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Herr Bader, geht es im NLZ drunter und drüber?

Interview mit 96-Geschäftsführer Herr Bader, geht es im NLZ drunter und drüber?

Mit einem geplanten Raubüberfall sorgten drei 96-Nachwuchskicker für Schlagzeilen: 96-Geschäftsführer Martin Bader sagt im HAZ-Interview, wie er das Nachwuchsleistungszentrum auf Vordermann bringen will.

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Es geht voran: Eine neue Tribüne steht schon, der Rasen kommt später.

Quelle: Körner/Kutter/Montage

Herr Bader, in dieser Woche wurde das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Hannover 96 in der Zeitung als Sauladen bezeichnet. War oder ist das NLZ ein Sauladen?
Der Anspruch muss sein, dass solche Vorkommnisse, die jetzt öffentlich wurden, nicht mehr passieren. Denn da haben wir etwas falsch gemacht. Weil wir nicht mitbekommen haben, dass es da in der täglichen Arbeit mit den jungen Spielern Defizite gab. Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Einige Verfehlungen, die in dem Bericht aufgelistet wurden, sind jedoch schon ein paar Jahre her.

Es ist nicht das erste Mal, dass das NLZ für negative Schlagzeilen sorgt. Geht in der Eilenriede alles drunter und drüber?
Nein, damit wird man den Leuten, die dort arbeiten, nicht gerecht. Faktisch betrachtet spielen alle Nachwuchsmannschaften in den Ligen, wo sie unserem Anspruch nach spielen sollen: Die U17 und die U19 in der Bundesliga, die U23 in der Regionalliga.

Das ist die sportliche Seite. Es scheint jedoch Probleme in der Betreuung zu geben. Oder wie erklären Sie den geplanten Raubüberfall von drei U19-Spielern von Hannover 96?
Dieser Vorfall wird juristisch aufgearbeitet und ist noch nicht abgeschlossen. Grundsätzlich hat uns das gezeigt, dass wir uns noch intensiver um die Betreuung außerhalb des Trainingsplatzes kümmern müssen. So etwas hat auch immer eine Ursache. Wir haben mit unserem Amtsantritt vor vier Monaten damit begonnen, das NLZ bis in die Tiefen zu durchleuchten. Aber das ist ein länger andauernder Prozess.

Und was ist dabei schon ans Licht gekommen?
Aufgrund unserer Räumlichkeiten und der personellen Lage können wir die Jugendlichen nicht so begleiten, wie es unser Anspruch ist. Wir müssen in der U17, U19 und U23 wissen, welcher Spieler zur Schule geht, wer eine Ausbildung oder ein Praktikum macht, wer bei den Eltern lebt und wer alleine wohnt. Aus diesen Informationen können wir Rückschlüsse ziehen, wie wir mit den jeweiligen Spielern umgehen müssen. Und wir brauchen auch die Rahmenbedingungen, um mit den Jugendlichen auch in diesem Bereich arbeiten zu können.

Woran fehlt es denn?
Ich bin jetzt seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres bei 96. Mir ist es fremd gewesen, dass es hier im NLZ relativ wenig Infrastruktur für eine Rundumbetreuung der Spieler gibt. Wir haben keine Räumlichkeiten, um Spielern Nachhilfe zu geben, wir haben keinen Pädagogen, der den Jungs bei schulischen Problemen hilft, die Jungs können ja noch nicht einmal zusammen Mittag essen, weil es keine Kantine gibt. So etwas ist eigentlich Standard, aber das haben wir alles nicht. Und dann verrutscht manchmal was.

Ein geplanter Raubüberfall - da muss aber eine Menge verrutscht sein.
Das kann und will niemand entschuldigen. Wir wollen Werte vermitteln, die wir auch vorleben müssen, und den Jugendlichen so einen Halt geben. Wir sind Ersatzfamilie. Jeder Betreuer, jeder Trainer, alle, die beim NLZ arbeiten, müssen eine Ersatzfunktion als Elternteil einnehmen. Für den einen Spieler mehr, für den anderen weniger. In anderen Nachwuchsleistungszentren oder Internaten werden Probleme viel früher erkannt, weil dort die Rahmenbedingungen viel besser sind.

Das neue Nachwuchsleistungzentrum ist schon hochgezogen.

