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Stimmungsboykott: 96 – kalte Liebe?

Hintergründe Stimmungsboykott: 96 – kalte Liebe?

Hannovers Mannschaft spielt so gut wie seit Jahren nicht, und doch herrscht im Stadion mitunter eine eisige Atmosphäre. Der Grund: Es tobt ein Kampf um die Zukunft des Clubs. Es geht um Geld, Paragrafen – und um die Seele des Fußballs.

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Quelle: Archiv/M

Hannover. Fußball im Stadion an Hannovers Maschsee geht im Normalfall so: Bier und Bratwurst holen, Spiel gucken, Mannschaft anfeuern, manchmal alles gleichzeitig. Unterm Dach der Südkurve lärmen die Fans des Gegners, das sind die bösen Jungs. Im Norden häufen sich zu Tausenden die Roten, mit Gesängen und Schals und Fahnen in den richtigen Farben, den Farben von Hannover 96. Das sind die Guten. So übersichtlich war die Welt einmal.

Doch die Feindbilder im Stadion am Maschsee haben sich vermischt. Die Arena ist Schauplatz eines Kampfes, bei dem es nicht um Sport geht, sondern um die Macht im Verein. Große Teile der Nordkurve schweigen während der Spiele, weil ihnen nicht gefällt, was 96-Boss Martin Kind mit dem Verein vorhat, dass er die komplette Kontrolle für sich beansprucht. „Kind muss weg“-Rufe aus dem Block der Ultras, die sich als treueste Anhänger bezeichnen, gehören zu fast jedem Heimspiel. Das gefällt Zehntausenden Zuschauern auf anderen Rängen nicht, sie wollen in Ruhe Fußball sehen und brüllen zurück: „Ultras raus“, weil sie deren Privatkrieg gegen den Hörgeräteunter- nehmer satt haben.

Nordkurve gegen Martin Kind, Fans gegen Ultras, die Gästefans gegen alle, das ist die nervöse Lage in Hannover in diesen Wochen, in einem Moment, in dem das Team in der Bundesliga unerwartet vorne mitspielt. Die Meinung des Mannes, um den sich seit zwei Jahrzehnten alles dreht bei Hannover 96, lautet so: „Diese Fans sagen, sie lieben den Verein, was immer das heißt. Mit einem Stimmungsboykott gegen die Mannschaft ist das schwer zu vereinbaren.“

Im Oberrang der Nordkurve hat Robin Krakau seinen Platz. 36, dunkle Haare, dunkle Brille, Abteilungsleiter in einem hannoverschen Unternehmen. Seit 23 Jahren geht er ins Stadion, inzwischen ist er Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Pro Verein 1896. Sie ist Teil der heterogenen Fanszene, zu der auch Ultras, Traditionalisten, Linke und sehr viele junge Männer zählen. Manche wollen den Stimmungsboykott durchziehen, andere hatten bei einem Fantreffen mildere Formen ins Spiel gebracht. Nur eine Halbzeit schweigen? Oder verliert man das Gesicht, wenn man nicht durchzieht? Vorerst gilt, was dort ein Moderator aus dem Ultra-Lager per Megafon rund 300 Fans vorschlug: „Einfach mal ein Spiel die Schnauze halten.“ Das klappte gegen den 1. FC Köln.

Die IG hat nicht zum Boykott aufgerufen, ihr geht es darum, dass die Kritik an Kinds Plänen deutlich wird. „Der Protest“, sagt Krakau, „ist eine der höchsten Karten, die man spielen kann. Man trifft damit sich selbst und die Mannschaft, obwohl Martin Kinds Politik gemeint ist.“ Von Tageserfolgen des Teams wollen sich Kritiker des Clubchefs nicht blenden lassen, deshalb der Protest durch Stille auch in einer Zeit, in der man die Tabelle nicht drehen muss, um Hannover oben zu sehen. Krakau sagt: „Es geht um die Zukunft des Vereins. Die Entscheidung fällt jetzt.“ Die IG und mit ihr ein großer Teil der Fanszene wollen verhindern, dass Kind allein den Verein übernimmt. Und sie wollen gefragt werden bei so einer weitreichenden Entscheidung.

