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„Wir sehen Thomas jetzt nicht als Feind an“

Interview mit Jürgen Born „Wir sehen Thomas jetzt nicht als Feind an“

Der frühere Chef von Werder Bremen, Jürgen Born, spricht im Interview über die ehemaligen Bremer Thomas Schaaf und Hugo Almeida, die nun beide bei Hannover 96 gelandet sind –, und den besonderen Humor des Trainers.

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„Thomas ist in Bremen ein Idol auf Lebenszeit“: Jürgen Born (rechts) mit Trainer Schaaf in erfolgreichen Werder-Zeiten.

Quelle: imago sportfotodienst

Herr Born, was haben Sie als ehemaliger Werder-Chef gedacht, als Sie gehört haben, dass der frühere Bremer Trainer Thomas Schaaf den früheren Bremer Stürmer Hugo Almeida zu Hannover 96 geholt hat?

Ich fand das sehr gut. Thomas Schaaf macht das sehr gern, dass er sich auf Leute stützt, die er schon kennt. Wenn man zu einem neuen Club kommt, sind im Prinzip ja erst einmal fast alle Spieler neu. Das heißt nicht, dass Thomas Spitzbuben oder Spione drinhaben will, aber er hat gern Leute, die ihm vertraut haben - und denen er vertraut. Nelson Valdez, den er nach Frankfurt gelotst hat (Juli 2014, d. Red.), ist auch so ein typischer Fall. Den hätte ich auch geholt. Das sind Kämpfertypen, die marschieren. Da legt der Thomas großen Wert drauf, dass Spieler, auch wenn sie mal einen Ball verstolpern, nie aufgeben und immer wieder Gas geben. Und dazu gehört auch unser Freund Almeida.

Da klingt eine Wertschätzung für den Fußballprofi Almeida an.

Das ist ein Kämpfer mit südländischem Temperament. Er hat einen unheimlichen Antritt, der läuft 80 Prozent der Abwehrspieler in Deutschland weg. Er ist aber manchmal auch so schnell, dass er bei Gelegenheit dann vor dem Tor ins Stolpern gerät ... Ein bulliger Spielertyp wie er bindet auch mal zwei Verteidiger, das gibt dann wieder Luft für andere.

Wie haben Sie Almeida erlebt in Bremen?

Er ist kein Schreihals, sondern eher zurückhaltend. Er ist ein Kumpel, ein angenehmer Typ. Ich kann Thomas nur dazu gratulieren, dass er ihn nimmt. Ich fürchte mich schon, wenn Hannover hier in Bremen spielt (5. März, d. Red.). Denn wir sind bekannt dafür, dass ein Ex-Bremer normalerweise erst einmal gegen uns ein Tor schießt. Da flattert das Herz natürlich doppelt. Wie viel hat noch mal Almeida gekostet?

Er war ablösefrei.

Dann haben sie aber gar nichts falsch gemacht in Hannover.

Hat es Sie überrascht, dass Thomas Schaaf bei Hannover 96 angeheuert hat?

Nein, ich sehe ihn freitags immer im Golfclub in Verden, da übt er mit seiner Frau und seiner Tochter. Da ist er auch schon immer ganz schön ehrgeizig. Mir war klar, auch wenn die Leute immer sagen, dass er verschlossen sei: Thomas muss erklären können, deshalb wäre ein Verein im Ausland nicht so seine Welt. Deutschland ist okay, es musste nur etwas Namhaftes sein.

Moment, Hannover 96 startet als Tabellenvorletzter in die Rückrunde.

Mal abgesehen vom Tabellenstand: Namhaft ist Hannover ja.

Martin Kind hätte ihn früher zu 96 geholt, aber Schaaf war mit Werder verheiratet.

Das stimmt, ich habe mich auch mal mit Kind vor ein paar Jahren darüber unterhalten. Er ist ja auch ein Norddeutscher, und Thomas ist ja das Musterbeispiel für jemanden aus der norddeutschen Tiefebene - da passt das schon. Und bitte nicht vergessen: Schaaf hat ein eingespieltes Team mitgebracht zu 96. Seine Assistenten Matthias Hönerbach und Wolfgang Rolff haben in Bremen jahrelang hervorragende Arbeit geleistet und sind nie ans Mikrofon gelaufen und haben irgendwelchen Blödsinn erzählt. Das ist wichtig.

96 mit Schaaf ist jetzt ein Konkurrent für Werder im Kampf gegen den Abstieg. Ein komisches Gefühl für Sie?

Beide bleiben drin, das ist klar. Aber wir sehen Thomas ja jetzt nicht als Feind an. Er ist ein Idol in Bremen auf Lebenszeit. Das ist ein Job bei 96, den er übernommen hat, und da muss er dafür sorgen, dass Hannover nicht absteigt - und wir müssen das in Bremen auch. Aber das Spiel ist ja nicht Werder gegen Schaaf, sondern Werder gegen Hannover.

Mit welchem Empfang rechnen Sie für Schaaf am 5. März im Weserstadion?

Er hat auch mit Frankfurt einen Riesenapplaus gekriegt. Die Leute haben seine Leistung in Bremen nicht vergessen. Er ist hier hoch angesehen, da kommt nicht ein einziger Pfiff. Garantiert.

Und Almeida?

Almeida fanden sie auch alle toll. Da werden die Fans ebenfalls nicht pfeifen. Werder hat ihn verkauft, auch er ist nicht als Feind gegangen. Er hat in unserer Erinnerung nur Schönes geleistet: Er hat ein paar schöne Tore geschossen, ist ein einwandfreier Charakter. Ich könnte mir bei den Bremern einen kleinen Applaus für ihn gut vorstellen. Die Leute mögen diesen Uwe-Seeler-Stil.

Zum Schluss noch: In Hannover waren viele überrascht, dass Schaaf richtig Humor hat. Sie dürfte das nicht überrascht haben, oder?

Nee, das weiß ich. Der hat einen Wahnsinnshumor. Das merken nur einige nicht. Bei seinem Humor muss man ein bisschen aufpassen.

Interview: Heiko Rehberg

Zur Person

Jürgen Ludger Born, geboren am 
24. September 1940 in Berlin, wuchs in Bremen auf und wanderte 1969 nach Argentinien aus. Für die Deutsche Bank arbeitete er dort in Buenos Aires und übernahm später die Leitungen der Niederlassungen in Paraguay, Uruguay und Brasilien. Es dauerte mehr als 30 Jahre, bis Born in die Hansestadt zurückkehrte, um Clubchef von Werder Bremen zu werden. Von 1999 bis 2009 war er Vereinsboss und prägte eine sportlich glanzvolle Ära mit Meisterschaft und Pokalsieg (beides 2004). Immer wieder ließ er bei Transfers seine Südamerika-Verbindungen spielen. Im März 1999 trat Born zurück, weil er das Vereinsimage durch Beschuldigungen, er habe bei Transfers in die eigene Tasche gewirtschaftet, gefährdet sah. Ein unabhängiges Gutachten bewies noch im gleichen Jahr, dass die Vorwürfe haltlos waren. 2011 erhielt Born die Goldene Ehrennadel des Clubs.

hr

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