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Der kleine Napoleon

96-Meistertrainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein Der kleine Napoleon

Hannes Baldauf weiß es noch, als sei es gestern passiert. Dabei sind mehr als 60 Jahre vergangen, seit er im Hamburger Volkspark Hannover 96 stürmen und siegen sah. An jenem 23. Mai 1954 krönten sich die „Roten“ zum deutschen Fußballkönig. 96-Meistertrainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein wäre am ersten Weihnachtstag 100 Jahre alt geworden

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Die Korpulenteren saßen in der Sauna oben und durften erst raus, wenn „Fiffi“ es erlaubt hat.

Quelle: Herbert Rogge

Hannover. „Wir konnten das alles kaum begreifen“, sagt der 76-Jährige. Mit 5:1 hatte eine Mannschaft von Namenlosen den 1. FC Kaiserslautern an die Wand gespielt, der fünf Spieler in seinen Reihen hatte, die wenige Wochen später den Weltmeistertitel nach Deutschland holten. Am Tag darauf jubelte Baldauf in Hannover den Helden von Hamburg bei ihrem Triumphzug durch die Stadt zu – und damit auch jenem Mann, der das Ganze erst möglich gemacht hatte: Helmut Kronsbein. Der damalige Trainer der „Roten“ ist längst eine Legende. „Fiffi“, wie er genannt wurde, wäre am 25. Dezember 100 Jahre alt geworden.

Vor hundert Jahren wurde Helmut "Fiffi" Kronsbein geboren, der mit Hannover 96 im Jahr 1954 als Trainer die Meisterschaft gewann. Die besten Bilder seiner Karriere.

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Baldauf hat Kronsbein nicht nur aus der Distanz und als Anhänger des Vereins erlebt, der 1954 zum zweiten Mal deutscher Meister wurde. Er hat in den sechziger Jahren unter Kronsbein im Trikot der „Roten“ in der Bundesliga gespielt; in den Siebzigern war er nicht nur sein Assistent, sondern als Cheftrainer auch sein Vorgänger und Nachfolger. So verrückt und so wechselhaft war 96 damals.

Baldauf hat Kronsbein in der Stunde des Erfolgs ebenso erlebt wie in Momenten bitterer Niederlagen. Für ihn war er ein Lehrmeister, der nicht alles, aber viel richtig machte. „Ich habe von ihm gelernt, dass Disziplin enorm wichtig ist“, sagt Baldauf. „Er war ein Trainer der alten Schule: sehr streng und sehr direkt, er hat die Spieler hart rangenommen. Aber er hat einem nichts nachgetragen.“

„Wer sich nicht quälen will, der wird den Erfolg auch nicht finden.“

Von Kronsbein, der als Hauptfeldwebel und mit gelähmter linker Hand aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, ist die Aussage überliefert: „Wer sich nicht quälen will, der wird den Erfolg auch nicht finden.“ Ein Grund, warum ihn seine Spieler auch einen Schleifer nannten. „Wir haben trainiert bis zum Erbrechen“, sagt Hannes Tkotz, der 96 im Finale gegen Kaiserslautern in Führung schoss. Berüchtigt waren Strafübungen mit dem Kopfballpendel, dem „Galgen“, oder in der „Sandkuhle“ an der früheren Radrennbahn. Der Mann setzte auf den militärischen Dreiklang aus Disziplin, Gehorsam und starker Physis. Dazu kam ein ausgesprochener Kontrollwahn. Und wehe, Kronsbein wurde bei einer Entscheidung nicht gefragt.

Hannes Kirk, ein anderer Meisterspieler von 1954, hat einmal gesagt, Kronsbein sei „ein Kommisskopp durch und durch“ gewesen. Heinz Bothe, der in Hamburg Stopper spielte, meint: „Er war ein kleiner Napoleon und für Kritik nicht zu haben.“ Der damalige Torwart Hans Krämer sieht das etwas anders: „Kronsbein war nicht der Hauptfeldwebel, wie man ihn sich vorstellt. Er hatte Herz, und er hatte seine Macken. Er duldete niemand neben sich.“ Und er habe genau gewusst, was er als Trainer an jenem 23. Mai zu tun hatte: „Er hat uns so eingestellt, dass wir mit riesigem Selbstvertrauen ins Finale gegangen sind.“ Taktisch musste er da nicht viel machen, wie der 2010 gestorbene Kirk berichtete. „Er sagte nur: ,Wir spielen wie immer von hinten heraus.’“

