Hannover. Die Heimatstadt bereitete ihren Siegern den warmen Empfang, den sie sich verdient hatten. 27 Grad Celsius zeigte das Thermometer an, als sich die 96-Spieler am Freitag im hannoverschen Stadion den Reisestress vom erfolgreichen Ausflug nach Poltawa aus den Beinen schüttelten. Der erste Sieg in der Europa League war eingefahren, der kalte Abend im Worskla-Stadion mit gefühlten vier Grad und das Zittern in der 2. Halbzeit waren so gut wie vergessen. Leicht und locker – so lautete am Nachmittag die Devise von Trainer Mirko Slomka, der es nach dem 2:1 in der Ukraine mit dem kräftezehrenden Drum und Dran bewusst ruhig angehen ließ. Für diesen einen Tag zumindest. Am Sonnabend wird sich das ändern, dann steht das Abschlusstraining für das Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (Anstoß am Sonntag in der AWD-Arena ist um 15.30 Uhr) auf dem Programm. Slomka hatte dafür einen passenden Vergleich parat: „Dann sind wir wieder auf Betriebstemperatur.“
In den Vorjahren wurden die Karten vor diesem Nordduell anders gemischt. Da waren es die Bremer, die unter der Woche des Öfteren ein Spiel in einem europäischen Wettbewerb absolviert hatten. Diesmal durften sich die Werder-Profis, wenn auch nicht gerade freiwillig, einen gemütlichen Fernsehabend machen, als ihr morgiger Kontrahent im kalten Poltawa zu seinen ersten drei Punkten in der Europa League kam. Die längere Pause mag zwar von Vorteil sein, wenn man in der Meisterschaft punkten will, sie scheint den einen oder anderen Bremer aber ziemlich zu ärgern. Für Marko Arnautovic steht die Fußballwelt gar Kopf: „Werder gehört nach Europa“, sagt der österreichische Profi, „und das wollen wir am Sonntag zeigen.“
Dass die „Roten“ den Bremern in der vorigen Saison den Rang abliefen und jetzt selbst in Europa unterwegs sind, hatte auch mit dem direkten Vergleich in Hannover zu tun. 4:1 für 96 hieß es im September 2010, eine richtig kalte Dusche für die Werderaner, die diesmal als Tabellenzweiter anreisen. „Sie sind gut drauf“, sagt 96-Trainer Slomka. Die Defensive sei, auch ohne den zum FC Arsenal gewechselten Per Mertesacker, deutlich stabiler als in der Vorsaison, und im Angriff seien die Bremer brandgefährlich. Keine andere Mannschaft in der Liga hat es so oft geschafft, ein Spiel in den letzten zehn Minuten für sich zu entscheiden. Da kann ein Einbruch, wie er von 96 in Poltawa nach der Pause zu erleben war, böse enden.
Im hannoverschen Team sind sie sich in der Hinsicht allerdings einig: Am Sonntag wird es im mit 49.000 Zuschauern ausverkauften Stadion ein anderes Spiel geben als im fernen Poltawa. „Wir kennen die Bremer sehr gut“, sagt Steve Cherundolo. „Und jeder bei uns kennt seine Rolle.“ Der Kapitän ist sich sicher, dass die Mannschaft solche „taktischen Unzulänglichkeiten“ wie am Donnerstagabend nach der Pause nicht wiederholen wird. Auch Slomka, der jüngst Augenzeuge des Bremer 2:1-Erfolges gegen Hertha BSC Berlin war, sträubt sich gegen einen Vergleich beider Partien. Werder sei eine technisch starke Mannschaft, die mit aller Macht die Entscheidung suche, sagt er.
Und wie war das doch gleich mit der Doppelbelastung? Werder Bremen hatte vor zwei Jahren eine ähnliche weite Reise ins Unbekannte hinter sich gebracht. Damals machte der Klub mit einem 2:0 beim FK Aktobe in Kasachstan den Einzug in die Gruppenphase der Europa League perfekt. Drei Tage später siegte Werder in der Bundesliga in Berlin mit 3:2. Eine Vorlage wie geschaffen für 96.
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