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Ist Hannover ein Abstieg von 96 egal?

Die "Roten" sind Tabellenletzte Ist Hannover ein Abstieg von 96 egal?

Bei Hannover 96 geht die Abstiegsangst um, doch durch die Stadt geht kein Ruck – sogar langjährige Fans reagieren mit Gleichgültigkeit. Warum will keiner mehr kämpfen? Gunnar Menkens und Uwe Janssen haben sich umgehört.

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„Amateurverein! Elf neue Spieler geholt und die Guten abgegeben“: Lothar Hengst (v. li.), Helmut Lange und Hans Pöpplau beobachten das Training ziemlich fassungslos vom Spielfeldrand. 

Quelle: Surrey

Das große HAZ-Dossier zum möglichen 96-Abstieg

Es sieht nicht gut aus für Hannover 96. In der Stadt hat sich längst eine Stimmung breitgemacht, als sei der Abstieg bereits besiegelt: Welche Folgen hätte das für die Fans, die Auswärtsfahrten, den Verein, den Etat und die Polizei? Auch beim Nachwuchs fällt die Wahl auf das sportliche Vorbild oft auf andere Vereine.

Ein herrlicher Wintertag. 24. Februar 2016. Vier Grad, blauer Himmel, Zeit für Profifußball. Als einer der ersten ist an diesem frischen Morgen Lothar Hengst auf der Anlage. Dann kommen die anderen. Hugo Almeida, Edgar Prib, Manuel Schmiedebach und die restlichen Spieler von Hannover 96. Hengst, 79 Jahre alt, sieht seit Tagen genau hin, schon, wie die Spieler den Platz betreten. Nämlich so: „Die gucken alle nach unten, wie die Kriegsgefangenen.“ Er lässt die Schultern hängen, sein Oberkörper kippt nach vorn, er blickt auf den Boden, so sieht er die Spieler. Hengst erzählt von einem Aufstiegsspiel. „Wann war das? Vier und, vier und ...“, das Datum fällt ihm nicht, dann doch noch. „Vierundsechzig, 1964, drei eins gegen Hessen Kassel, noch unter Kronsbein.“ Was heißen soll: Hannover hat bessere Zeiten erlebt mit seinem Club.

Nur in der Erinnerung geben die „Roten“ ein besseres Bild ab: etwa 2011 mit der beeindruckenden Kurven-Choreografie vor dem Spiel gegen den FC Sevilla

Nur in der Erinnerung geben die „Roten“ ein besseres Bild ab: etwa 2011 mit der beeindruckenden Kurven-Choreografie vor dem Spiel gegen den FC Sevilla.

Quelle: Florian Petrow

Auf dem Platz lässt Trainer Thomas Schaaf Angriffe üben. Zügig kombinieren Spieler Richtung Tor. „Einen Kontakt nur, einen Kontakt“, ruft er und in seinem Schaaf-Deutsch, worum es gerade geht: „Jetzt kommts drauf an, dass ihr vorne das Gefühl kriegt.“ Lothar Hengst und seine Freunde Hans Pöpplau, 71, und Helmut Lange, 66, gucken zu, seit Jahrzehnten. Und wie immer ist es so: Sitzt ein Schuss nicht, war das ja klar, man steht schließlich beim Tabellenletzten am Zaun. Ihr Gefühl sagt, dass es keine Hoffnung auf den Klassenerhalt gibt. Langes Urteil steht: „96, das ist ein Amateurverein. Elf neue Spieler geholt, und die Guten abgegeben.“

Schaaf übt weiter mit den Jungs. Der Trainer zeigt in einen leeren Korridor vor dem Tor, hier, sagt er norddeutsch, „gibt es eine Möchlichkeit“. In der Stadt glauben nur noch wenige an die Möglichkeit, den Abstieg zu verhindern. In diesen Wochen hat man den Eindruck, dass Hannover diesen Niedergang ohne Gegenwehr hinnimmt. Identifikation in schlechten Zeiten – nur etwas für den harten Kern? Jedes Spiel ist wichtig, doch das Stadion wird leerer.

96 gegen FC Sevilla: Alle waren stolz

18. August 2011. Schon vor dem Abendspiel schien das ganze Stadion vor Spannung und Vorfreude zu vibrieren. Hannover 96 gegen den FC Sevilla, ein internationales Pflichtspiel! Der Stolz des Teams, überhaupt so weit gekommen zu sein, hatte sich auf die Ränge übertragen. Alle waren stolz. Und alle wollten den favorisierten Andalusiern zeigen: Wir alle sind Hannover, und an uns müsst ihr erstmal vorbei! Der Rausch endete 2:1. Es war ein Schlüsselspiel, nicht nur, weil es 96 und seinen Fans den Weg in zwei erfolgreiche Europapokaljahre bahnte. Sondern weil es zeigte, wie sehr eine Fußballmannschaft eine Stadt emotionalisieren kann.

Dass sie das in Dortmund und auf Schalke können, wusste man. In Hannover, wo es jenseits der Fankurve Hingabe nur mit Ausstiegsklausel gab, war diese bruchlose Identifikation, dieses gefühlte Zusammenrücken nach dem Tod Robert Enkes eingekehrt. Die Stadt war 96, die Unterstützung pushte die Mannschaft zum Klassenerhalt, am letzten Spieltag im Mai 2010 fuhren 10.000 Fans nach Bochum, 10.000 warteten auch abends im heimischen Stadion auf die Ankunft der Helden, um ein wunderbares Wir-Gefühl mit der Mannschaft zu zelebrieren und das gemeinsam Geschaffte zu feiern. Auch diese Stimmung war es, die die Mannschaft in der folgenden Bundesliga-Saison auf einen Europacup-Platz trug – und schließlich in die vibrierende Atmosphäre des 18. August 2011. Sie war elektrisierend. Man wollte mehr davon.

