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"Unsere Fans sind doch ein Pfund!"

Martin Bader im Interview "Unsere Fans sind doch ein Pfund!"

Der neue 96-Geschäftsführer Martin Bader setzt auf eine Zusammenarbeit mit den Anhängern der "Roten" - und will den Fan-Boykott vergessen machen. Mit Blick auf das vergangene Heimspiel sagt er: "Ausverkauft, eine bunte Fankurve, richtig gute Atmosphäre: Das ist ein Pfund, mit dem 96 hausieren gehen darf."

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Martin Bader beim Interview in der HAZ-Redaktion.

Quelle: Katrin Kutter

Martin Bader ist der neue starke Mann bei Hannover 96. „Rufen Sie mich nicht mehr an, rufen Sie Herrn Bader an“, hat der 96-Boss bei der Vorstellung des Geschäftsführers Sport am 1. Oktober gesagt. Kann das wirklich funktionieren, ist Kind wirklich bereit, Verantwortung und Macht abzugeben?

Hallo, Herr Bader.
Guten Tag, erschrecken Sie nicht, ich spreche ein wenig durch die Nase. Schnupfen ...

Verbringt man als Fußballmanager also doch zu viel Zeit bei ungünstigen Temperaturen im Freien? Martin Kind hat darüber öfter mal geklagt.
(lacht) Ja, das kann sein.

Stichwort Martin Kind. Sie sollen der erste Geschäftsführer sein, der den Club-Besitzer wirklich operativ ersetzen kann. Das sollte Jörg Schmadtke auch tun - und ist jetzt in Köln. Schreckt Sie das?
Ich kann die Situation bei Jörg Schmadtke nicht beurteilen beziehungsweise die Umstände, die letztlich zur Trennung geführt haben. Mit Martin Kind habe ich schon vor Jahren Gespräche gehabt. Diese Gespräche haben wir im Sommer wieder aufgenommen als klar war, dass Dirk Dufner in Hannover nicht weitermacht. Martin Kind hat mir aufgezeigt, welche neue Struktur er bei 96 einziehen möchte. In meinem Arbeitsvertrag ist formuliert - und dementsprechend ist auch die Aufgabenverteilung -, dass ich mit ihm Geschäftsführer für drei Gesellschaften bei 96 bin und damit nicht ausschließlich nur Verantwortung für die Bundesliga-Mannschaft habe.

Denken Sie, dass Kind sich auch wirklich zurückziehen wird?
Die ersten Tage waren genauso, wie er gesagt hat. Es gibt viele Aufgaben, unter anderem das Nachwuchsleistungszentrum, die ganz wichtig sind, über die ich mir jetzt ein Bild mache. Aber wir müssen nicht über Perspektiven nachdenken - kurzfristig geht es vor allem darum, die Lizenzmannschaft dort hinzubringen, dass der Verein auch in Zukunft über Strukturen in der 1. Liga reden kann.

Sie sind ja nicht bei einem „Verein“ beschäftigt, sondern Geschäftsführer eines Sport-Wirtschaftsunternehmens. Braucht der Fußball immer noch den Vereinsbezug?
In Deutschland sicherlich. Für England bin ich mir nicht ganz sicher. Das eine zu tun, ohne das andere zu lassen - ich denke, das ist der richtige Weg. Eine Struktur zu haben, mit der man national und international konkurrenzfähig sein kann, aber nicht den Fehler zu machen und zu verdrängen, wo die Wurzeln des Fußballs liegen. Man muss wissen, wem der eigene Club in zwei Jahren gehören wird. Ich bin davon überzeugt, dass man jedem erklären kann, dass Hannover 96 nur funktioniert, wenn die wirtschaftlichen Strukturen da sind. Zusätzlich es aber auch Wert zu schätzen, eine große Fanbasis im Stadion zu haben.

Zur Person

Martin Bader ist am 14. Februar 1968 in Hechingen geboren. Nach dem Sportökonomie-Studium in Bayreuth war er vier Jahre beim Sportrechtevermarkter UFA tätig. Sein Karrieresprungbrett hieß Hertha BSC Berlin, wo er von 1998 an zunächst als Assistent und danach als verantwortlicher Leiter der Fußballabteilung arbeitete. 2004 wechselte er zum 1. FC Nürnberg, wo er zuletzt Vereinsvorstand war. Seit dem 1. Oktober ist er bei 96. Für sich und seine Frau Anna sucht er eine Wohnung in Hannover. Seine elfjährige Tochter Zoe-Sofie bleibt bei ihrer Mutter in Nürnberg.

