12°/ 9° bedeckt

Navigation:
Abo bestellen HAZ-Shop HAZ Media Store AboPlus HAZ Service
Leon Andreasen muss sich wieder quälen
Mehr aus Hannover 96

Hannover 96 Leon Andreasen muss sich wieder quälen

In der idyllischen Ostsee-Kleinstadt Dragor absolvierte Leon Andreasen während der Vorweihnachtszeit seine Reha. Vorweihnachtlicher Besuch beim dänischen Patienten: der 96-Profi über Schmerzen, Sympathien und Schicksalsschläge

Voriger Artikel
Der Platzwart zieht die Hinrundenbilanz für Hannover 96
Nächster Artikel
HAZ-Leser wählen den 96-Spieler des Jahres

Einsam, aber nicht verlassen: In der idyllischen Ostsee-Kleinstadt Dragor absolvierte 96-Profi Leon Andreasen während der Vorweihnachtszeit seine Reha.

Kopenhagen. Durch die engen Gassen der schönen Altstadt pfeift ein kalter Seewind, auf dem Kopfsteinpflaster liegt noch eine dünne Schneeschicht. Im Städtchen Dragor, ein paar Kilometer südlich von Kopenhagen gelegen, geht es in der Vorweihnachtszeit gemütlich zu. Die Cafés unten an der Ostsee sind immer noch gut besucht, doch längst nicht so voll besetzt wie im Sommer, wenn die Touristen und Kurzurlauber aus Kopenhagen in die Kleinstadt kommen, um hier zu entspannen. Es ist ein schöner Ort, aber Leon Andreasen würde viel lieber ganz woanders sein. Wo andere Urlaub machen, muss sich der Profi von Hannover 96 quälen. Nach seinem Kreuzbandriss am 26. September im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Nürnberg schuftet und schwitzt der Mittelfeldspieler im Rehazentrum seines Physiotherapeuten und Freundes Thomas Jörgensen in Dragor für sein Comeback. Schon wieder.

Herr Andreasen, wer bei Ihnen auf dem Handy anruft, hört nach dem zweiten Klingeln das fröhliche Lied „Whistle“ von Flo Rida. Selbst ausgesucht?

Nein, das ist vom Telefonanbieter, das habe ich nicht selbst ausgewählt.

Nur gut, dass da kein Lied von Coldplay zu hören ist.

Ach, nein. Die haben ja keine Schuld. Aber wenn ich Musik von Coldplay höre, erinnert mich das schon an diesen Abend.

An diesem Abend war das Heimspiel gegen Nürnberg, in dem Sie sich in der 8. Minute das rechte Kreuzband gerissen haben. Drei Monate sind seitdem vergangen. Wie geht es Ihnen?

Mir geht’s momentan gut, ich habe die erste schwere Zeit langsam verkraftet. Klar, es gibt auch schlechte Tage, aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels.

Nach dem Konzert der Popgruppe Coldplay war ein Teil des Rasens in der AWD-Arena neu verlegt worden. Sie sind an der Nahtstelle mit dem Bein hängengeblieben. War das der Grund für Ihre Verletzung?

Ich bin mir sicher, dass es so war.

Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf?

Ich hatte noch nie eine Knieverletzung, kannte diesen Schmerz nicht. Deshalb wusste ich zunächst nicht, was da auf mich zukommt. Erst in der Kabine kam der Schlag, als unsere Ärzte schnell gesagt haben, dass es wohl ein Kreuz-bandriss ist. Das konnte ich nicht begreifen. Es lief doch gerade alles so gut.

Sie waren nach einer fast zweieinhalbjährigen Verletzungspause und Leidenszeit wieder super in Form und aus der 96-Elf nicht wegzudenken. Und dann dieser Rückschlag.

Ich war einfach total niedergeschlagen, habe auch geweint. Ich hatte gerade so eine Schei... hinter mir. Es hätte ja auch eine kleine Verletzung sein können, ich hätte ja auch einfach nur umknicken können. Aber nein, nicht bei Leon, der holt sich natürlich etwas Großes.

