Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
"Fans nehmen das Derby wichtiger, als es ist"

Fan-Interview: 96 gegen Eintracht "Fans nehmen das Derby wichtiger, als es ist"

Am Sonntag treffen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig erstmals seit April 2014 wieder aufeinander. Begleitet wird die Vorfreude von der Sorge vor Ausschreitungen gewaltbereiter Fans auf beiden Seiten. Dass es anders geht, zeigen ein 96- und ein Eintracht-Anhänger im großen Fan-Interview vor dem Derby in Braunschweig. 

Voriger Artikel
Polizei droht Problemfans mit Führerscheinentzug
Nächster Artikel
96-Puppen an Brücken aufgehängt

Am Sonntag gibt es wieder ein Derby zwischen den "Roten" und der Eintracht.

Quelle: dpa/privat/M

Herr Kuttig, Herr Kahle, ein Detmolder und ein Braunschweiger: Woher kennen Sie sich eigentlich?

Eintracht-Fan Kuttig: Ich habe viele spanische Freunde, die Atlético-Madrid-Fans sind. Deshalb habe ich geschaut, was es hier in Deutschland so gibt. Dabei bin ich auf den Fanclub gestoßen, in dem André Präsident ist, und bin da eingetreten. Dass er ein 96er ist, habe ich erst später erfahren. Das erste Mal haben wir uns vor einem Champions-League-Spiel auf dem Flughafen Hannover getroffen. Wir sind dann gemeinsam nach Wien geflogen und haben zusammen in einem Zimmer und einem Bett geschlafen.

96-Fan Kahle: Es war einfach wunderbar (lacht). Ganz im Ernst, wir kommen gut miteinander klar. Wir ziehen uns natürlich die ganze Zeit auf, werden dabei aber niemals böse. Genau das macht es aus.

Kuttig: Uns eint die Liebe zum Fußball. Und das trotz der Rivalität der eigenen Vereine.

Haben Sie beide eine Erklärung für das sonst wenig freundliche Miteinander zwischen Hannover und Braunschweig?

Kuttig: Da kann man bis ins Mittelalter zurückgehen ... Da will ich jetzt aber nicht anfangen. Im Fußball ging alles damit los, dass Eintracht Braunschweig 1963 Gründungsmitglied der Bundesliga geworden ist. Alle gingen von Hannover 96 als drittem Nordverein neben dem Hamburger SV und Werder Bremen aus. 96 war wirtschaftlich stärker und hatte insgesamt gesehen die größeren sportlichen Erfolge. Doch in der Abschlusstabelle 1962/1963 lag die Eintracht auf Platz drei, Hannover war nur Neunter. Das gab dann den Ausschlag. Viele, die die Rivalität jetzt am meisten ausleben, haben diese Zeit überhaupt nicht erlebt. Ich weiß auch nicht, was die auf die Frage antworten würden. Wahrscheinlich: „Na, weil die scheiße sind!“

Kahle: Generell entsteht Identifikation mit einem Verein über die Regionalität. Und als Braunschweiger musst du dich in Bezug auf Niedersachsen und Hannover ein wenig zurückgesetzt fühlen. Dadurch baut sich automatisch eine Rivalität auf. Und wenn das die eine Seite macht, dann folgt auch die andere. Hannover ist das Größere, Braunschweig das Kleinere. In diesem Spannungsfeld wird agiert. Man kann da gern Heinrich den Löwen anführen oder auch die Geschichte mit der Bundesligagründung. Letztlich geht es immer um zwei sich in der Nähe befindliche Städte und Clubs. So entsteht Rivalität. Das rechtfertigt aber nicht Gewalt.

Kuttig: Ganz genau. Das hat da nichts zu suchen. Leider liest und hört man jetzt aber vor dem Spiel sehr viel in genau diese Richtung.

Lassen Sie uns auf die jüngere Vergangenheit blicken: Da gibt es zum Beispiel den bisher letzten 96-Sieg. Am 7. Mai 1998 wurde in der Regionalliga Nord am 32. Spieltag die Meisterschaft entschieden.