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Hannover 96 ist jetzt auch eine Fußballfirma - das führt zu Konflikten. Wie lässt sich der Streit lösen?

Martin Kind steht kurz davor, endgültig die Kontrolle über die Profisparte von Hannover 96 zu übernehmen. Im Vereinsgeflecht geht das so: Berufsfußball ist in der Hannover 96 GmbH&Co KGaA organisiert, auf die der Stammverein Hannover 96 e.V. über eine zwischengeschaltete Hannover 96 Management-Gesellschaft entscheidenden Einfluss hatte. Alle drei werden von Kind geführt, was es sehr erleichtert, Dinge in eigene Bahnen zu lenken. Jetzt setzte Kind um, was er seit Langem angekündigt hatte: Der Stammverein verkauft 51 Prozent seiner Anteile an der Management-Gesellschaft an ihn und verliert damit seinen Einfluss auf die Profisparte. Der Stammverein könnte ins Geschäft nicht mehr reinreden, zum Beispiel durch Beschlüsse von Mitgliederversammlungen. Der Vorstand stimmte dem Verkauf zu, und auch der Aufsichtsrat, mit drei zu zwei Stimmen. Schon bald will Kind über Geschäftsführer, Etat und Investitionen entscheiden. Er hätte freie Hand. Er wäre da, wo er immer hinwollte.

Ein Hindernis gibt es noch: Laut Statuten der Deutschen Fußball Liga (DFL) ist es eigentlich untersagt, dass Geldgeber Vereine beherrschen. Mit der sogenannten 50+1-Regel will die DFL erreichen, dass Clubs die Kontrolle über Investoren behalten. Kind hat beantragt, von einer Ausnahme Gebrauch zu machen: Wer sich 20 Jahre engagiert hat in einem Club, kann die Mehrheit übernehmen. Er selbst hat diese Ausnahmeregelung 2011 bei der DFL durchgesetzt. Jetzt prüft der Verband, ob der Unternehmer die Bedingungen erfüllt.

Auf diesem Weg fühlen sich Fans wie Robin Krakau übergangen. Der Stimmungsboykott ist ihr Weg, gegen das zu protestieren, was sie als selbstherrliche Alleingänge eines Unternehmers wahrnehmen. Die IG Pro Verein 1896 fordert, dass eine Mitgliederversammlung entscheidet, ob Kind diesen Antrag überhaupt stellen darf. Alle sollen über die Zukunft entscheiden, nicht nur ein Mann und seine Freunde in Vorstand und Aufsichtsräten, das ist die Lesart etlicher Fans.

Auch das ist eine Geschichte des Konflikts: Im April 2017 gab es bereits eine Mitgliederversammlung. Es war laut und unruhig und hektisch im Congress Centrum, der Ton war ruppig, Kinds Pläne standen nicht auf der Kippe, sie rutschten beinahe schon herunter. 60 Prozent der Anwesenden wollten, dass die 50+1-Regel in der Vereinssatzung aufgenommen wird, doch das reichte um Haaresbreite nicht – eine Zweidrittelmehrheit wäre nötig gewesen, es ging um ein paar Dutzend anwesende Mitglieder mehr. Trotzdem: Kind schien durch, obwohl eine Mehrheit gegen seine Pläne war. Dann folgte der nächste Antrag. Jetzt stimmte eine deutliche Mehrheit dafür, dass eine außerordentliche Mitgliederversammlung entscheiden muss, ob Kind bei der DFL eine Ausnahme von 50+1 beantragen und Profis vom Stammverein trennen darf.