Ist es möglich, dass auch in der Bundesliga in zehn Jahren ganze Mannschaften etwa an andere Städte verkauft werden?
Das schließe ich aus. Auch auf die Gefahr hin, dass uns die Engländer, Spanier oder Italiener davonmarschieren, was ich aber nicht glaube. Die Struktur, so wie sie ist, funktioniert.

Hannover 96 und seine Fans, das war in der vergangenen Saison lange Zeit ein schwieriges Verhältnis. Bader gilt als einer, der in Nürnberg immer ein offenes Ohr für die Anhänger hatte und ihre Nähe suchte.

Welche Bedeutung haben die Fans für Sie?
Ich möchte die Fans verstehen. Jede Fankultur, jede Fankurve ist unterschiedlich. Damit ist nicht nur die Ultra-Bewegung gemeint. Jeder, der ins Stadion geht, ist Fan, ob auf der Nord- oder Osttribüne. Nehmen Sie unser Heimspiel gegen Bremen in der HDI Arena: 49 000 Zuschauer, ausverkauft, eine bunte Fankurve, richtig gute Atmosphäre: Das ist schon ein Pfund, mit dem 96 auch hausieren gehen darf. So kann man sich auch von anderen Vereinen abgrenzen und daraus einen Vorteil ziehen.

Was haben Sie vom Fan-Boykott in Hannover in Nürnberg mitbekommen?
Aus der Ferne betrachtet: Ich kann mir vorstellen, dass es 96 richtig geschadet hat. Und der Mannschaft hat das richtig wehgetan. Für mich ist wichtig, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, auf dem man sich immer wieder treffen kann. Auch wenn es mal knirscht.

Den Saisonstart verpatzt, Platz 17: Die sportliche Zukunft von Hannover 96 sehen viele Fans mit großer Sorge. Liegt das an der zu hohen Erwartungshaltung, oder fehlt der Mannschaft die Qualität, um in der Bundesliga zu bestehen? Was ist möglich für die „Roten“ in dieser Saison und den nächsten Jahren? Und wie wichtig ist dabei ein guter Griff bei der Wahl des neuen Sportdirektors? 

Wie kann es 96 schaffen, sich langfristig in der Bundesliga zu halten und auch wieder an die Erfolge der Jahre mit den Teilnahmen am Europapokal anzuknüpfen?
Die Frage ist doch, wie man Erfolg definiert. Eine Möglichkeit ist der Tabellenplatz. Und natürlich bin ich erst einmal froh, wenn sich der Verein stabil in der Bundesliga hält. Aber es gibt auch Parameter jenseits der Tabelle. Und da ist es nach meiner Auffassung wichtig, wofür 96 in den nächsten Jahren stehen soll.

Wie lässt sich Erfolg denn noch messen?
Das Wichtigste ist die Zugehörigkeit zur Bundesliga, aber darüber hinaus zum Beispiel, wenn wir im Nachwuchsbereich Nationalspieler herausgebracht haben. Oder wir Transfers gemacht haben, die keiner erwartet hat und die eingeschlagen haben. Ober wenn wir in der Stadt und Region eine Wahrnehmung bekommen haben, dass 96 für besonderes soziales Engagement steht. Es geht darum, zumindest etwas unabhängig von der Platzierung, eine Schärfe für Hannover 96 herauszuarbeiten.

Der neue 96-Geschäftsführer Martin Bader beim Gespräch mit der HAZ.

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Bedeutet das, dass es diese Philosophie bislang bei 96 nicht gegeben hat?
Fakt ist, dass in Hannover seit Jahren ein guter Job gemacht wird, sonst würde 96 nicht seit so vielen Jahren in der Bundesliga spielen. In dieser Hinsicht ist 96 eine Konstante. Und für diese Entwicklung möchte ich mich einbringen und aktiv daran mitarbeiten, dass wir gemeinsam weiter unser Profil schärfen.

Ihre Arbeit beim 1. FC Nürnberg wurde nicht nur positiv gesehen. In einem Zeitungsartikel wurde Ihr Arbeitsstil als „so zeitgemäß wie ein Faxgerät“ beschrieben. Ärgert Sie diese Einschätzung?
Die sportliche Situation strahlt ab auf die handelnden Personen. Aber was definiert denn Arbeitsstil? Ich habe immer versucht, Menschen auf die Reise mitzunehmen, transparent zu arbeiten, hinter jeder Entscheidung eine Logik zu finden und diese auch zu transportieren.

