Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
"Warum hat sich 96 nicht aufgebäumt, Herr Schulz?"

Das HAZ-Fan-Interview "Warum hat sich 96 nicht aufgebäumt, Herr Schulz?"

Warum nicht mal einen Fan mit Stammplatz in der Nordkurve und den 96-Kapitän zusammenbringen? Christian Schulz hat nicht lange überlegen müssen, als ihn die HAZ mit dieser Idee konfrontierte. Herausgekommen ist ein Gespräch über fehlende Tore, die Fehler von Thomas Schaaf, und was dessen Nachfolger Daniel Stendel anders macht.

Voriger Artikel
Kein Interesse am großen Knall
Nächster Artikel
Stendel will den Fans etwas bieten

Christian Schulz (links) ist der dienstälteste 96-Profi. Ole Hermanns ist 96-Fan seit 1988, seitdem unterstützt er die „Roten“ als Dauerkarteninhaber von seinem Platz in der Nordkurve aus.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Entstanden ist die Idee des HAZ-Fan-Interviews nach dem bislang letzten Heimspiel des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 gegen den Hamburger SV (0:3), als viele Fans die 96-Profis verhöhnt hatten. Herausgekommen ist nun ein Gespräch zwischen Ole Hermanns, seit 1988 Fan der „Roten“, und Schulz, dienstältester 96-Profi – über fehlende Tore, die Fehler von Thomas Schaaf, und was dessen Nachfolger Daniel Stendel anders macht. Und natürlich: Wie geht es nächste Saison weiter?

Herr Hermanns, Hannover 96, Ihr Verein, wird am 14. Mai in München mit großer Sicherheit erst einmal das letzte Erstligaspiel bestreiten und in die 2. Liga absteigen. Wie fühlt sich das für Sie als Fan an?

Ole Hermanns: Im Moment ist die Enttäuschung sehr groß. Ich bin traurig und auch sauer. Ich gehe seit knapp 30 Jahren zu den Spielen von Hannover 96. Es gab immer Höhen und Tiefen. Doch in den vergangenen Jahren wurden sehr viele Fehler gemacht. Und was mich nervt, ist die Art und Weise, wie sich vor dem 2:2 bei Hertha BSC auf dem Platz präsentiert wurde. Da fehlte mir das Aufbäumen. Warum war das so, Herr Schulz?

Christian Schulz: Wir sind rausgegangen und haben uns vorher gesagt: „Wir schaffen das!“ Wir nehmen uns immer sehr viel vor für die Spiele. In der Rückrunde sind wir von Endspiel zu Endspiel gesprungen. Das sah anfangs auch ganz ordentlich aus. Bis wir ein Gegentor fingen. Da verstehe ich die Fans, dass ihnen dieses „Jetzt erst recht“-Gefühl fehlte. Wir können mal einen Treffer schlucken. Aber man kann ja Spiele drehen, in Berlin lagen wir auch schnell zurück (am Ende reichte es zu einem 2:2, d. Red.).

Unter Thomas Schaaf ist nach einem Rückstand nur beim VfB Stuttgart ein  Sieg gelungen.

Christian Schulz: Genau. Da lagen wir auch 0:1 hinten und haben noch 2:1 gewonnen. Es gibt diese Möglichkeit immer. Das Hamburg-Spiel ist ein gutes Beispiel: Wir waren nah dran. Wir hatten Chancen, waren in der ersten Halbzeit sogar besser als die Hamburger. Wir hatten viele Situationen dabei, wo der Ball reingehen kann. Wir machen aber das verdammte Tor einfach nicht.

Ole Hermanns: 96 hat inklusive dem Hertha-Spiel bisher sechs Tore in der Rückrunde erzielt. Zwei davon haben Sie beigesteuert. Das ist zu wenig.

Christian Schulz: Unterm Strich fällt alles genau damit. Wir haben immer wieder das Gefühl „Heute klappt es“. Wir nehmen ja auch mit in die Spiele, dass wir nicht viele Tore machen. Dann bekommen wir ein Gegentor, und auf einmal ist der Glaube weg, und es fängt im Kopf an zu rattern. Wir haben ja die Spiele vorher auch nicht gerade Feuerwerke abgefeuert und viele Tore erzielt. Dass du dann fünf Minuten später gleich das nächste Gegentor bekommst, darf allerdings nicht sein.

Ole Hermanns: Das darf in der Tat nicht sein. Auch wenn eine Blockade da ist. Für mich hat da auch Thomas Schaaf viele Fehler gemacht. Sie kannten ihn aus Bremen. Haben Sie sich gefreut, als er auch hier Ihr Trainer wurde?

Christian Schulz: Ich habe mich wirklich sehr auf ihn gefreut. Er war der Trainer, der mich zum Profi gemacht hat, der mir die Chance damals bei Werder gegeben hat. Deswegen fand ich die Idee irgendwie schön, dass er ganz am Anfang mein Trainer war und ich jetzt am Ende meiner Karriere – allzu lange werde ich ja nicht mehr spielen – wieder meinen Trainer bekomme, der mich dahin gebracht hat. Das hatte Charme. Das fand ich cool. Wir hatten in Bremen ja auch riesigen Erfolg mit ihm.

Hat sich Thomas Schaaf in Hannover in Ihren Augen verändert?

Christian Schulz: Eigentlich wenig. Wenn du so viele Jahre wie bei Werder in einem Verein bist und Erfolg hast, spricht das für deine Arbeit. Mit der Zeit ändert sich der Fußball. Mit der Zeit ändern sich die Generationen. Die Arbeit, die Thomas Schaaf in Bremen abgeliefert hat, war gut. Die Arbeit, die Thomas Schaaf in Hannover abgeliefert hat, war auch gut. Er hat viel probiert. Leider ist zu wenig dabei rumgekommen.