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Was konkret muss sich ändern?
Die wichtigsten Erkenntnisse sind: Wir müssen die Trainingsbedingungen optimieren, wir müssen das Internat bauen und die Räumlichkeiten dafür schaffen, dass die Jugendlichen 24 Stunden am Tag betreut werden können. Der eine mehr, der andere weniger. Dafür brauchen wir hochqualifiziertes Personal, das sich über jeden einzelnen Spieler Gedanken macht. Bei uns ist in den letzten Jahren kein Bewusstsein dafür entwickelt worden, wie wichtig Nachwuchsarbeit ist. Es wurde zwar immer gesagt, dass sie wichtig ist, man hat das aber nicht zu Ende gedacht.

Ein Beleg dafür ist die vom DFB vorgenommene Klassifizierung der NLZ. Für 96 gab es zuletzt nur einen Stern.
Ein Stern ist zu wenig. Der Anspruch bei allen, die im NLZ für 96 arbeiten, muss sein, dass sie drei Sterne haben wollen. Das werden wir jetzt einfordern. Im Frühjahr 2017 findet die nächste Überprüfung statt. Dann wollen wir unbedingt drei Sterne haben, dafür werden wir alles tun. Auch um den Eltern der Talente objektiv dokumentieren zu können, dass wir in allen Bereichen besser geworden sind.

Werden die drei Jugendlichen, die Mist gebaut haben, noch mal für 96 spielen?
Sie sind erst einmal vom Training und von Spielen ausgeschlossen, bis das Ganze sich sortiert hat. Wie es nach der juristischen Aufarbeitung weitergeht, werden wir besprechen. Wir werden sie aber nicht komplett fallen lassen. Wir müssen sehen, wie wir bei ihnen ins Bewusstsein kriegen, dass es ein Privileg ist, bei 96 spielen zu dürfen. Arbeit in sozialen Projekten ist da oftmals sehr hilfreich. Auch um ihnen zu zeigen, wie gut es ihnen geht.

Sind nicht gerade die vielen Privilegien für Fußballprofis, die zu einem Leben in einer Scheinwelt führen können, ein Teil des Problems?
Auch wenn man sagt, dass schon die Nachwuchsspieler in einer Scheinwelt leben und gepampert werden: Wir müssen die Spieler an die Hand nehmen und sie deutlich privilegieren, ohne sie zur Unselbstständigkeit zu erziehen. Für uns ist die Frage: Wie viel Ersatzfamilie müssen wir sein, ohne uns anzumaßen, besser als die Eltern zu sein? Nicht alle besitzen einen Eigenantrieb, um sich auch um eine Weiterentwicklung abseits des Platzes zu bemühen.

Neuer Talentschuppen
kostet 18 Millionen

Sorgenkind Nachwuchsleistungszentrum: Das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) für die Fußballer von Hannover 96 wird 2017 auf dem Gelände des alten Eilenriedestadions an der Clausewitzstraße neu entstanden sein. 18 Millionen Euro soll das Projekt mit Internatsgebäude (16 Plätze), zwei weiteren Tribünen und einem um 90 Grad gedrehten Spielfeld kosten. Erster Spatenstich war im Juli 2015. Bisher hat das NLZ von 96 bei der Zertifizierung des Deutschen Fußball-Bundes nur einen Stern erhalten, während andere Nordclubs (Wolfsburg, Bremen, Hamburger SV, St. Pauli) Zentren mit der Höchstbewertung von drei Sternen betreibt. Das soll sich ändern, die „Roten“ wollen ihre Ausbildung neu ausrichten. Sportlich sorgten zuletzt die A-Junioren mit der Final- (2014) und Halbfinalteilnahme (2015) bei den deutschen Meisterschaften für Furore. Aber es gab auch mehrfach Ärger – um einen früheren sportlichen Leiter mit rüden Umgangsformen, um beleidigende Handyfotos, um vermeintlich mangelnde Wertschätzung für Talente.  

Es gibt aber auch positive Beispiele.
Ja. Niklas Feierabend ist einer, der sich neben dem täglichen Training um eine Beschäftigung im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres gekümmert hat. Dieses Beispiel zeigt, dass beides funktionieren kann. Und er spielt in derselben Mannschaft wie die drei Jungs, die Mist gebaut haben.

Die „Roten“ könnten mal wieder einen Spieler wie Per Mertesacker gebrauchen, der es von der 96-Jugend bis in die Nationalelf schafft.
Durchlässigkeit wird ein großes Thema für uns sein. Wir müssen bei den Profis Kaderplätze für die Nachwuchsspieler freihalten, die dann aber nicht als Alibi mittrainieren, sondern eine Chance haben, auch zu spielen. Und wir müssen auch in anderen Bereichen umdenken.

