Vielleicht ist es die beste Methode, gegen diese Ängste um die Eltern, Verwandten und Freunde anzuspielen und nicht permanent daran denken zu müssen, was wohl los ist in der Heimat, die nie so unerreichbar fern war wie in diesen Tagen. Didier Ya Konan hat am Mittwoch einfach eine halbe Stunde drangehängt ans Mannschaftstraining von Hannover 96. Immer wieder hatte er den Ball am Fuß und drosch diesen aufs Tor, und immer wieder hatte er bei einer gelungenen Aktion dieses für ihn typische Lächeln im Gesicht, das einem Außenstehenden fälschlicherweise signalisieren könnte: Es ist doch alles wie immer.
Dabei geht es Ya Konan, dem besten Stürmer des hannoverschen Fußball-Bundesligisten, nicht anders als seinem Landsmann Constant Djakpa: Innerlich ist er aufgewühlt und in großer Sorge, seitdem sein afrikanisches Heimatland, die Elfenbeinküste, vom Bürgerkrieg heimgesucht wird, von dem inzwischen auch beide direkt betroffen sind. Nicht nur, dass das Haus der Eltern Ya Konans in der Hauptstadt Abidjan zerstört worden ist: Djakpa hat inzwischen auch erfahren, dass bei den Kämpfen ein Cousin ums Leben gekommen ist. Wie und warum? Dazu kann der 24-Jährige, eigentlich ein lustiger Typ, der zu jeder Zeit zu Scherzen aufgelegt ist, nur mit den Schultern zucken. Denn mit jemandem zu Hause telefonieren zu können, das grenzt dieser Tage an ein Wunder.
Am Mittwoch hat es Djakpa endlich mal wieder geschafft, eine Verbindung nach Abidjan zu bekommen. „Ich habe mit meiner Mutter gesprochen“, sagte er. „Es geht ihr gut, sie ist in Sicherheit.“ Die Erleichterung darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn er Gleiches auch noch von seinem Vater zu hören bekommen würde, zu dem er am Mittwoch keinen Telefonkontakt herstellen konnte, dann würde es ihm noch etwas leichter ums Herz werden.
Als Didier Ya Konan gegen Mittag den 96-Trainingsplatz verließ, baten ihn vier geduldig wartende Mädchen einer Kindergartengruppe um ein Autogramm und ein gemeinsames Foto. Andere wären in so einer Situation vielleicht in sich gekehrt weitermarschiert; der 26-Jährige nahm sich Zeit für die Kleinen und erfüllte deren Wünsche, als sei nichts vorgefallen, was ihm nahegehen könnte. Das Bild, das die Mädchen jetzt stolz ihren Eltern zeigen können, zeigt einen freundlichen lächelnden Ya Konan – wie man ihn kennt, wenn es im Stadion etwas zu feiern gibt.
Dabei hat er die schrecklichen Bilder, die per Fernsehen und Internet aus Abidjan um die Welt gehen, weiter im Hinterkopf. Zum Glück hatten sich Ya Konans Eltern rechtzeitig im Nachbarland Ghana in Sicherheit bringen können; jetzt hofft er darauf, „dass in der Elfenbeinküste alles so schnell wie möglich wieder in Ordnung kommt“. Doch wer wagt da schon eine sichere Prognose oder gibt Garantien auf die Rückkehr der Normalität?
Weil diese Unsicherheit der tägliche Begleiter der beiden Ivorer im 96-Trikot ist, lässt ihr Klub nichts unversucht, ihnen zu helfen, wo es geht. Das geschehe „ohne großes Tamtam“, wie Geschäftsführer Jörg Schmadtke sagt. Das gelte für „alle Ebenen“, wie Klubchef Martin Kind anfügt – „auch wenn wir wohl nicht wirklich helfen können“. Wenn die beiden Spieler etwa mit der Bitte kämen, sie bräuchten Hilfe durch einen Psychologen, dann würde man alles tun, was möglich sei, sagt Schmadtke. Auch die Mannschaft bietet Unterstützung an. „Wenn sie wollen“, sagt Kapitän Steve Cherundolo, „dann sind wir für sie da.“
Derzeit bemüht sich der Bundesligist, für die Familienangehörigen der beiden Profis vorübergehende Aufenthaltsgenehmigungen zu bekommen. Ya Konan hat das mit Dankbarkeit registriert. „Alle versuchen, mich zu unterstützen. Ich möchte meine Eltern gern einladen, mich für ein paar Wochen zu besuchen“, sagt er. Vielleicht tue sich schon da in den nächsten Tagen etwas. So lange bleibt ihm, wie auch Djakpa, nur der Trost durch die Ehefrau – und als Medium zum Verdrängen des Horrors in der Heimat der Fußball. „Gut, dass sich beide auf diese Weise ablenken können“, sagt der 96-Geschäftsführer.
Gut ist es deshalb auch, dass der Sonnabend nicht mehr fern ist: Dann spielt 96 gegen Mainz um den 4. Tabellenplatz. 90 Minuten Hochspannung. 90 Minuten, in denen sich die Gedanken nicht um das drehen, was die Nächsten im fernen Afrika betrifft.
Training am Donnerstag: 10 Uhr auf der Mehrkampfanlage.
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