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„Im Winter ist noch nie jemand abgestiegen“

96-Trainer Michael Frontzeck „Im Winter ist noch nie jemand abgestiegen“

96-Trainer Michael Frontzeck erklärt im Gespräch mit den Redakteuren Heiko Rehberg und Christian Purbs, warum seine Mannschaft noch Zeit braucht – und wehrt sich gegen die hohe Erwartungshaltung.

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Michael Frontzeck beim Training der "Roten".

Quelle: Nigel Treblin

Hannover. Herr Frontzeck, viele Anhänger von Hannover 96 machen sich zurzeit große Sorgen um die „Roten“. Können Sie die Fans beruhigen?
Ich habe Verständnis für Ängste, auch für Zweifel. Aber gerade die letzten fünf Wochen der vergangenen Saison haben gezeigt, wie es gehen kann: Gemeinsam, als geschlossene Einheit.

Sie hatten großen Anteil am Klassenerhalt. Empfinden Sie Undankbarkeit?
Wir haben vor vier Monaten eine Rettung geschafft, die uns die meisten Leute nicht zugetraut haben. Ich habe mich nicht zum „Goldenen Reiter“ aufgeschwungen, mir muss niemand danken. Dass wir damals die Kurve gekriegt haben, lag daran, dass alle - Spieler, Verantwortliche, Fans, Medien - mit im Boot waren.

Es gibt Beobachter die meinen, dass 96 mit dem aktuellen Kader dieses Mal die Kurve nicht kriegen wird.
Wir hatten nach dem Klassenerhalt nur vier Wochen Zeit, um einen Kader auf die Beine zu stellen. Wir haben nicht wild gekauft, sondern Entscheidungen getroffen, die Sinn machen. Wir haben einen Kader mit Perspektive zusammengestellt, der aber Zeit braucht. Die Planung für die kommende Saison ist normalerweise ein fortwährender Prozess. Wir haben die Planung jedoch innerhalb von vier Wochen gemacht. Dass die Zeit so knapp war, ist nicht unüblich für einen Verein, der sich am 34. Spieltag rettet.

Liegt die Unruhe rund um 96 an einer zu hohen Erwartungshaltung der Fans?
Obwohl ich bei 96 schon als Kotrainer gearbeitet habe, habe ich mich gefragt, woher diese Erwartungshaltung rund um den Club kommt.

Na ja, die „Roten“ haben vor zweieinhalb Jahren noch in der Europa League gespielt, der Clubchef hat von der Champions League geträumt ...
Natürlich sind da die beiden Jahre in der Europa League. Aber auch die Mannschaft, die dann Europa möglich gemacht hat, stand im Mai 2010 vor dem Spiel in Bochum mit einem Bein in der 2. Liga. Der große Unterschied zur aktuellen Mannschaft ist, dass die damalige Mannschaft sich danach nicht groß verändert hat. Sie hat befreit aufgespielt, alles war stimmig und eben auch erfolgreich.

Auf der Mehrkampfanlage haben die Profis von Hannover 96 am Dienstag trainiert.

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Von diesem Weg ist 96 abgekommen.
Die vergangenen beiden Jahre waren problematisch. Es ging gegen Saisonende zweimal um den Klassenerhalt. Und jetzt machen wir einen Schnitt, elf Spieler verlassen den Verein, sieben Spieler kommen neu hinzu. Unter diesen Voraussetzungen verstehe ich die hohe Erwartungshaltung an die Mannschaft nicht. Wenn wir jetzt November hätten und uns in der gleichen Situation befinden würden, dann wäre das für mich nachvollziehbar. Ich kann die Kritik an der Leistung, die die Mannschaft zuletzt in Mainz eine halbe Stunde lang gezeigt hat, absolut verstehen. Bei allen Mannschaften, die in der Bundesliga nach ihrer Balance suchen und noch nicht die gewünschten Ergebnisse haben, kommen die Trainer um die Ecke und fordern Zeit. Wenn wir irgendeiner Mannschaft Zeit geben müssen, dann ist es die, die wir gerade bei 96 haben.

Viele Trainer hätten in Ihrer Situation Verstärkungen gefordert. Sie verzichten darauf, obwohl Ihr Clubchef Bereitschaft für weitere Transfers signalisiert hat. Warum?
Ich hätte es mir doch ganz einfach machen und zu Herrn Kind sagen können: Schmeißen Sie das ganze Geld raus, wir holen wir noch zwei oder drei Spieler. Egal, ob das Sinn macht oder nicht. Und im Winter stehst du dann da und kannst nichts mehr machen. Welchen Sinn hätte das gehabt? Die Mannschaft bekommt von mir die Zeit, sich zu entwickeln. Das Geld, was jetzt zur Verfügung ist, möchte ich, wenn nötig, im Winter sinnvoll einsetzen. Das wollen wir jedoch über einen längeren Zeitraum vorbereiten und nicht innerhalb von zwei, drei Wochen machen. Das ist der einzige seriöse Weg, den Hannover 96 bestreiten kann. Und dabei wird Hannover 96 auch die veränderte Struktur mit einem Geschäftsführer und einem Sportdirektor zugutekommen, die Martin Kind gerade vorbereitet.

