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"Windeln wechseln ist einfacher als ein Freistoß"

Interview mit Jan Schlaudraff "Windeln wechseln ist einfacher als ein Freistoß"

Jan Schlaudraff spricht mit HAZ-Redakteur Christian Purbs über sein Leben ohne Hannover 96, seine Pläne für die Zeit nach dem Profi-Fußball, die neue Rolle als Familienvater und etwas andere Weihnachtstage.

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Im August hatte Jan Schlaudraff das Kapitel Hannover 96 endgültig beendet. 

Quelle: dpa

Hallo Herr Schlaudraff, Sie sind mit 32 Jahren zum ersten Mal Vater geworden, Ihre Tochter Zoe ist sechs Wochen alt. Wie waren die letzten Nächte?

Die Nächte sind kürzer, der Schlaf deutlich weniger. Aber das gehört halt mit dazu. Die Kleine schläft mal besser, mal schlechter. Anstrengend war die erste Zeit, da habe ich Zoe nachts herumgetragen und gewartet, bis sie Bäuerchen macht. Zurzeit haben wir Glück, weil sie nachts auch längere Schlafphasen hat und nur noch einmal kommt.

Wie macht sich der Vater in der neuen Rolle? Ist die Mutter zufrieden?

Wir sind beide hochzufrieden und glücklich darüber, dass die Kleine gesund und munter ist. Es ist eine sehr spannende Zeit, alles ist neu.

Bayern- oder 96-Strampler? Oder traditionell ein zartes Rosa?

Ganz klar: 96-Strampler. Meine Freundin kommt von hier, die Kleine ist hier geboren, und Hannover ist meine Wahlheimat. Da gibt es keine Diskussionen.

Wie sieht es mit dem Haaransatz aus? Hat Zoe mehr Glück als der Vater?

Es ist alles in voller Pracht vorhanden. Wäre es ein Junge geworden, hätte ich da schon genau nachgeschaut.

Was ist schwieriger: Windeln wechseln oder ein Freistoß aus 20 Metern in den Knick?
Der Freistoß in den Knick. Windeln zu wechseln ist kein Hexenwerk, das kriegt man relativ schnell hin.

Passt der Kindersitz denn in den Ferrari?
Ich habe umgestellt auf Familienwagen. Audi Q5. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Autofreak bin, und nicht jeder hatte dafür Verständnis, dass ich mir mit Mitte 20 einen Ferrari gekauft habe. Da ich mich jetzt als Neuling in verschiedenen Bereichen umschaue, halte ich es aber nicht für angebracht, mit einem Ferrari vorzufahren. Mit dem Audi kann ich mich überall blicken lassen.

Genügend Zeit für die Familie müssten Sie nach dem Karriereende im Sommer ja haben. Wie lebt es sich denn als ehemaliger Fußball-Profi?
Ich bin viel unterwegs, schaue mir viele Fußballspiele an, habe in Barsinghausen die Trainer-B-Lizenz gemacht und werde im Februar die Elite-Lizenz in Leipzig machen. Zudem bin ich für eine Managementfirma in Köln viel unterwegs und habe auch noch zwei, drei andere Dinge, wo ich schaue, wie sie sich entwickeln. Wenn ich nicht auf Achse bin, ist es schön, dass ich mir die Zeit so einteilen kann, dass ich zu Hause bin und mich um die Kleine kümmern kann. Langweilig wird es auf jeden Fall nicht.

Ihren letzten Einsatz als Profi hatten Sie am 25. April beim 1:2 von Hannover 96 gegen Hoffenheim. Was für ein blödes Ende nach 13 Profijahren ...

(lange Pause) Jein. Natürlich wünscht sich jeder einen Abschied wie es bei Lars (der ehemalige 96-Profi Lars Stindl, d.Red.) war, der uns gerettet hat und zurecht dafür gefeiert wurde. Das war ein Bilderbuchabschied. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir am letzten Spieltag gegen Freiburg schon gerettet sind und ich noch einmal vor ausverkauftem Haus hätte spielen können. Mein Abschied war sicherlich nicht optimal, aber im Fußball kann man nicht immer alles planen. Ich habe in Hannover viele Höhen und Tiefen erlebt, wobei das Positive ganz klar überwiegt. Jetzt schaue ich mir die 96-Spiele an, fiebere mit und hoffe, dass die Mannschaft Erfolg hat.

Vermissen Sie die Bundesligaspiele, die Atmosphäre im Stadion, die Jungs in der Kabine, die Fans?

Eigentlich nicht, worüber ich auch froh bin. Natürlich vermisse ich es, mit den Jungs zusammen zu sein, zu trainieren, Erfolg zu feiern und Blödsinn zu erzählen. Ich dachte auch, das wird bestimmt komisch, wenn ich als Zuschauer ins Stadion gehe. Aber ich bin froh, dass ich im Stadion da bin, wo ich jetzt bin. Dass ich oben stehe und gucke und mich nicht unten auf dem Platz warmlaufe oder auch noch selbst dafür verantwortlich bin, das Ergebnis zu gestalten. Ich bin froh, nicht mehr in der ersten Reihe, in der vordersten Schusslinie zu stehen. Man spricht jetzt über andere. Damit kann ich gut leben.

Jan Schlaudraff kam 2008 zu Hannover 96. Der Stürmer wurde nach und nach zum unverzichtbaren Spieler des Kaders. Im Sommer 2015 wurde bekannt, dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert werden soll. Er trug die Rückennummer 13.

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Es gab Angebote, warum haben Sie nicht noch ein oder zwei Jahre drangehängt?

