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Per Mertesacker will "96 etwas zurückgeben"

Interview mit Ex-Nationalspieler Per Mertesacker will "96 etwas zurückgeben"

Fußball-Weltmeister Per Mertesacker spricht im Exklusiv-Interview mit der HAZ über schlaflose Nächte in Brasilien, die Favoriten bei der EM in Frankreich – und seine alte Liebe Hannover. 

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Per Mertesacker.

Quelle: sp / Sielski

Hallo Herr Mertesacker, am Freitag beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Nach zehn Jahren das erste Turnier, bei dem Sie nicht dabei sind. Wie fühlt sich das an?
Bis jetzt fühlt es sich noch gut an, nicht dabei zu sein und stattdessen runterzufahren. Es war eine lange und intensive Saison, da kommt mir der Urlaub gerade recht. Ich denke, dass es vor dem ersten Spiel bei mir anfängt zu kribbeln.

Die deutsche Mannschaft startet am Sonntagabend gegen die Ukraine. Wo werden Sie das Spiel gucken?
Ich weiß es wirklich noch nicht. Ich kenne das Gefühl ja vor dem ersten Spiel: Im Tunnel zu stehen, dann die Nationalhymne, die Stimmung im Stadion: Das wird wieder Gänsehaut pur. Ich freue mich auf ein Turnier, das für Deutschland in den letzten Jahren immer gut ausgegangen ist. Immer Halbfinale erreicht, immer super Stimmung ...

Na ja, das stimmt schon, aber der deutsche Fan wäre auch nicht traurig, wenn die Nationalelf mal wieder Europameister werden würde.
Das ist das Problem, doch mit dem Druck müssen jetzt andere fertig werden. Ich betrachte das Ganze aus einer gewissen Distanz. Trotzdem weiß ich ja, wie es bei einer EM abläuft, wie zum Beispiel die Ansprachen vom Bundestrainer aussehen werden.

War der Druck für Sie wirklich so groß? Bis auf Ihr berühmtes Eistonnen-Interview nach dem Achtelfinale bei der vergangenen WM haben Sie immer einen entspannten Eindruck gemacht.
Der Druck war stets vorhanden, meistens bin ich aber gut damit klargekommen. Abgefallen ist er so richtig erst nach dem Turnier. Es war jetzt gut, mich auf den FC Arsenal zu konzentrieren und den Weg der deutschen Elf nur als Zuschauer zu betrachten. Ich bin jedenfalls total entspannt und im Urlaubsmodus.

Nach dem Ende seiner Nationalmannschaftskarriere: Wir blicken auf die bisherigen Stationen von Per Mertesackers Profi-Laufbahn zurück.

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Gibt es Kontakt mit den Nationalspielern?
Nein, nur mit einigen Betreuern, die dann Grüße an die Mannschaft senden sollen. Die Spieler werden ohnehin schon genügend vollgetextet. Wenn sie mich brauchen sollten, dann wissen sie, wo sie mich finden. Lediglich mit Mesut ( Özil, Nationalspieler und Kollege von Mertesacker beim FC Arsenal, d. Red.) habe ich locker Kontakt. Aber er weiß besser als ich, wo das Tor steht, da brauche ich ihm nicht großartig etwas zu diktieren.

Wie lautet der Tipp des Weltmeisters: Ist das deutsche Team reif für den EM-Titel?
Das Zeug dazu hat die Mannschaft auf jeden Fall. Viel hängt aber auch davon ab, wie das Turnier läuft, wie man sich als Mannschaft findet. Da muss viel passen, damit es am Ende reicht.

Welche Mannschaft ist der größte Konkurrent?
Ganz klar Frankreich. Obwohl es auch zum Problem werden kann, im eigenen Land abliefern zu müssen. Ich traue auch dem englischen Team eine positive Rolle zu, weil es in der Offensive eine Reihe guter Spieler besitzt. Unabhängig davon ist es für jede Mannschaft ganz wichtig, dass die zweite Reihe mitspielt und sich auch in jedem Training beweisen will. Und es kommt darauf an, wie sich die Mannschaft entwickelt, wenn die ersten Enttäuschungen da sind. Wenn Spieler nicht zur Startelf gehören. Dann zeigt sich wirklich, wie gut ein Team ist.

Warum muss ich bei diesen Worten an Ihre Situation bei der WM 2014 denken?
(lacht) Ich habe ja auch schon viel erlebt und weiß, wie so etwas abläuft. Ich war bei der WM in Brasilien absoluter Stammspieler und alles war Friede, Freude, Eierkuchen für mich. Plötzlich war ich in einer Situation, in der ich mir Gedanken machen musste, warum sich das geändert hat. So etwas gibt es im Teamsport halt, aber es ist nicht einfach, damit umzugehen.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Der Bundestrainer hat nach dem Achtelfinalspiel in der Defensive umgestellt und mich geopfert. Die erste Nacht vor dem Spiel gegen Frankreich konnte ich nicht schlafen - das habe ich auch noch nie gehabt. Ich habe mich immer wieder gefragt: „Warum ich?“ Dann war es mir jedoch wichtig, schnell umzuschalten. Ich habe mich gefragt, was jetzt meine Aufgabe in der Mannschaft ist und mir gesagt, dass es die ganzen Jahren auch viele andere Spieler gab, die nicht gespielt haben, während ich ran durfte.

