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Wie Tasmania auf 108 Gegentore kam

Negativrekord der Bundesliga Wie Tasmania auf 108 Gegentore kam

Wer zurzeit über Hannover 96 schimpft, landet automatisch bei Tasmania, dem Sinnbild für einen sang- und klanglosen Abstieg aus der 1. Liga. Was war das eigentlich damals für ein trostloser Haufen, der 108 Gegentore kassierte?

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„Wir sind dieses Risiko bewusst eingegangen“: Tasmania-Torwart Heinz Rohloff holt den Ball beim 0:5 in Mönchengladbach aus dem Netz – es war eines von 108 Gegentoren. 

Quelle: imago

Hannover. Die wenigsten Tore, die meisten Gegentore, die meisten Niederlagen - schlimmer als Tasmania geht’s nicht. Seit 50 Jahren stehen die Berliner sinnbildlich für Erfolglosigkeit in der Bundesliga. Bei jeder Negativserie wird der Vergleich mit dem Neuköllner Club bemüht, der in der Saison 1965/1966 sang- und klanglos abgestiegen ist. Derzeit tut Hannover 96 alles, um in einem Atemzug mit dem bisher schlechtesten deutschen Erstligaclub genannt zu werden. Und die „Roten“ schneiden bei diesem Vergleich gar nicht gut ab. Auch wenn sie in den meisten Statistiken noch ein bisschen besser sind.

Eigentlich ist es sogar reichlich gemein gegenüber den Tasmanen, dass sie mit 96 verglichen werden. Bei 96 spielen durchweg gut bezahlte Profis, die optimale Bedingungen vorfinden. Bei den Neuköllnern war das ganz anders. Man mag sich nicht vorstellen, was diese 96-Mannschaft im vergleichbaren Fall abgeliefert hätte.

„Da haben wir die Sachen gepackt und sind zurück nach Berlin“

Zwei Wochen vor dem ersten Spieltag der damaligen Katastrophensaison hatten sich die meisten Tasmanen nämlich noch im Urlaub befunden. Kurzerhand wurden per internationaler Radiobotschaft und „ADAC-Fernrufe“ die Spieler zurückbeordert. „Ich war mit meiner Frau gerade am Gardasee. In meinem VW-Bus hatte ich eine Matratze, und so haben wir dort gecampt, als ich im Radio den Aufruf an alle Tasmania-Spieler hörte“, erinnert sich Torwart Klaus Basikow, damals die „Katze von Neukölln“ genannt, an seine Vorbereitungsphase auf die Bundesliga. „Da haben wir die Sachen gepackt und sind zurück nach Berlin.“

Der Aufstieg war für den Club komplett überraschend gekommen. Den Traum von der Erstklassigkeit hatte man natürlich gehabt - und im Jahr davor auch fast verwirklicht. Im Aufstiegsspiel vor 40 000 Zuschauern hatte Tasmania den damals noch nicht so großen FC Bayern, der schon mit Sepp Maier und Franz Beckenbauer antrat, zwar mit 3:0 geschlagen. Für den Sprung nach oben hatte es dennoch nicht gereicht. Ein Jahr später waren die Tasmanen längst nicht mehr dieses starke Team. In der zweitklassigen Berliner Regionalliga waren die Neuköllner nur Dritter geworden. Da Hertha BSC wegen eines Handgeldskandals zwangsabsteigen musste aus der 1. Liga und der andere Stadtrivale TeBe in den Aufstiegsspielen scheiterte, berief der Deutsche Fußball-Bund Tasmania in die Bundesliga - der DFB wollte der Bundesliga ein Stück West-Berlin erhalten.

Ein Team voller Halbprofis

Damit begann das ganze Dilemma für den Club mit dem Tasmanischen Teufel als Wappentier. Ohne Vorbereitung, ohne die Möglichkeit, eine wettkampffähigere Mannschaft zusammenzustellen. Immerhin schaffte man es, Nationalspieler Horst Szymaniak vom italienischen FC Varese nach Berlin zu locken. Ansonsten starteten die Berliner gespickt mit Halbprofis, darunter der spätere 96-Trainer Jürgen Wähling, in das Abenteuer. „Wir sind dieses Risiko bewusst eingegangen“, sagte der damalige Verteidiger Hans-Günter Becker. „Wir wollten einfach dabei sein.“ Sieht man den Hohn und Spott, dann haben sie diesen Idealismus teuer bezahlt.

Dass es für den Klassenerhalt in der Bundesliga nicht reichen würde, „haben wir schon nach dem siebten, achten Spiel gemerkt“, erzählte Stammtorwart Heinz Rohloff später in einem Interview. „In der Folgezeit haben wir auch nicht mehr so gelebt, wie es der Profisport erfordert, sondern nach dem Motto: ,Trinken wir noch einen, dann ist das Ganze besser zu ertragen’“.

Für den Verein war das eine Jahr Bundesliga der Anfang vom Ende: Läppische 800 000 Mark Schulden bedeuten schließlich 1973 keine Lizenz für die Regionalliga, die Insolvenz - und das endgültige Aus. Damit verglichen, sind die Aussichten für das wirtschaftlich gesunde 96 geradezu rosig. In den Gesamt-Statistiken schicken sich die „Roten“ aber an, sich in der „Flopp 10“ weit oben zu platzieren. Ganz nahe bei Tasmania.

Die Tasmania-Negativmarken

Tasmania Berlin gilt bis heute als der erfolgloseste Verein der Bundesliga. In einem hat Hannover 96 die Neukölner aber schon „überholt“: Das 0:2 gegen Köln war im 13. Heimspiel der Saison bereits die elfte Niederlage – die Berliner hatten vor 50 Jahren zum selben Zeitpunkt erst zehn Heimpleiten kassiert. Ansonsten liegt Tasmania aber in fast allen Negativ-Statistiken vorn.

  • Letzter Platz in der Ewigen Bundesliga-Tabelle.
  • Schlechteste Saisonbilanz: wenigste Tore (15), meiste Gegentore (108), wenigste Punkte (10 nach der Drei-Punkte-Regel), wenigste Siege (2; zusammen mit dem Wuppertaler SV 1974/75), meiste Niederlagen (28).
  • Einziger Bundesligaverein ohne Auswärtssieg.
  • Längste Serie ohne Sieg in Folge (31 Spiele; 14. August 1965 bis 21. Mai 1966).
  • Höchste Heimniederlage der Bundesliga (0:9 gegen den Meidericher SV).
  • Bundesligaspiel mit den wenigsten Zuschauern: Im Heimspiel gegen Mönchengladbach kamen nur 827 Besucher ins riesige Olympiastadion.
  • Zudem hielt Tasmania lange den Rekord für die längste Heimniederlagenserie in Folge (acht Spiele); dieser Rekord wurde 2004/2005 von Rostock eingestellt.
  • Die längste Niederlagenserie in Folge (zehn Spiele); dieser Rekord wurde mehrfach eingestellt, zuerst 1984 durch den 1. FC Nürnberg.
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