Sergio Pinto tauchte ab. Nur ganz kurz, aber dafür genauso schwungvoll, wie der Profi von Hannover 96 in den 92 Minuten zuvor im Mittelfeld Regie geführt hatte. Es war ein erstklassiger „Diver“, den Pinto da Sekunden nach dem Abpfiff auf dem Rasen der Veltins-Arena hinlegte und schließlich in den ausgebreiteten Armen von Torwart Florian Fromlowitz landete. Auch die Szenen danach, die herzlichen Umarmungen, der Jubel und die Tanzeinlagen, mit denen die Mannschaft den 2:1-Überraschungscoup beim FC Schalke 04 feierte, machten deutlich, dass da etwas ganz Besonderes passiert war. Besungen und gleichsam von den Schalker Fans bestaunt wurde da der 96-Traumstart in die neue Bundesligasaison. Zwei Siege zum Auftakt: Das gelang zuletzt in der Spielzeit 1965/1966, damals startete 96 mit Erfolgen in Köln und gegen Werder Bremen.
Wie damals lohnt sich auch diesmal der Blick auf die Tabelle, die sich die 96-Profis am trainingsfreien Montag ganz in Ruhe und mit viel Stolz anschauen können. Platz 5, Europa League, sieben Plätze vor den Bayern: Die Bundesliga spielt zurzeit ein bisschen verrückt – und 96 mischt kräftig mit. Und dass der 5. Platz diesmal doch mehr als eine Momentaufnahme ist, verdankt 96 der Länderspielpause: Erst in zwei Wochen geht es in der Liga weiter mit dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen.
Viel wichtiger als der Tabellenplatz ist jedoch die Art und Weise, wie der Sieg gegen Schalke zustande kam. Mit Glück hatte das nichts zu tun, auch wenn 96 die verunsicherte und schwache Schalker Mannschaft zu einem sehr günstigen Zeitpunkt erwischte. Nach dem Kraftakt gegen Frankfurt überzeugten die „Roten“ diesmal nicht nur durch Einsatz und Siegeswillen, auch spielerisch waren sie ihrem Gegner überlegen. So überlegen, dass die Schalker sich nicht hätten beklagen dürfen, wenn 96 die Partie mit 4:1 oder 5:1 gewonnen hätte. Jeder Offensivspieler aus Hannover tauchte mindestens einmal freistehend vor dem Schalker Torwart Manuel Neuer auf; dass nur Konstantin Rausch (31. Minute) und Mohammed Abdellaoue daraus auch Kapital schlugen, war das einzige Manko von 96 in diesem Spiel.
Wer miterlebte, wie beherzt diese Mannschaft am Sonnabend die günstige Gelegenheit auf drei nicht einkalkulierte Punkte beim Vizemeister ergriff, der mag kaum glauben, dass dieses Team vor zwei Wochen durch die Pokalblamage beim Viertligisten Elversberg als „Deppen der Nation“ (96-Trainer Mirko Slomka) für Schlagzeilen sorgte. Aus dem Absteiger Nummer 1 ist plötzlich eines der Überraschungsteams der Liga geworden. „Wir waren in den entscheidenden Momenten – nach vorne und im Konterspiel – richtig gut“, lieferte Slomka eine Erklärung für die wundersame Wandlung.
Es scheint, als habe 96 es doch noch geschafft, etwas vom Schwung und Vertrauen in die eigene Stärke aus dem Finale der vergangenen Saison in die neue Spielzeit zu retten. Und wieder war es der FC Schalke, an dem sich die „Roten“ aufrichten konnten. Der 4:2-Erfolg gegen die „Königsblauen“ am 30. Spieltag war damals ein großer Schritt auf dem Weg zum Klassenerhalt. Gleiches gilt auch für das 2:1 vom Sonnabend. Um nichts anderes geht es für die „Roten“ in dieser Saison. Wenn’s am Ende mehr wird und 96 weiter für Furore sorgt, umso schöner.
Die nächste Gelegenheit dazu gibt es in knapp zwei Wochen beim Heimspiel gegen Leverkusen. Dann wird sich auch zeigen, ob die 96-Fans der Mannschaft wieder Vertrauen schenken und wieder neugierig auf dieses Team sind. Unterstützung durch eine ausverkaufte Arena gegen Ballack und Co., das hat sich die Mannschaft wahrlich verdient. Und Elversberg? Was war eigentlich in Elversberg?
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