In welchen?
Eine Möglichkeit wäre, aus er U23 eine U21 zu machen. Das würde bedeuten, dass wir in der Regionalliga mit jüngeren Spielern spielen würden. Dahinter steckt der Gedanke, dass wir die Ausbildung in der Jugend verlängern. Wir würden nicht wie bisher bei der U19 einen Schnitt machen, sondern deutlich mehr Spielern die Möglichkeit geben, ein oder zwei Jahre länger bei 96 zu bleiben. So können wir die Spieler länger begleiten und müssen nicht in der U19 entscheiden, welche fünf oder sechs Spieler in den Herrenbereich wechseln. Es gab in den vergangenen Jahren viel zu viele Talente, die viel zu früh nach oben gespült wurden.

Das neue NLZ mit 16 Internatsplätzen soll im nächsten Jahr fertig sein. Wie lange wird es brauchen, bis sich die ersten Erfolge einstellen?
Wenn man wie wir relativ weit unten anfängt, etwa fünf Jahre. Aber investieren müssen wir jetzt. Wenn wir ein Internat für 18 Millionen Euro bauen und dann sagen, wir investieren nicht in Personal, können wir auch sofort mit dem Bauen aufhören. Das ist rausgeschmissenes Geld. Jedes NLZ, das am Anfang investiert hat, wird davon profitieren. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Entweder durch Transfererlöse oder dadurch, dass es sehr gut ausgebildete Spieler zu den Profis schaffen. Gute Beispiele dafür sind Schalke mit Julian Draxler oder Max Meyer, Nürnberg mit Stefan Kiesling und Ilkay Gündogan oder der VfB Stuttgart, der regelmäßig aus dem eigenen Nachwuchs Spieler in der Lizenzmannschaft einbaut.

Geduld ist aber nicht gerade die große Stärke von Clubchef Martin Kind ...
Ich weiß doch ganz genau, was im nächsten Jahr passiert. Dann wird es von außen heißen: „Jetzt habt ihr doch euer tolles NLZ, wo sind denn die Spieler für die Profimannschaft, wo ist denn der nächste Mertesacker?“ Es wird dauern, bis es in den Köpfen drin ist, dass eine wirklich gute Ausbildung Zeit braucht. Und das weiß auch Martin Kind.

Was macht eine gute Ausbildung aus?
Idealerweise gilt: Ausbildung vor Ergebnis. Wir müssen unsere Jugendtrainer so erziehen, dass ihre Arbeit nicht nur daran bewertet wird, ob sie am Wochenende gewonnen haben. Wenn sie um die Meisterschaft mitspielen, ist das schön. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie Spieler in den Profibereich kriegen. 

Viele Talente haben in den vergangenen Jahren einen großen Bogen um 96 gemacht oder sind schnell wieder verschwunden.
Ich habe mir von NLZ-Leiter Jens Rehhagel die Liste mit den Spielern geben lassen, die in den vergangenen Jahren von 96 weggegangen sind. Die Liste ist sehr lang - und das ist schlimm.

Was auch an den Zuständen im NLZ liegen dürfte.
Die aktuellen Trainingsmöglichkeiten sowie die generellen Rahmenbedingungen sind kaum vorzeigbar.

Da muss man sich nicht wundern, wenn die Talente dann zum VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig oder Werder Bremen gehen.
Genau. Warum hat Werder so viele unserer Jugendlichen in den vergangenen Jahren abgeräumt? Weil Bremen eine perfekte Infrastruktur für die Talente hat. Weil sie das bieten, was wir nicht anbieten konnten. Vielleicht hat man bei 96 geglaubt, es würde reichen, den Spielern zu sagen, dass sie die Chance haben, irgendwann einmal Profi zu werden. Das ist ein Totschlagargument. Wir müssen sagen können: Komm zu 96, weil du hier gut ausgebildet wirst. Die Eltern aus Garbsen, Nienburg oder Hildesheim müssen wissen, dass ihr Kind bei 96 rundum gut betreut wird. Auf dem Trainingsplatz und auch abseits davon. Das ist eine riesige Chance für uns zu zeigen, dass wir auch Nachwuchs können.

Interview: Heiko Rehberg und Christian Purbs

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