Kahle (singt): Gerald Asamoah, oh, oh, oh, oh, oh (Siegtorschütze zum 1:0, Anm. d. Red.).

Kuttig: Es war in der Tat das entscheidende Spiel. Ich war natürlich im Stadion.

Kahle: Der Spieltag davor war noch viel entscheidender. Braunschweig war Tabellenführer mit einem Punkt Vorsprung. 96 musste zu den Amateuren von Werder Bremen. Und die Eintracht nach Oldenburg. Hannover hat 3:1 gewonnen, Braunschweig nur 1:1 gespielt. So eroberte man die Tabellenführung zurück.

Kuttig: Für mich war das Derby besonders bitter. Ich stand genau hinter dem Tor. So hatte ich beste Sicht auf Asamoahs Tor. Ich war auf Augenhöhe.

Kahle: Gib zu, du hast geweint.

Kuttig: Nein, geweint habe ich nicht. Es gab ja auch schöne Siege (lacht).

Was war für Sie als Eintracht-Fan denn der schönste Sieg gegen 96?

Kuttig: Das war natürlich das 3:0 in der Bundesliga vor zweieinhalb Jahren. Aber auch der Sieg im DFB-Pokal 2003 als Drittligist gegen den Bundesligisten Hannover 96 war natürlich toll. Ich weiß es noch wie heute. Ich saß neben einem 96er. Und der hat immer gesagt: „Lieber absteigen, als gegen Braunschweig verlieren.“ Leider musste er die Niederlage hinnehmen.

Herr Kahle, was wäre Ihnen wichtiger: Der Derby-Sieg, oder der Wiederaufstieg?

Kahle: Eins vorweg: Das Wichtigste ist für mich, dass alle gesund und munter nach Hause kommen. Ich mache mir da wirklich Sorgen. Ich verliere lieber 0:5 in Braunschweig, und es bleibt alles ruhig, als 2:0 zu gewinnen, und es gibt Ausschreitungen und Verletzte. Und auch sonst gilt: Der Wiederaufstieg steht für mich über allem. Aber: Wenn du zweimal gegen Braunschweig verlierst, dann steigst du nicht auf.

Herr Kuttig, lieber Aufstieg mit Eintracht, oder lieber der Derby-Sieg?

Kuttig: Auch ich wähle klar den Aufstieg.

Der Saisonstart der Eintracht war so nicht zu erwarten, oder?

Kuttig: Nein, da hat hier keiner mit gerechnet. Torsten Lieberknecht stand nach einer schwachen Rückrunde in der Kritik. Doch er hat in dieser Saison die Kurve gekriegt. Die Truppe hat keine großen Stars. Sie ackert, rennt und folgt dem Trainer. Selbst der Kumbela (lacht).

Die Derby-Generalprobe für Braunschweig ging nach 2:0 mit 2:3 in Dresden verloren. Wie bitter war das?

Kuttig: Das war sehr bitter. Aber solche Spiele gibt es. Haken dran. Das hat keine Auswirkungen auf das Derby. Da sind alle hoch motiviert. Lieberknecht war beim Sieg im Pokal noch selbst Spieler und hat dann 2014 als Trainer gewonnen. Der weiß, worauf es ankommt.

Herr Kahle, wie beurteilen Sie den Start von Hannover 96?

Kahle: Für mich persönlich ist die Punkteausbeute von Hannover bisher zu wenig. Ich hatte mir mehr versprochen. Insbesondere, weil es für mich keine Alternative zum direkten Wiederaufstieg gibt. Von elf Partien wurden fünf Spiele nicht gewonnen. Da fehlen mir zwei Siege. Die Punktzahl von Eintracht Braunschweig hatte ich mir für 96 ausgerechnet.

Welche Bedeutung hat das Derby für beide Clubs?

Kahle: Ich denke, dass die Fans das Derby wichtiger nehmen, als es ist. Es gibt da auch nur drei Punkte. Doch für 96 gibt es mehr zu verlieren als für Braunschweig. Hannover kommt das erste Mal in dieser Saison so richtig unter Druck.

Gibt es ein Rezept für einen Sieg im Derby?

