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„Das Extremste, 
was ich je erlebt habe“

Michael Frontzeck über die ersten Wochen bei Hannover 96 „Das Extremste, 
was ich je erlebt habe“

Fünf Wochen vor Ende der vergangenen Saison hat Michael Frontzeck das Traineramt bei Hannover 96 übernommen. Heute sagt er: "Die fünf Wochen waren das Extremste und Intensivste, was ich in 34 Profijahren erlebt habe."

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Der Moment der Rettung: Trainer Michael Frontzeck freut sich eher nach innen.

Quelle: Sielski

Hannover. Plötzlich geht alles ganz schnell. Ein Anruf, eine kurze Beratung mit Ehefrau Annette, mit der er seit 27 Jahren verheiratet ist. Rücksprache mit seinem Manager, dann sitzt Michael Frontzeck auch schon im Auto – er fährt nach Hannover und übernimmt die größte Herausforderung seines Lebens: Frontzeck soll Hannover 96, seit 13 Partien sieglos, in nur fünf Spielen retten.

Frontzeck schafft die Rettung – genau wie einst der große Udo Lattek, dem es im Jahr 2000 ebenfalls in nur fünf Spielen gelungen war und dem sie in Dortmund zu Füßen lagen. Und Frontzeck?
Drei Monate später treffen wir einen Mann, der als Trainer komplizierteste Stationen gewohnt ist. Einen Mann, der in sich ruht, der geradlinig ist, nachdenklich – und herrlich unaufgeregt, was ebenso untypisch wie erfrischend ist im Millionengeschäft Bundesliga.