Noch heute kommt bei Fußballanhängern das Gespräch auf Geschehnisse, die sich um Kronsbeins wechselvolle Zeiten in Hannover ranken. Etwa die Anrufe mitten in der Nacht, mit denen er überprüfen wollte, ob Spieler nur nicht aus der Reihe tanzten, indem sie sich in einer Kneipe das Bier schmecken ließen. Meisterspieler Rolf Gehrcke, den Kronsbein bei seinem zweiten Engagement bei 96 reaktivieren wollte, erinnert sich: „Als ich das abgelehnt habe, wurde ich so etwas wie sein Assistent, musste bei einigen Spielern am Abend vor einer Begegnung im Auto vor dem Haus Wache halten.“

„In manchen Dingen war er wie ein Diktator. Er wollte das Beste aus den Spielern herausholen – mit den ihm eigenen Methoden“, sagt Hans Siemensmeyer, noch so ein 96-Altgedienter.

Siemensmeyer, den Kronsbein selbst 1965 von Rot-Weiß Oberhausen nach Hannover lotste, hatte sein ganz spezielles Erlebnis mit „Fiffi“. Auch da war Hamburg der Ort des Geschehens, diesmal ohne Happy End: In der Bundesliga ging 96 am 30. Oktober 1965 gegen den HSV als Verlierer vom Platz. Kronsbein kreidete Siemensmeyer an, das entscheidende Tor zum 1:2 durch einen verlorenen Zweikampf verursacht zu haben. „,Sie sind schuld’, hat er mir in der Kabine vorgehalten“, berichtet Siemensmeyer. „Widerworte hat er nicht geduldet. Schließlich hat er mich wie einen Hund rausgejagt aus dem Raum.“ Ein Schock für den damals 25-Jährigen, aber geschadet hat es der Karriere von Siemensmeyer nicht, dass er so an der Ehre gepackt wurde. Bis 1974 spielte er 278-mal für 96 in der Bundesliga, er war Kapitän der „Roten“ und bestritt 1967 drei Länderspiele.

In jenem Jahr war Kronsbein in Hannover schon wieder Geschichte. Nach dem grandiosen 5. Platz im ersten Bundesligajahr, der auf den triumphalen Aufstieg 1964 folgte, war 96 in der zweiten Erstligasaison in der Mittelmäßigkeit versunken. Der Trainerheld von einst bekam wie schon zehn Jahre zuvor den Erwartungsdruck zu spüren – und im April 1966 von den „Roten“ den blauen Brief. Das einstige Erfolgsrezept funktionierte nicht mehr.

Kronsbein beklagte sich vor seinem zweiten Rauswurf beim 96-Vorstand darüber, nicht die benötigten personellen Verstärkungen erhalten zu haben. Das Gleiche war von ihm schon in den fünfziger Jahren zu hören gewesen, als der Meisterlorbeer zu welken begann.

Die Geschichte wiederholte sich – auf eine Weise, wie sie für 96 seinerzeit irgendwie typisch war. Im März 1974 kehrte Kronsbein mit wehenden Fahnen aus Berlin zurück, um 96 vor dem Abstieg zu retten. Diese Mission misslang, im Jahr darauf, mit dem Wiederaufstieg, war Kronsbein aber der Messias. Für ein paar Monate: Im Januar 1976 wurde er entlassen, erneut herrschte höchste Alarmstufe im Abstiegskampf.

Schließlich das vierte und letzte Kapitel, auch ein schmerzliches: 96 trat in der 2. Liga auf der Stelle, war finanziell mausetot – da sollte „Fiffi“ noch mal für Belebung sorgen. Immerhin reichte es 1977 und 1978 zweimal zu Platz 5, nicht aber zum dritten Aufstieg der„Roten“ mit ihrem Trainer-Grandseigneur.
„Fiffis“ 96-Zeit war zu Ende.

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