Aus dem Rausch ist ein Kater geworden

Aber „Niemals allein“, das singen inzwischen immer weniger. Vielleicht wäre das Stadion auch in größter Abstiegsnot voll, wenn die Mannschaft mit fliegenden Fahnen untergehen würde. Aber sie hisst nicht einmal eine einzige Flagge, sie kommt nicht zu Schaafs „Möchlichkeiten“. Wenn 96 wirklich absteigt, werden Tränen auf den Tribünen fließen. Wem aber diese emotionale Bindung verloren gegangen ist, der wird nach den letzten Spielen nicht einmal das Gefühl haben, Bundesliga-Fußball sei etwas, das man vermissen könnte.

Aus dem Rausch ist ein Kater geworden. Hannover 96 ist 2016 nicht mehr der Stolz der Stadt. Es ist nicht mal mehr der Stolz der Fans. Wer zu Heimspielen geht, wird bedauernd angesehen. „Nur gegen Bayern sind dann alle wieder da“, sagt Helmut Lange mit Verachtung. Er und seine Freunde interessieren sich wenigstens noch. Die Mannschaft hat achtmal hintereinander verloren, ist Tabellenletzter, hat in der Rückrunde 0 von 15 Punkten geholt, ein einziges Tor geschossen und alle Statistiken zum Thema Klassenerhalt gegen sich. Noch ist nichts besiegelt. Drei Siege, und alles sähe wieder anders aus. Doch kaum jemand glaubt noch daran. Selbst die Verantwortlichen senden erste Zeichen der Resignation. Was fatale Wirkung hätte – wenn die 96-Anhänger und Beobachter noch für ihren Club brennen würden. Doch nach Unglauben, Angst und Wut macht sich nun die schlimmste Form der Anteilnahme breit: keine Anteilnahme. Gleichgültigkeit.

2010 feierte die Mannschaft mit der „Raupe“ den geglückte Klassenerhalt in Bochum – vorneweg Karim Haggui, Didier Ya Konan und Mike Hanke (li.).

2010 feierte die Mannschaft mit der „Raupe“ den geglückte Klassenerhalt in Bochum – vorneweg Karim Haggui, Didier Ya Konan und Mike Hanke (li.).

Quelle: zu Nieden

Das Fatale: Es gibt nicht einen Grund für das Desinteresse, es gibt eine ganze Reihe. Viele sehen im Abgang des Managers Jörg Schmadtke den Anfang der Abwärtsspirale und stellen Nachfolger Dirk Dufner in die lange Reihe der erfolglosen Manager seit der Bundesligazugehörigkeit. Unter seiner Ägide sind Sympathieträger wie Mohammed Abdellaoue oder Identifikationsfiguren wie Steve Cherundolo und Konstantin Rausch, einer von gerade mal zwei „Eigengewächsen“ in den 13 Jahren seit Bundesligaaufstieg, aus der Mannschaft rotiert. Was heute auf dem Platz steht, hat mit wenigen Ausnahmen für viele Fans den Charakter einer Söldnertruppe, der es egal ist, ob sie für Hannover spielt oder einen anderen Verein, der bezahlt. Niemand scheint stolz, das Trikot des Clubs zu tragen. Es wundert kaum, dass es nicht einer der aktuellen Spieler war, der vor ein paar Wochen die Fans via Medien zu mobilisieren versuchte, sondern Jörg Sievers, Pokalheld von 1992 und Torwarttrainer bei den „Roten“. Sein Aufruf verhallte nahezu ungehört.

„Ohne Kind wäre 96 nicht da, wo es ist“

Und schließlich ist es auch Martin Kind, der mehr und mehr in der Kritik steht – auch bei vielen, die bei den „Kind muss weg“-Rufen aus der Nordkurve vor Jahren noch gepfiffen haben. Nicht, dass sie die Meinung der Pyrotechnik-Befürworter aus dem Fanblock plötzlich teilen würden. Doch das Vertrauen, dass Kind personalpolitisch die richtigen Entscheidungen fällt, ist langsam geschwunden. Spätestens mit dem seltsamen Abgang von Dirk Dufner, der noch den Kader für die aktuelle Saison zusammenstellen durfte und dann doch gehen musste, hat der allmächtige Clubboss auch bei seinen Sympathisanten an Nimbus eingebüßt. Der Satz „Ohne Kind wäre 96 nicht da, wo es ist“ ist von der kaum zu leugnenden Verteidigungsformel zur Durchhalteparole geworden und bekäme bei einem Abstieg eine ganz neue Bedeutung. Dann könnten ihn auch gleich die Ultras weiterverwenden.

Ob der zaghafte Ruf der hannoverschen CDU nach „verstärktem Engagement der Stadtführung für den Klassenerhalt“ das Stimmungsruder noch herumreißen wird, darf bezweifelt werden. Die Kampagne, so der Vorschlag, könne von der Marketing- und Tourismus-Gesellschaft HMTG „in Zusammenarbeit mit Hannover 96 entwickelt werden“.

Man sollte sich nicht zu lange Zeit lassen damit.

Oberbürgermeister Stefan Schostok jedenfalls scheint mehr Realist als Motivator zu sein: „Die Chance zum Klassenerhalt ist noch da, gefühlt aber nicht mehr groß.“

Von Gunnar Menkens und Uwe Janssen

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Die Hannover Tourismus- und Marketing Gesellschaft (HMTG) sieht auf die Schnelle keine Möglichkeiten, eine Motivationskampagne für den Klassenerhalt des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 zu inszenieren. „Um so etwas zu machen, braucht man ein Produkt, an das man anknüpfen kann. Das fehlt derzeit“, sagt Geschäftsführer Hans Nolte.

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27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

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