Zeit zu handeln, dachte sich wohl die Interessengemeinschaft, Zeit, dieses Mal eine Mehrheit für die nächste Versammlung zu organisieren. Wochen später lag auf der 96-Geschäftsstelle ein Sammelantrag vor, 119 Männer und Frauen wollten plötzlich schnell dem Verein angehören. Der Club lehnte ab. Begründung: keine. Krakau spricht von einer „Gesinnungsprüfung“. Kind lehnte auch eine weitere Versammlung ab. All das spielte sich vor dem ersten Saisonspiel im August ab und schürte die Glut weiter.

Fragt man dieser Tage Robin Krakau aus der Nordkurve, was Fans bewegen könnte, den Stimmungsboykott zu beenden, antwortet er: „Die Mitgliederversammlung ist der Schlüssel. Der Mitgliederwille wurde nie gefragt. Kind hat wieder einmal Fakten geschaffen.“ Er wagt eine Vorhersage: Gäbe es dort eine Mehrheit für Kinds Pläne, würden Fans das akzeptieren, auch die laute Kind-muss-weg-Fraktion.

In Großburgwedel sitzt Martin Kind, 73, in seinem unspektakulären Büro. Hier hat er die Millionen verdient, um während der vergangenen 20 Jahre in den Club investieren zu können, eine Summe im zweistelligen Millionenbereich soll es sein. Er hält die Sache wohl im Grunde für entschieden. Kind sagt: „Der Vorstand des Stammvereins hat einstimmig entschieden, diesen Weg zu gehen, der Aufsichtsrat hat zugestimmt. Der Antrag auf Ausnahmegenehmigung ist gestellt.“ Noch einmal bekräftigt er, dass es keine weitere Mitgliederversammlung geben werde. Er fühlt sich bestätigt von einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle. Die Richter sagten, dass der Vorstand berechtigt gewesen sei, über Kinds Ausnahmeantrag bei der DFL zu entscheiden. Aufsichtsratsmitglied Ralf Nestler, Rechtsanwalt aus Hildesheim und scharfer Kritiker von Kind, wollte das per einstweiliger Verfügung stoppen. Das Hauptsacheverfahren steht indes noch aus.

Kind gibt da nicht nach. In seinen Augen haben seine Gegner verloren, als auf der Versammlung im April nicht genügend Stimmen zusammenkamen, um ihn aufzuhalten. Sein Argument: Der Antrag, per Satzungsänderung Anteilsverkäufe an ihn zu verhindern, wurde abgelehnt. „Er hat nicht die notwendige Mehrheit bekommen. Wir können uns ja nicht so lange treffen, bis den 50+1-Befürwortern das Ergebnis passt.“ Eine Mehrheit allerdings bekamen seine Gegner schon, nur eben nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit. Doch der Buchstabe der Paragrafen ist erfüllt, Satzung ist Satzung.

Der Clubchef sieht eine lautstarke Minderheit von vielleicht 500 Ultras am Werk. Anträge, Boykotte, ein Fragenkatalog von 90 Fanclubs an seine Adresse, „Aktivitäten, die von Personen im Hintergrund gesteuert werden“. Immerhin: Im Fragenkatalog wurde Kind als „sehr geehrter Herr“ angeredet. Das ist etwas anderes als das voller Hass herausgebrüllte und beleidigende „Sohn einer Hure“, wie es Ultras im Stadion riefen. Nebenbei: Gerne hätten man nachgefragt, wie es zu solchen menschenverachtenden Grenzüberschreitungen kommt, wie Ultras die Dinge sehen, sie lehnten ein Gespräch jedoch ab. Nestler wollte sich nur äußern, wenn Antworten auf Fragen komplett gedruckt würden, was den Rahmen gesprengt hätte.

Zuletzt scheint es, als würde Kind den Kritikern entgegenkommen. Die 119 Aufnahmeanträge werden bearbeitet, und in einem Vertrag will er festlegen, dass in der Profisparte nur regionale Gesellschafter investieren dürfen. Rechtsanwalt Andreas Hüttl, der der Fanszene sehr nahesteht, bleibt dennoch skeptisch. „Ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber von geringer Relevanz. Ohne neue Mitgliederversammlung ist die Aufnahme gefahrlos möglich“, sagt Hüttl. Er zweifle auch, ob sich Folgeinvestoren fänden, solange Kind allein das Sagen habe im Club.