„Warum immer ich?“, das haben Sie unmittelbar nach der Verletzung gesagt. Haben Sie schon eine Antwort darauf gefunden?

Nein, die gibt es wohl auch nicht. Es ist so, wie es ist, ich kann es nicht ändern. Also mache ich einfach weiter. Meine Freundin fragt mich auch immer, wie ich so ruhig sein kann. Wenn ich etwas ändern will, muss ich mich auf meine Reha und mein Training konzentrieren. Ich habe jeden Tag Schmerzen, abends lege ich mein Bein hoch und kühle es mit Eis. Das nervt, aber ich habe ein Ziel. Und ich bin gut darin, mich aus einem Tief auch selbst wieder herauszuziehen. Die vergangenen Monate vor der Verletzung waren ja herausragend gut, extrem erfolgreich mit der Mannschaft. Ich hatte richtig Spaß. Da will ich wieder hin.

Die Sympathiebekundungen nicht nur der Fans von Hannover 96 für Sie waren riesig.

Das hat mir gerade am Anfang unglaublich geholfen. Es waren so viele Fans, die sich gemeldet und mir Briefe geschickt haben. Das hat mich auf andere Gedanken gebracht, einfach klasse. Ich möchte auch hier in der HAZ noch mal allen danken, die sich bei mir gemeldet haben oder an mich gedacht haben.

Die erste Zeit nach der Operation Anfang Oktober verbringt Andreasen im Berufsgenossenschaftlichen Krankenhaus in Hamburg. Während dieser fünf Wochen hört der 29-Jährige von einem Pfleger, dass im Krankenhaus ein Hannover-96-Fan liegt, der zu Hause ein Andreasen-Poster in seinem Zimmer hängen hat. „Ein Poster von mir, das konnte ich gar nicht glauben, das habe ich zum ersten Mal gehört“, sagt der Profi. Nach einem komplizierten Beinbruch wird der 96-Fan operiert, doch es gibt Komplikationen. Weil die Sauerstoffzufuhr unterbrochen wird, bleibt ein schwerer Gehirnschaden zurück.

Ob er eine Autogrammkarte für den Fan habe, wird der 96-Spieler gefragt. Andreasen machte sich mit einem Trikot auf den Weg. „Er hat mich erkannt und geweint. Dann wurde er ,entblockt‘, damit er etwas sagen konnte. Als ich nach einer halben Stunde gehen wollte, habe ich ihn gefragt, ob ich noch etwas für ihn tun kann. Da hat er mich nur angeschaut und gesagt: ,Nach Hause.‘ Da war ich echt fertig. Ein ganzes Leben verändert sich innerhalb von ein paar Sekunden so dramatisch. Dagegen ist ein Kreuzbandriss doch gar nichts. Wenn ich sage, dass ich Pech hatte, dann relativiert sich das, wenn man solche Schicksale sieht.“

Haben Sie schon mal einen Blick auf den Kalender geworfen? Nach dem Motto: Da könnte ich wieder mit dem Lauftraining anfangen, da vielleicht schon wieder spielen?

Nein. Nach drei oder vier Monaten kann man normalerweise wieder mit dem Laufen beginnen. Das Wichtigste ist jedoch, vorne am Knie wieder Muskeln aufzubauen, damit das Knie stabil ist. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Beim letzten Mal habe ich mir immer Ziele gesetzt. Doch damit bin ich immer wieder gescheitert.

Sie haben am 23. April Geburtstag und werden 30 Jahre alt.

Oh, ja. Das sind dann sieben Monate nach dem Kreuzbandriss. Wenn alles gut läuft, bin ich dann wieder dabei.

Am Wochenende davor hat 96 ein interessantes Heimspiel.

Gegen wen? Etwa gegen Nürnberg?

Würde passen. Nein, aber auch nicht schlecht: gegen den FC Bayern. Das wäre doch das perfekte Spiel für Ihr nächstes Comeback.