Herr Frontzeck, mal ehrlich: Es war eine Harakiri-Aktion, dieses Amt zu übernehmen, nicht?
Beim ersten Gespräch fühlte es sich komisch an, nur einen Vertrag für fünf Spiele zu bekommen. Es war kein rationaler Entschluss, es kam aus dem Bauch heraus. Ich habe mir dann gesagt: Komm, das machst du, da springst du rein. Die fünf Wochen waren das Extremste und Intensivste, was ich in 34 Profijahren erlebt habe. Ich habe keine Sekunde daran gedacht, dass das schiefgehen könnte. Aber du wusstest immer: Du darfst keinen Fehler machen. Und alle Trainer machen Fehler. Auch wenn du bei manchen glaubst, dass sie fehlerfrei durchs Leben gehen.
Was haben Sie sich vor Ihrer ersten Ansprache überlegt?
Ich habe festgelegt, dass kein Dolmetscher in die Kabine kommt. Eine Mannschaft muss sich gegenseitig helfen.
Wie haben Sie die Sekunde des Abpfiffs, die Sekunde der Rettung, erlebt?
Pure Erleichterung, pure Freude. Mehrere Spieler hingen mir im Nacken und wollten mich zu Boden reißen. In diesem Moment entlädt sich die komplette Anspannung, der ganze Druck. Meine Frau leidet in solchen Phasen viel mehr mit, als mir lieb ist. Als ich dann die Freiburger gesehen habe, wie sie auf dem Boden lagen, gerade abgestiegen, hielt sich meine Freude komischerweise schlagartig wieder in Grenzen. Das war so nah beieinander.
Die Party sollen Sie auch schon nach einer Stunde verlassen haben …
Ich trinke keinen Alkohol, mein einziges Laster ist die Zigarette – und die Jungs sollten das für sich genießen und feiern. Ich wollte auch gar nicht sehen, was sich da abspielt. (schmunzelt) Und mir muss auch niemand „Danke“ sagen. Nur eine Sache erwarte ich grundsätzlich: Respekt. Trainer werden oft respektlos behandelt in Deutschland.
Was hat sich für Trainer verändert?
Mein erstes Profijahr 1983 in Gladbach. Jupp Heynckes war damals ein junger Trainer. Er wurde gefragt: „Wie lange dauert es, um wieder an die glorreichen Siebzigerjahre anzuknüpfen?“ Da hat der Jupp gesagt: „Fünf Jahre.“ Und niemand hat gefragt: „Geht’s vielleicht ein bisschen schneller?“
Was meinen Sie?
Aus fünf Jahren sind heute fünf Monate geworden! Und das ist schädlich für den Fußball. Denn dieselben Leute, die einem fünf Monate Zeit geben, reden gleichzeitig von Entwicklung und Philosophie. Wie soll das in fünf Monaten gehen? Einige sagen dann: „Die werden aber auch dementsprechend bezahlt.“ Das ist nach meiner Einschätzung ein ganz, ganz dummes Argument. Ich verstehe ja sogar Trainer, die in Erfolgszeiten mittlerweile ihr Ego über die Mannschaft stellen, um Eigenwerbung zu betreiben. Ich befürchte, das wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden. Ich kann das wirklich verstehen, weil sie ja auch die Ersten sind, die auf die Schnauze kriegen, wenn es nicht läuft. Aber meins ist es nicht. Es wäre komplett gegen meine Überzeugung und die Auffassung von diesem Beruf Trainer. Ich werde dies nie machen.
Warum nicht?
Weil Fußball Mannschaftssport ist und der Trainer ein Teil davon. Wenn ich dieses Zirkusspiel mitspielen müsste, weil ich merken würde, dass es anders nicht mehr funktioniert: Dann würde ich etwas anderes machen.
In anderen Sportarten werden Halbzeitansprachen der Trainer live übertragen.
Da kommen wir auch hin! Aber dann möchte ich kein Trainer mehr sein! Wenn diese Kabine, der letzte private Rückzugsort, einmal fällt, bin ich nicht mehr dabei. Wenn einer sagt, dass das altmodisch ist: Dann bin ich gerne altmodisch.
Zwei Spiele, ein Punkt – in Hannover macht man sich schon wieder Sorgen um 96.
Wir haben elf Spieler abgegeben, sieben dazugenommen. Wir haben 12 Millionen Euro investiert, höre ich immer. Wir haben aber eben auch Spieler abgegeben und dafür 13 Millionen eingenommen. Wir haben einen Kader zusammengestellt, der eine Perspektive hat, der aber Zeit braucht. Hier herrschen eine Grundstimmung und Erwartungshaltung, die ich nicht nachvollziehen kann. Es ist ja nicht so, dass Hannover 96 in den vergangenen fünf Jahren dreimal Meister geworden ist. In den vergangenen zwei Spielzeiten ging es um den Klassenerhalt. Im Mai, also eigentlich vor nur wenigen Wochen. Hannover 96 stand mit eineinhalb Beinen in der 2. Liga.
Was können Sie den Fans versprechen?
Dass da eine junge Mannschaft ist, die alles auf dem Platz lässt, die alles abruft. Wir werden unseren Weg weitergehen, von der grundsätzlichen Ausrichtung keinen Millimeter abrücken. Wenn die Mannschaft die notwendige Zeit nicht bekommt, wird es allerdings noch komplizierter.
Sind Sie mit sich im Reinen?
Das war ich immer. Natürlich reflektiere ich. Aber ich bin mir immer treu geblieben und habe einen Weg gefunden, den ich gehe. Der ist oft nicht ganz so einfach. Aber er passt zu mir. Insofern werde ich mich nicht ändern.
Bei Arminia Bielefeld wurden Sie einst einen Spieltag vor Schluss entlassen – auf einem Relegationsplatz stehend. Ein nahezu einmaliger Vorgang im Profifußball. Ihnen wird der Abstieg angedichtet.
Die Dichter können gerne weiterdichten. Aber wenn man mir einen Spieltag vor Schluss die Chance nimmt, es noch einmal zu schaffen wie im Vorjahr … Was soll ich dazu sagen? Ich bin erst einmal in meinem Leben abgestiegen: mit Alemannia Aachen, und das tat verdammt weh. Weil die Mannschaft alles rausgehauen hat und es am Ende mit 34 Punkten nicht gereicht hat.
In Gladbach mussten Sie gehen – und Ihr Nachfolger Lucien Favre betonte immer wieder, dass es ja ein Wunder sei, dass er die Mannschaft noch gerettet hat.
Das muss jeder für sich entscheiden, wie solidarisch er gegenüber seinem Vorgänger ist. Ich habe noch nie negativ über die Arbeit meiner Vorgänger geredet. Es hieß dann später: Die Rettung durch Lucien Favre wäre ein Wunder gewesen. Er macht tolle Arbeit, bis heute. Aber ein Wunder ist es, wenn einer übers Wasser gehen kann. Und ganz unabhängig von Lucien Favre: Der eine oder andere in unserer Branche meint das ganz bestimmt von sich.

Interview: Marco Fenske

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