Eine Frage bleibt an Robin Krakau. Wenn ihm die Richtung nicht gefällt, warum bleibt er nicht einfach zu Hause? Deshalb: „Ich bin seit 23 Jahren Fan. Herr Kind wird irgendwann weg sein. Ich nicht.“

Das Hannover-Modell von Martin Kind

Wie der 96-Eigner verhindern will, dass Scheichs oder Spekulanten die Fußballfirma kaufen

Dass mit Martin Kind ein einzelner Mann über Wohl und Wehe von Hannover 96 entscheiden kann, macht vielen Fans des Clubs ohnehin schon Sorgen. Was aber geschieht, wenn Kind eines Tages nicht mehr der starke Mann ist – aus welchen Gründen auch immer? Ist dann arabischen Scheichs oder windigen Investoren aus Übersee Tür und Tor geöffnet? Nein, sagt Kind. Und begründet das mit dem, was er das „Hannover-Modell“ getauft hat.

Dieses Hannover-Modell bedeutet im Kern etwas sehr Einfaches: Die Gesellschafter des Vereins müssen aus der Region kommen, dort auch wohnen und eine „persönliche Beziehung zu 96 haben“, wie Kind sagt. Dieses Konstrukt will der 96-Eigner auch vertraglich fixieren. Aktuell ist das gegeben: Gesellschafter sind neben Kind der Burgwedeler Drogerieunternehmer Dirk Roßmann, der hannoversche Geschäftsmann Gregor Baum und Mattias Wilkening, Geschäftsführer des Klinikums Wahrendorff.

Schon seit 1998 sind bei Hannover 96 Amateurbereich und Profi­sparte getrennt. Die Profis sind ausgegliedert in Kinds Hannover 96 GmbH & Co KGaA. In einem Grundlagenvertrag ist unter anderem vereinbart, dass der Stammverein, also die Breitensportabteilung, von den Profis 20 Jahre lang jeweils 75 000 Euro erhält. Sie gibt zudem eine Patronatserklärung für den Bau des 10 Millionen Euro teuren Vereinssportzentrums in Ricklingen ab, um im finanziellen Notfall einzuspringen. Festgelegt ist auch, dass der Stammverein von einer Drittverwertung der Markenrechte profitiert und ein Vorkaufsrecht erhält, wenn einer der Gesellschafter Anteile verkaufen will. Wenn der Stammverein sie nicht kauft, hat er dennoch Einfluss: Ohne seine Zustimmung dürfen die Anteile nur den verbliebenen Gesellschaftern angeboten werden. Wenn niemand zuschlägt, erhält der Verkäufer das Geld in drei Raten über drei Jahre ausgeschüttet. Was geschieht, wenn sich in der Region nicht mehr genügend Investoren finden, bleibt indes unklar.

Mittelfristig, sagt Kind, werde 96 mehr Kapital brauchen. Allerdings stünden neue Gesellschafter nicht eben Schlange. Auch ein Börsengang sein möglich – dafür sei der Umsatz derzeit aber noch deutlich zu gering.

Die nächste Sorge vieler Fans: Was geschieht mit Kinds Anteilen, wenn dieser nicht mehr lebt? Geplant sei, dass sein Sohn Alexander sie übernehmen solle, sagt Kind meist. Einen Posten im Verein solle der jedoch nicht übernehmen. Er werde damit ausgelastet sein, das Hörgeräte-Unternehmen der Familie zu führen.

Kritiker fürchten, dass in einer Zeit nach Kind trotz allem Investoren das Zepter übernehmen, Tickets für Normalverdiener unerschwinglich machen und Stehplätze verschwinden lassen. Kurz: Sie trauen den Versprechungen nicht.

gum

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