Die Angebote waren nicht so interessant, dass ich sie unbedingt hätte annehmen müssen. Klar gab es auch Anfragen aus dem Ausland, doch wir wollten nicht, dass unser Kind im Ausland geboren wird. Wenn mal irgendetwas mit der Kleinen sein sollte, wir die Sprache nicht sprechen: Das wollten wir nicht.

Haben Sie seit Ihrem Abschied in einer Mannschaft Fußball gespielt?
Kein Spiel, kein Training, nichts. Nur im Urlaub habe ich mit ein paar Freunden gekickt. Ich spiele jetzt viel Tennis. Das macht mir Spaß – außerdem bin ich zu faul, einfach mal eine Stunde alleine Laufen zu gehen. Da fehlt mir der innere Antrieb.

Antrieb und vor allen Dingen Auftrieb fehlt auch Ihrer ehemaligen Mannschaft. Wie beurteilen Sie die Situation von 96?

Sie ist schwierig, was jedoch mit den Entscheidungen, die in den vergangenen zwei Jahren getroffen wurden, abzusehen war. Zwei Jahre hat man sich gerade so über Wasser gehalten und kurz vor knapp den Abstieg vermieden. In der letzten Saison gegen einen Absteiger, mit einem Eigentor am letzten Spieltag in der letzten Minute. Dann wird gesagt: ,Jetzt haben wir es aber verstanden und werden Sachen ändern.’ Aber es ändert sich wieder nichts. 96 gibt wieder gute Spieler ab und kann sie nicht adäquat ersetzen.

Die Neuzugänge konnten die Erwartungen nicht erfüllen.

Nach einem halben Jahr kann man sagen, dass die Neuen die verlorenen Spieler noch nicht ersetzen können. Das muss man ganz klar feststellen. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass es dieses Mal noch enger wird. Jeder, der sich mit 96 beschäftigt, weiß, wo die Probleme liegen. Und die sollte man schnell anpacken. Sonst wird es ganz, ganz eng.

Im Keller der Liga ist es richtig eng. Wie viele Punkte brauchen die „Roten“, um am Saisonende den rettenden 15. Platz zu erreichen?

Ich denke, 35 Punkte reichen für Platz 15. Man muss ja dankbar dafür sein, dass 96 mit 14 Punkten noch direkten Anschluss an die Teams hat, die auf einem Nichtabstiegsplatz stehen. Ich gehe davon aus, dass Hoffenheim, Darmstadt, Bremen, Stuttgart und 96 bei der Verlosung dabei sein werden. Bei Frankfurt und Ingolstadt muss man abwarten. Idealerweise lässt man drei von diesen Teams hinter sich.

Allzu schöne Weihnachten werden Ihre ehemaligen Kollegen nicht haben. Wie sieht es bei Ihnen aus: Sind Sie ein Weihnachtstyp?

Überhaupt nicht. Null.

Die Antwort passt auch zu folgendem Zitat von Ihnen: „Wir fahren in einen Center Parc. Sechs Jungs, darunter mein Mitspieler Sascha Dum und ein paar Freizeitfußballer, die ihre Stärken in der dritten Halbzeit haben.“ Das war vor neun Jahren, Sie haben damals bei Alemannia Aachen gespielt, Ihre Antwort auf die Frage, wo Sie Weihnachten feiern werden. Das klingt nicht nach „Stille Nacht“.

Nein, war es auch nicht. Im Gegenteil.

Center-Parc ist zu Weihnachten doch eher ungewöhnlich.

Für mich nicht. Für mich ist das Familientradition.

Das müssen Sie erklären.

Weihnachten war bei uns immer riesiges Theater. Oma, Opa, wir drei Jungs, alle nervös, weil wir es nicht abwarten konnten, dass endlich der Weihnachtsmann kommt und es Geschenke gibt. Alles sollte perfekt sein, was dazu geführt hat, dass alle nur noch aufgeregter wurden. Meine Mutter hat dann irgendwann gesagt: Das bringt nichts, wir machen etwas anderes. Wir sind dann in den Center Parc gefahren, meistens nach Holland, haben Lebensmittel eingepackt und viel Sport gemacht. Auch an Weihnachten. Das hat sich so bewährt, dass wir es dann jedes Jahr gemacht haben. Geschenke und eine Freude kann man anderen das ganze Jahr über machen. An Weihnachten tun immer alle so, als müsste alles absolut perfekt sein. Da bin ich kein Fan von.

Dann geht es in diesem Jahr Heiligabend von Isernhagen also nach Holland?

Nein, da es das erste Weihnachten für die Kleine ist, bleiben wir in Hannover bei den Eltern meiner Freundin.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Danke.

Zur Person

Mit Jan Schlaudraff verbinden die 96-Fans auch heute noch die grandiosen Auftritte der „Roten“ im Europapokal. Mit seinen beiden Toren gegen den FC Sevilla öffnete der Offensivspieler 2011 die Tür nach Europa, unvergessen auch sein Elfmeter-Lupfer gegen den FC Brügge.

Nach 140 Bundesligaspielen beendete der 32-Jährige im Sommer seine Karriere bei 96, zuvor hatte er für Borussia Mönchengladbach, Alemannia Aachen und den FC Bayern gespielt.

Hannover ist Schlaudraffs Heimat geworden, er wohnt mit seiner Freundin Ricarda Schwägerl und Tochter Zoe, die Anfang November geboren wurde, in Isernhagen. 

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Früherer 96-Profi
Jan Schlaudraff.

So zielstrebig wie im Trikot von Hannover 96 geht Jan Schlaudraff auch seine Karriere nach seiner aktiven Laufbahn an. Der 32-Jährige, der für die „Roten“ insgesamt 139 Bundesligaspiele von 2008 bis 2015 bestritten hat, bestand jetzt die Prüfung für die Trainer-B-Lizenz in der Sportschule Barsinghausen.

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27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

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