War denn kein Spieler dabei, der Sie gereizt hat?
Von allem, was uns jetzt angeboten ist, kann ich nicht behaupten, dass es uns unbedingt besser gemacht hätte. Auf der anderen Seite sind viele Transfers auch nicht machbar gewesen. Wir haben mit Spielern gesprochen, die sich herzlich für das Gespräch bedankt, aber dann gesagt haben: „Hannover 96 jetzt mal nicht“ - und schlagen dann irgendwo in der Champions League auf. Auch hier gibt es eine Erwartungshaltung, die ich nicht nachvollziehen kann. Sportlich und finanziell ist es ist nicht ganz so einfach, Spieler zu verpflichten, die uns weiterhelfen würden.

Der Albtraum und die Angst vieler 96-Fan ist aber, dass es zu Beginn der Winterpause kaum noch Hoffnung auf den Klassenerhalt gibt.
Im Winter ist noch nie jemand abgestiegen. Und Angst hat im Fußball nichts verloren, denn Angst frisst Hirn. Ich bin davon überzeugt, dass 96 diesen Weg gehen muss, um dann die Möglichkeit zu haben, noch reagieren zu können.

Gut möglich, dass Sie diesen Weg nicht zu Ende gehen können, weil Sie Weihnachten kein 96-Trainer mehr sind.
Ich weiß natürlich, dass das auf meinem Kopf ausgetragen wird. Es wird ja so hingestellt, als wäre ich der Einzige, der dafür steht. Wir haben intern diskutiert und dann beschlossen, diesen Weg zu gehen. Und wenn ich keine Verstärkungen für den Club sehe, werde ich nicht handeln. Wenn es wirklich so kommen sollte, dass ich meinen Kopf dafür hinhalten muss, dann werde ich auch dazu stehen. Für mich ist wichtig, dass ich mit mir absolut im Reinen bin.

Werder Bremen hat sich mit ...
Und jetzt soll mir keiner mit Claudio Pizarro kommen. Werder Bremen ist der einzige Club, der für Pizarro in Deutschland passt, weil er dort zu Hause ist. Sein Gehalt ist Lichtjahre von dem entfernt, was der Topverdiener bei uns bekommt.

Sind die Menschen in Hannover zu ungeduldig?
Ich kann doch nicht gefühlt in der 2. Liga sein, mit elf Spielern, die gehen, und sieben neuen Spielern einen Umbruch machen, und dann erwarten, dass die Mannschaft vorne weg marschiert. Als ich nach dem Spiel Darmstadt die Zeitungsberichte gelesen habe, da hatte ich das Gefühl, dass das 2:2 eine Unverschämtheit von uns war. ,Das kann doch nicht der Anspruch von 96 sein, oder?“, war die erste Frage, die mir von einem TV-Reporter nach dem Spiel gestellt wurde. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: ,Hoppla, das kann interessant werden. Das kann in eine Richtung gehen, die unangenehm werden kann.’ Ich denke nicht, dass viele Mannschaften das erste Spiel der Saison bei Darmstadt 98, das nach 33 Jahren wieder in der Bundesliga spielt, gerne gemacht hätten. Und durch die beiden Unentschieden von Darmstadt gegen Schalke und Hoffenheim hat sich das ja auch relativiert.

Bestätigen die Leistungen gegen Leverkusen und Mainz nicht den Verdacht, dass es für 96 in dieser Saison unangenehm werden kann?
Es ist keine Frage, dass mir unsere Leistung gegen Leverkusen zu wenig war. In Mainz machen wir nach einem ordentlichen Start einen Fehler und legen dann eine halbe Stunde hin, die ich in dieser Form auch nie wieder erleben will. Das wissen die Spieler, dementsprechend arbeiten wir. Aber dass so auf Spieler eingehauen wurde, das ist mir alles einen Tick zu früh. Das hat die Mannschaft nicht verdient. Die Hauptaufgabe ist jetzt, eine stabile Einheit zusammenzustellen.

Das würde am Sonnabend gegen Borussia Dortmund helfen.
Ich habe keinen Bock, dass wir uns gegen Dortmund verstecken.

Ist das Spiel gegen den BVB für die Mannschaft vielleicht sogar eine Chance?
Es muss schon mehr Fleisch am Knochen sein als gegen Leverkusen. Gegen Dortmund, egal mit welcher Elf sie hier antreten, wird es nicht einfach sein. Mir ist wichtig, wie wir uns präsentieren. Dortmund ist eine super Mannschaft. Da müssen wir über die Schmerzgrenze hinausgehen, um erfolgreich zu sein. Aber ich bin kein Freund davon, den Gegner größer zu machen, als er ist.

Interview: Heiko Rehberg und Christian Purbs

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27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

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