78 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion leitete. „Eine sensationelle Atmosphäre“, fand sie – und zückte nach einer „Notbremse“ selbstverständlich die Rote Karte. Einer von nur zwei Feldverweisen, die sie in ihren 32 Zweitligaspielen verhängen musste.

„So souverän war ,Bibi‘ schon in jungen Jahren“, sagt „Mampfer“. Seit 25 Jahren ist er Schiedsrichter-Obmann beim SV Bad Lauterberg, seit 13 Jahren Schiedsrichter-Lehrwart im Fußball-Kreis, „doch so ein Talent wie ,Bibi‘ hat man nur einmal im Leben.“ Er sitzt im „Klabuster“, auch ein Ort, der zum Fußball in Bad Lauterberg gehört. In der Kneipe hängen die Logos aller norddeutschen Bundesligisten an der Wand, und wer Bier und Fußball live genießen will, kommt an Spieltagen hierher. Illhardt blickt gern zurück auf die zehn Jahre, die er ab 1999 an Steinhaus’ Seite in der Frauen-Bundesliga und Männer-Oberliga winkte: „Sie hat ihre Sache auf dem Platz gemacht, wir hatten Spaß auf der Fahrt.“ Wie auf dem Weg nach Barsinghausen, als sie vor lauter Regelabfragerei die richtige Autobahnabfahrt verpassten.

Wer Vater Horst-Dieter und Ziehvater „Mampfer“ zuhört, spürt ihren Stolz. Am Fernsehgerät verfolgen sie die meisten Auftritte von Steinhaus, gelegentlich sitzen sie auch im Stadion. Keine Frage, wen die Schiedsrichterin gleich anrief, als sie von ihrer WM-Nominierung erfuhr: zuerst die Eltern, dann „Mampfer“. „Sie fühlen, leben und leiden mit mir“, sagt sie.

Wenn Steinhaus sich in diesen Tagen zur WM begibt, ihrer ersten, wird dies der Höhepunkt ihrer Karriere sein. Trotzdem bedauert sie es sehr, deshalb die Hochzeit ihrer jüngeren Schwester Kim-Britt zu verpassen. Trost kam von Vater Horst-Dieter: Er habe ihr mit einem Augenzwinkern gesagt, heiraten könne man öfter, „aber eine WM pfeifst du nur einmal“. Dem wollte die Tochter nicht widersprechen, ausnahmsweise.

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