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Erfolgsserie

Deutschland staunt über die „Roten“


Hannover 96 stabilisiert sich auf einem hohen Niveau - der anhaltende Höhenflug hat viele Gründe. Ein großer Vorteil der Mannschaft von Hannover 96 ist, dass sie ein verschworener Haufen ist.
Ein großer Vorteil der Mannschaft von Hannover 96 ist, dass sie ein verschworener Haufen ist.

Ein großer Vorteil der Mannschaft von Hannover 96 ist, dass sie ein verschworener Haufen ist.

© zur Nieden

Es lag diesmal nicht nur am Spielplan, nach dem Hannover 96 in der Bundesliga einen Tag später an der Reihe war als die meisten anderen Teams. Und auch nicht an dem langen Wochenende, dass der Klub aus dem Norden in überregionalen Medien mehr als sonst in den Fokus rückte – und damit raus aus der nicht selten beklagten Ecke der stiefmütterlichen Ignoranz. Stattdessen gab es nach dem sehenswerten 3:2 gegen Werder Bremen Lobeshymnen satt. „Meister der Blitzattacke“ titelte etwa die „Frankfurter Allgemeine“ ihren Bericht vom Auftritt der 96er; die „Süddeutsche Zeitung“ bescheinigte den Hannoveranern, „eine überdurchschnittlich gute Bundesligamannschaft“ zu sein, die auch drei Tage nach einem strapaziösen Europa-League-Auftritt in der Ukraine „andere überdurchschnittlich gute Bundesligamannschaften in die Knie zwingen kann“. Und das sei keine Überraschung mehr.

Was den 96-Verantwortlichen runtergehen dürfte wie Öl, macht zugleich deutlich: Fußball-Deutschland zieht den Hut vor Hannover und kommt aus dem Staunen nicht heraus über das, was an der Leine schon in der zweiten Saison in Folge passiert. Geht das denn noch mit rechten Dingen zu? Und überhaupt: Was zeichnet diese Mannschaft aus, die – sieht man aktuell von Mohammed Abdellaoue einmal ab – keinen ausgesprochenen „Überflieger“ in ihren Reihen hat?

Teamgeist

Vielleicht ist es gerade das, keinen Star hätscheln zu müssen. „Wir sind eine geschlossene Einheit“, sagt Jan Schlaudraff, dem Typ nach eher ein Solist auf dem Fußballplatz, „wir kämpfen füreinander. Das macht uns stark.“ Teamgeist statt Eigensinn, Mannschaftserfolg über individuelle Meriten: Das prägt die „Roten“, was Abdellauoe aus seiner Sicht so beschreibt: „Wir alle haben einen Plan, nach dem ich zur rechten Zeit am rechten Ort sein muss.“

Der Norweger selbst hat in der Bundesliga in fünf Spielen bereits sechsmal getroffen – und dazu auch in der Europa League von sich reden gemacht. So ist es auch zu verschmerzen, dass ein Spieler wie Didier Ya Konan, mit 14 Toren der überragende Angreifer der Vorsaison, sich in dieser Spielzeit schwertut, diese Erfolgsserie fortzuführen.

„Die Jungs sind unheimlich willensstark“, sagt 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke. „Damit haben wir in der vorigen Saison knifflige Situationen gemeistert, ohne dass wir je richtig in ein Loch reingeraten sind.“ Und das hält an.

Kraft und Fitness

Die vergangene Spielzeit hatte 96 als Vierter abgeschlossen, jetzt sind die „Roten“ Fünfter, nur um Haaresbreite von Platz 2 getrennt. Auch das ist nicht normal, wenn man die zusätzlichen Belastungen mit ins Kalkül zieht. Sevilla, Lüttich, Poltawa, dazu später noch Kopenhagen: Das waren bis vor Kurzem allenfalls touristische Reiseziele mit mehr oder weniger Reiz. Jetzt sind sie das attraktive Vorprogramm für die Bundesliga. Bislang hat es den „Roten“ eher Flügel verliehen, statt sie abstürzen zu lassen, wie es in früheren Jahren einigen anderen deutschen Teams erging. „Wir hatten genug Kraft gegen Bremen“, sagt Mittelfeldspieler Lars Stindl. Doppel-Last? Weit gefehlt, jedenfalls bis heute, trotz zusätzlichen Kraftaufwandes, den man „schon merkt, je länger ein Spiel dauert“, wie Schlaudraff sagt. Vielmehr ist doppelte Lust zu spüren, bei der Mannschaft wie bei den Fans.

Der Kader

Es ist Schmadtke und Trainer Mirko Slomka gelungen, den Kader komplett zusammenzuhalten. Die Mannschaft ist eingespielt. Das Aufgebot ist zudem ausgeglichen wie nie zuvor. Alle Positionen sind doppelt besetzt, auch wenn einige wie Torwart Ron-Robert Zieler, die Mittelfeldspieler Manuel Schmiedebach und Sergio Pinto sowie Torjäger Abdellaoue nur schwerlich zu ersetzen sind. „Der Trainer hat insgesamt mehr Möglichkeiten zum Wechseln, wir sind in allen Mannschaftsteilen gut besetzt“, sagt Schmadtke.

Taktik

Man macht es sich viel zu einfach, wenn man die Stärken der „Roten“ auf ihre einzigartigen blitzschnellen Konter reduziert. Das Spielchen kennen die Gegner längst, nur: Sie finden kein Mittel dagegen. Dazu wird es immer schwerer, gegen 96 ein Tor zu erzielen, diesen Verbund zu knacken. Die gesamte Mannschaft ist daran beteiligt, nicht nur die Abwehr mit zwei bärenstarken Innenverteidigern und einem Klasse-Keeper. Da fällt es selten ins Gewicht, dass beide Außenverteidiger, Steve Cherundolo und Christian Schulz, auch aus Verletzungsgründen noch nicht ihre Vorjahresform gefunden haben.

Der Trainer

Was im Januar 2010 mit einer deprimierenden Niederlagenserie begann, ist längst zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Mirko Slomka passt zu 96. Gemeinsam mit seinem Trainerteam hat er die Mannschaft auf einen Fitnessstand gebracht, der seinesgleichen sucht. Es gibt trotz der Mehrfachbelastung nur wenige Verletzte – und die kehren in der Regel sehr schnell zurück. Und: Trotz der erhöhten Beanspruchung gab es für sein Team jetzt in 13 Pflichtspielen nur eine Niederlage.

Der Sportdirektor

Jörg Schmadtke ist ein Mann mit Visionen. Aber was besonders wichtig ist: Er ist ein Realist, und er hat ein sehr gutes Auge für entwicklungsfähige Spieler. „Wir stabilisieren uns auf einem Niveau, wo wir finanziell eigentlich gar nicht hingehören“, sagt er – und ist nicht unwesentlich dafür mitverantwortlich.

Die „Roten“ befinden sich wieder auf dem Höhenflug. Eine Überraschung ist das längst nicht mehr.

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