Kuttig: Die Stimmung darf einen nicht beeinflussen. Man muss rennen, ackern, Gras fressen und wie die Tugenden alle lauten. Das stimmt aber auch so. Es gilt darum, den Ball auch einfach mal wegzuschlagen und nicht immer zu versuchen, schön hinten raus zu spielen. Fest steht: Die Eintracht ist heiß wie Frittenfett.

Kahle: Mit einer Leistung wie in der ersten Halbzeit gegen Würzburg gewinnt man jedenfalls nicht. Man darf nicht ängstlich sein. Alle Spieler müssen dem unglaublichen Druck gewachsen sein.

Wie lauten Ihre Tipps?

Kahle: Hannover 96 gewinnt mit 2:0.

Kuttig: Da kann ich nicht zustimmen. Es gibt einen 2:1-Heimsieg.

Interview: Tobias Krause

Das ist 96-Fan Kahle

André Kahle ist 35 Jahre alt, verheiratet, Vater eines Kindes und Lehrer in Detmold. Ein 96-Fan in Detmold? „Ja, ich bin in Hannover geboren und in Wennigsen aufgewachsen“, sagt er. „Zum Studium bin ich nach Paderborn gegangen. Dort habe ich meine Frau kennengelernt und bin in Ostwestfalen geblieben.“ An der Liebe zu den „Roten“ ist sein Vater schuld. Wann der Funke übergesprungen ist, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. „Ich weiß, dass ich Ende der Achtzigerjahre mal mit meinem Papa im Stadion gewesen bin“, sagt er. Doch lag sein Fokus weniger auf den Geschehnissen auf dem Rasen. Denn er war einfach viel zu beschäftigt: mit Pfandsammeln. An den Höhepunkt seiner damals noch jungen Fan-Karriere erinnert er sich genau: „Das war das Pokal-Halbfinale 1992 gegen Werder Bremen.“ Endgültig verlor Kahle sein Herz aber erst nach dem Regionalligaabstieg an die „alte Liebe“. „Da hat man mich bei den Spielen in H31 krakeelen hören“, sagt der heutige Lehrer. Um die Derby-Spiele machte er bislang einen Bogen und hat noch kein Duell gegen Braunschweig live im Stadion gesehen. Kahle ist zudem Präsident des ersten und größten Atlético-Madrid-Fanklubs in Deutschland. 

Das ist Eintracht-Fan Kuttig

Marco Kuttig ist 50 Jahre alt und lebt und arbeitet in Braunschweig. Eintracht-Fan ist er, so lange er sich zurückerinnern kann. „Ich bin mit meinem Vater das erste Mal 1975 im Stadion gewesen. Das war ein Spiel gegen Werder Bremen. Das werde ich nie vergessen. Werder schaffte sechs Minuten vor dem Ende den 2:2-Ausgleich durch Per Röntved. Und genau dieser Spieler traf dann Sekunden vor dem Abpfiff per Eigentor zum 3:2-Siegtreffer für die Eintracht. Nach dem Spiel stand man auf Platz 2 der Bundesliga“, beschreibt der 50-Jährige seine ersten Erinnerungen an seinen Lieblingsverein. Doch es sollten auch deutlich schlechtere Zeiten kommen: „Ich habe auch den Leidensweg in der Regionalliga mitgemacht. Da fanden Spiele teilweise vor 3000 Zuschauern statt.“ Durch seine Schichtarbeit bei Volkswagen kann Kuttig nicht zu jeder Partie gehen. Wann immer er kann, besucht er die Spiele im Eintracht-Stadion. „Wenn Teams wie der SV Sandhausen kommen, lasse ich das aber auch mal ausfallen“, verrät Kuttig mit einem Lächeln. Der Besuch des Derbys gegen Hannover 96 dagegen ist für ihn absolute Pflicht. So wie beim letzten Derby am 6. April 2014. 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hannover 96
Hannover 96 trainiert am 08. Dezember 2016

Hannover 96 trainierte am 08. Dezember 2016 in der Vorbereitung auf das bevorstehende Spiel gegen den VfB Stuttgart

Anzeige
Die HAZ-Sportexperten schreiben gemeinsam den RotenBlog
27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

mehr