Das ist mir zu weit in der Zukunft. Bei vielen Spielern, die nach so einer Verletzung zu schnell angefangen haben, sind die Bänder wieder gerissen. Ich will sicher sein, dass das Knie gut aufgebaut ist. Wenn ich im April spiele, wäre das schön. Wenn nicht, dann dauert es halt einen Monat länger.

Sie haben einmal gesagt, dass für Sie ein 3:2-Sieg gegen die Bayern mit einem Hattrick von Ihnen das perfekte Spiel wäre. Gilt das noch?

Ich habe noch nie gegen die Bayern gewonnen. Das wäre schon ein tolles Erlebnis. Es müssen ja nicht unbedingt drei Tore von mir sein.

Normalerweise wäre jetzt die letzte Frage, was Sie sich für das neue Jahr wünschen. Dieses Mal möchte ich Ihnen jedoch auch im Namen aller Fußballfans, die sich in den vergangenen Monaten mit Ihnen gefreut und die mit Ihnen gelitten haben, wünschen, dass Ihre Leidenszeit bald vorbei ist und wir Sie in der Rückrunde wieder für Hannover 96 spielen sehen.

Das freut mich. Danke.

Und Weihnachten? Herr Andreasen, wo werden Sie Weihnachten verbringen?

Wir feiern mit meiner Familie in Hannover. Im vergangenen Jahr waren wir in Dänemark, dieses Mal kommen meine Eltern zu uns und bringen auch das Essen mit.

Was gibt es denn?

Ente und Flaeskesteg (ein im Ofen gebackenes Stück dicke Rippe vom Schwein mit der Schwarte, d.Red.). Das schmeckt total lecker.

Für die „Julenisse“, die kleinen Kobolde, die dem Weihnachtsmann in Dänemark beim Erstellen der Geschenke helfen, gibt es Milchreis, der vor die Tür gestellt wird. Stimmt das?

Das ist mehr für die Kinder, da heißt es dann: Schau mal, das Geschenk hat dir der ,Julenisse‘ gebracht.

Was gibt es noch für weihnachtliche Traditionen im Hause Andreasen?

Es ist Tradition, sich an die Hände zu fassen und um den Weihnachtsbaum zu tanzen. Ich muss das zwar nicht haben, mit meinem Knie habe ich auch eine gute Ausrede. Aber für die Kinder ist es sehr schön. Und es gehört halt dazu.

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Abstimmung der HAZ-Leser
Kann sich über die Wahl der HAZ-Leser freuen: Leon Andreasen.

Es war eine kleine Überraschung, die sich nach und nach bei der Wahl zum 96-Spieler des Jahres abzeichnete. Die HAZ-Leser haben abgestimmt – und den vom Verletzungspech geplagten Leon Andreasen zum Sieger gekürt.

mehr
Das 96-Quiz: Hätten Sie sie erkannt?

Kennen Sie alle 96-Legenden? Beweisen Sie ihr Wissen im 96-Quiz.

Anzeige
96 gegen Borussia Dortmund

In der Bundesliga war der BVB zuletzt alles andere als eine Macht. Am Sonnabend, 25. Oktober, waren die "Roten" von Hannover 96 zu Gast.

Die HAZ-Sportexperten schreiben gemeinsam den RotenBlog
15. Oktober 2014 - Jörg Grußendorf in Allgemein

“Nervenreizung am unteren linken Beckenring” – das mag ja eine klare ärztliche Diagnose sein, es klingt dennoch irgendwie nebulös. Musklefaserriss, Zerrung oder Prellung, damit kann man etwas anfangen, da ist die Zeit des Ausfalls kakulierbar.

mehr
Das sind die bisherigen Trainer von Hannover 96

Namen wie Rolf Paetz, Karl-Heinz Mühlhausen und Hannes Baldauf gehören genauso zur 96-Trainer-Geschichte wie Tayfun Korkut, Mirko Slomka und Ralf Rangnick. Die Trainer von Hannover 96 seit 1963:

Anzeige