Ole Hermanns: Er hat die Spieler doch sicher auch verunsichert. Heute spielt man, das nächste Spiel sitzt man auf der Tribüne, und im übernächsten Spiel steht man wieder in der Startelf. Finden Sie nicht?

Christian Schulz: Wenn es klappt, sagt hinterher jeder, dass es super Ideen waren. Dass alles probiert wurde. Und wenn es nicht klappt, heißt es, dass es schlechte Entscheidungen waren. Aber da kommen so viele Faktoren dazu, dass wir in dieser Lage stecken.

Ole Hermanns: Hat sich die Mannschaft auch mal ohne Trainer zusammengesetzt, und die Spieler haben sich dann die Meinung gesagt?

Christian Schulz: Ja, das haben wir mit den Jungs gemacht. Wir haben auch Mannschaftsabende und -sitzungen gemacht. Da wurde auch viel angesprochen und gesagt, dass wir Dinge ändern wollen. Kurz vor dem Stuttgart-Spiel hatten wir eine längere Sitzung mit der Mannschaft. Danach hat es gefruchtet, wir haben das Spiel gewonnen. Drei Tage später spielen wir gegen Wolfsburg und kriegen einen auf den Deckel. Danach sind wir nach Bremen gefahren und haben wieder verloren.

Ole Hermanns: Dann verzweifelt man irgendwann und der Kopf macht zu, oder wie soll ich mir das vorstellen?

Christian Schulz: Der Kopf spielt immer eine entscheidende Rolle, davon bin ich überzeugt. Du versuchst dich mit Händen und Füßen zu wehren, aber es nimmt irgendwann eine solche Dynamik auf. Für den Kopf ist es allerdings sehr schwierig. Wir haben diese Situation jetzt ja eigentlich seit eineinhalb Jahren. Man nimmt das alles mit nach Hause. Dann hat man eigentlich von seinem Familienleben nichts mehr. Sie belastet schon extrem, und man ist irgendwie gefangen. Jetzt ist es eine andere Situation, die Spiele werden weniger.

Und Hannover 96 ist so gut wie abgestiegen ...

Ole Hermanns: Ja, 96 ist abgestiegen. Da brauchen wir nicht mehr zu rechnen.

Herr Schulz, im Spiel gegen den HSV haben die Fans beim Stand von 0:3 „Oh, wie ist das schön“ gesungen. Was macht diese Häme mit Ihnen, was geht da in Ihnen vor?

Christian Schulz: Da ist natürlich nicht schön. Die Leute sind frustriert. Ich kann nachvollziehen, dass alle enttäuscht sind. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Hohn. Wenn das einen nicht stört, dann weiß ich auch nicht. Das ist schon eine harte Nummer. Ich kann aber kein negatives Wort über die Fans sagen. Sie sind immer mit dabei.

Ole Hermanns: Jetzt haben Sie mit Daniel Stendel einen neuen Trainer. Merkt man einen Unterschied?

Christian Schulz: Wir sind in einer blöden Situation, und irgendwie waren wir in einen Trott reingekommen. Da wollen wir wieder rauskommen. Und das haben wir durch den Wechsel erreicht. Der Effekt bleibt immer, wenn du den Trainer wechselst. Die Trainingseinheiten sind aggressiv. Daniel Stendel möchte mutig spielen. Er möchte, dass es immer nach vorne geht. Deswegen bin ich sehr positiv. Auch die Ansprachen, die er gehalten hat, fand ich sehr gut. Ich bin gespannt, was die nächste Zeit bringen wird. Oder wie sehen das die Fans?

Ole Hermanns: Auch so. Es ist positiv, einem aus dem Verein die Chance zu geben und wenigstens noch einen Sieg zu holen. Das ist meine Bitte.

Herr Schulz, zum Abschluss: Wollen Sie auch in der 2. Liga bei 96 bleiben?

Christian Schulz: Ich bin jetzt neun Jahre hier. Für mich war es richtig, nach Hannover zu gehen und auch so lange zu bleiben. Ich kann mir auch vorstellen, noch länger zu bleiben. Ich fühle mich in der Stadt sehr, sehr wohl. Ich komme mit den Leuten sehr gut klar. Ich habe viele schöne Jahre mitgemacht, zum Beispiel als wir Europa League gespielt haben. Die aktuelle Zeit ist natürlich eine Katastrophe. Ich habe auch ein gewisses Verantwortungsgefühl. Wenn es so schlecht ausgeht, dann gleich abzuhauen und wegzugehen, das ist nicht mein Ding. Hier in Hannover ist mein Kind zur Welt gekommen. Ich plane auch meinen Lebensmittelpunkt mit meiner Frau hier in Hannover.

Ole Hermanns: Das finde ich super.

Christian Schulz: Hannover sollte das Potenzial haben, direkt wieder hochzugehen.

Ole Hermanns: Ich hoffe es sehr.

Interview: Tobias Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
96 gegen Gladbach
96-Trainer Daniel Stendel.

Es wird voll bei seiner Heimpremiere - und darauf freut sich Daniel Stendel mächtig. 44 000 Tickets sind bereits verkauft für die Partie von Hannover 96 am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach. „Unser großes Ziel ist es, positiver aufzutreten und am Ende auch Spiele zu gewinnen“, sagt der 96-Coach.

mehr
Mehr aus Hannover 96
Einzelkritik: 96 gegen Heidenheim

Hannover 96 gegen 1. FC Heidenheim: So waren die Spieler der "Roten" in Form.

Anzeige
Die HAZ-Sportexperten schreiben gemeinsam den RotenBlog
27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

mehr