Würde ein Abstieg das ganze Konstrukt 96 ins Wanken oder gar zu Fall bringen?
Da zitiere ich gerne Martin Kind: „Das ist nicht diskussionswürdig.“

Sie bauen nicht vor?
Immer. Aber jetzt müssen die Antennen ausgefahren sein. Wir stehen auf dem 17. Platz, haben fünf Punkte, andere Mannschaften, die man im unteren Tabellenbereich erwartet hat, haben schon mehr Zähler. Sicher ist, dass der Klassenerhalt für uns kein Selbstläufer wird.

Mit einem verstärkten Team in der Rückrunde?
Wenn jetzt schon Winter wäre, dann wahrscheinlich. Aber bis zur Pause sind ja noch einige Spiele. Die Entwicklung der Mannschaft beziehungsweise die Entwicklung einzelner Spieler wird voranschreiten. Davon bin ich überzeugt, weil Michael Frontzeck einen guten Draht zu dieser Mannschaft hat und mit ihr gut arbeitet. Wir vertrauen Mannschaft und Trainer, was gleichzeitig aber nicht ausschließt, dass wir hinsichtlich Neuzugängen im Winter natürlich vorbereitet sein sollten.

Wann werden Sie den neuen Sportdirektor an Deck haben?

Ich hoffe bald. Wir müssen vorbereitet sein auf den Winter und den Sommer, wir haben mit dem Nachwuchsleistungszentrum ein Millionen-Projekt, das inhaltlich begleitet werden muss. Das Scouting kann vielleicht noch breiter aufgestellt werden. Deshalb brauchen wir zügig einen neuen Verantwortlichen - ob er nun Sportdirektor oder Kaderplaner heißen wird.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie den neuen Sportdirektor persönlich kennen?
Es hilft, ein gewisses Vertrauensverhältnis kann nicht schaden. Die Fußballbranche ist auch nicht so spektakulär groß, dass man die handelnden Personen nicht schon mal getroffen hat.

Und es muss einer sein, der schon einmal kurze Hosen angehabt hat?
Absolut. Er soll den Rasen inhaliert haben.

So funktioniert Hannover 96

Bisher war Martin Kind alleiniger Geschäftsführer der drei Gesellschaften von Hannover 96. Jetzt wurde eine zweite Stelle geschaffen: Martin Bader ist seit dem 1. Oktober der 2. Geschäftsführer. Die Ebene des Sportdirektors soll in der KGaA laut Bader weiter Bestand haben, der Neue soll schon bald präsentiert werden – er untersteht allerdings Kind und Bader.

Hannover 96 GmbH & Co. KG aA: Diese Abteilung ist praktisch das 96-Profiunternehmen und damit für das wichtigste Kerngebiet verantwortlich. Neben der Lizenzspielerabteilung gehören der Aufbau und die Weiterentwicklung des Nachwuchsleistungszentrums zu dem Aufgabenbereich.
Geschäftsführung: Martin Kind/Martin Bader.
Sportliche Leitung: ???
Aufsichtsratschef: Rainer Feuerhake.

Hannover 96 SALES & SERVICE GmbH & Co. KG: Der S & S gehören 
100 Prozent am 96-Profiunternehmen. Die S & S übernimmt eine Dienstleisterfunktion für die KGaA. Hauptsächlich sind dies Aufgaben der Markenführung und -pflege sowie die Umsetzung des 
Ticketing, das Merchandising und zentrale Dienste wie zum Beispiel das Rechnungswesen. Das Gesellschaftskapital der S & S beträgt rund 25,3 Millionen Euro – den größten Teil hält Kind mit rund 27 Prozent, gefolgt vom Modeunternehmer Detlev Meyer (Street One, Cecil) und dem Drogerieunternehmer Dirk Roßmann.
Geschäftsführer: Martin Kind/Martin Bader.

Hannover 96 Arena GmbH & Co. KG: Die Arena-Gesellschaft ist für die Spieltagsorganisation in der HDI-Arena zuständig sowie die ganzjährige Betreuung des Objekts. Auch alle Drittveranstaltungen wie Konzerte werden über diese Gesellschaft durchgeführt.
Geschäftsführer: Martin Kind/Martin Bader.
Vorsitz Beirat: Walter Kleine.
Beirat: Gregor Baum/Marc Hansmann.

Hannoverscher Sportverein von 1896 e. V.: Mit mehr als 20 000 Mitgliedern ist 96 mit acht unterschiedlichen Sparten der mitgliederstärkste Verein Niedersachsens.
Vorstandsvorsitzender: Martin Kind.     
Aufsichtsratschef: Valentin Schmidt.

Interview: Heiko Rehberg, Jörg Grußendorf und Christian Purbs

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