Im Halbfinale gegen Brasilien und im Finale gegen Argentinien sind Sie eingewechselt worden.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich nach dem Viertelfinale gegen Frankreich noch einmal bei der WM auf dem Platz stehen werde. Mich hat es auch schon in alle Richtungen getroffen. Trotzdem war es bei der WM etwas Besonderes, weil man das Gefühl hatte, dass jeder den anderen respektiert, auch wenn der andere spielt. Das war für mich das Aha-Erlebnis, das uns zum Titel geführt hat.

Von Brasilien und Frankreich nach England. Sie sind mit dem FC Arsenal in der vergangenen Saison Zweiter geworden. Zum Titel hat es wieder nicht gereicht. Woran lag’s?
Immerhin: Wir steigern uns kontinuierlich. Wir waren Vierter, Dritter, jetzt sind wir Zweiter geworden. Eine nationale Meisterschaft ist schon das, was ich vor Augen habe.

Damit das endlich klappt, will Arsenal Torjäger Jamie Vardy von Meister Leicester City verpflichten.
Hoffentlich. Die finanziellen Möglichkeiten für so einen Transfer hat der Club. Trainer Arsene Wenger war in der Vergangenheit bei solchen Transfers immer sehr vorsichtig und darauf bedacht, dass die Mannschaft intakt bleibt. Er hat lieber abgewartet, ob ein Spieler, der erst eine Saison auf hohem Niveau gespielt hat, die Leistung im nächsten Jahr auch bestätigt. Aber vielleicht sind da ja neue Prozesse im Gang, dass man etwas verändern und neue Reize setzen will. Und da wäre ich gerne dabei.

Durch den Wechsel von Trainer Jürgen Klopp zum FC Liverpool ist die Premier League auch in Deutschland mehr in den Fokus geraten. Wie beurteilen Sie seine ersten Monate an der Anfield Road?
Die Stimmung war magapositiv, als er gekommen ist, jetzt ist sie immer noch positiv. Aber: Er steht auf dem Prüfstand. Jetzt ist es seine Mannschaft, die er auf die neue Saison ohne internationale Spiele vorbereitet. Daran wird er sich messen lassen müssen - und überprüft werden. Und in England wird man doppelt und dreifach überprüft. Wenn die Erfolge dann nicht kommen, kann die Stimmung sehr schnell kippen. Ich wünsche ihm, dass er eine gute zweite Saison hat. Mal schauen, wie es läuft.

Ihr Vertrag beim FC Arsenal läuft noch bis zum nächsten Sommer. Wissen Sie schon, wie es dann weitergeht?
Ich hoffe, dass ich bei Arsenal noch das eine oder andere Jahr dranhängen kann. Es liegt an mir, mit guten Leistungen zu zeigen, dass ich das unbedingt will.

Und nach der Karriere: Eher Weltmetropole London oder Heimat Pattensen?
Zurzeit kann ich mir nicht vorstellen, in London zu bleiben, wenn ich dort kein Fußball mehr spiele. Wir sind nicht unbedingt Stadtkinder. Hannover ist immer in meinem Fokus gewesen und wird es auch bleiben. Da gibt es viele interessante Dinge, die man hier machen könnte, auch wenn man an den Fußball denkt. Da gibt es ja gerade eine Chance für einen Neuaufbau. Es könnte für mich interessant sein, etwas an Hannover 96 zurückzugeben. Denn hier hat ja alles angefangen.

Zurückzugeben in welcher Form?
Da grenze ich mich nicht ein, da bin ich offen. Es würde ja auch davon abhängen, was zu diesem Zeitpunkt dann überhaupt gewollt oder verlangt wird.

Viele 96-Fans sind davon überzeugt, dass es mit den „Roten“ nach einem Jahr 2. Liga gleich wieder rauf in die Bundesliga geht.
Einfach wird es auf keinen Fall. Das sieht man bei den vielen anderen Traditionsmannschaften, die schon seit Jahren versuchen, wieder aufzusteigen. Es wird wichtig sein, den Willen und das Authentische, also das, was Daniel Stendel ausmacht, in der 2. Liga weiterzuleben. Der Abstieg ist zwar traurig, aber auch eine gute Chance, um sich in eine andere Richtung zu entwickeln und eine Philosophie zu entwickeln, mit der sich jeder im Verein identifizieren muss.

Wäre eine Rückkehr zu 96 als Profi für Sie vorstellbar. Falls es bei den „Roten“ ...
... mal brennt? (lacht)

Genau: Das wäre doch eine schöne Schlagzeile. Mertesacker: „Wenn’s bei 96 brennt, bin ich da!“
Das schreiben Sie mal besser nicht. Im Ernst: Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich möchte gerne noch ein paar Jahre bei Arsenal spielen. Außerdem hängt viel davon ab, wie es mir körperlich geht.

Auftanken können Sie jetzt im Urlaub. Wo geht’s hin?
Wir waren zuerst in Deutschland. Ich habe mir das Pokalfinale angeschaut und in Kiel ein Handballspiel vor großer Kulisse gesehen. Jetzt geht es nach Mallorca. Sonne, Strand und Spaß: Darauf freue ich mich.

Interview: Christian Purbs

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27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

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