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Was ein Abstieg für 96 bedeuten würde

Abstiegsangst bei Hannover 96 Was ein Abstieg für 96 bedeuten würde

Was wäre, wenn Hannover 96 tatsächlich aus der 1. Fußball-Bundesliga absteigt? Welche Folgen hätte das für die Fans, die Auswärtsfahrten, den Verein, den Etat und die Polizei? Das mögliche Szenario in der Übersicht.

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Was wäre, wenn 96 absteigt?

Quelle: imago/Archiv

Das große HAZ-Dossier zum möglichen 96-Abstieg

Es sieht nicht gut aus für Hannover 96, doch wie wirkt sich die Abstiegsangst auf die Sicht der Fans aus? Der Ruf bei den Amateurvereinen ist zwiespältig und  auch beim Nachwuchs fällt die Wahl auf das sportliche Vorbild oft auf andere Vereine.

Abstieg würde Polizei stärker belasten

Ein Abstieg von Hannover 96 in die 2. Bundesliga würde auch die Beamten der Landes- und der Bundespolizei vor neue Herausforderungen stellen. Denn wenn Eintracht Braunschweig und der FC St. Pauli in der Spielklasse bleiben und Dynamo Dresden aus der 3. Liga aufsteigen sollte, dann müssten sich die Beamten auf mehr Großeinsätze einstellen.
Die Fanlager der drei genannten Clubs sind der aktiven Fanszene der „Roten“ in inniger Feindschaft verbunden. Die Heimspiele der 96er gegen die drei Teams werden als Risikospiele eingestuft. „Angesichts der bevorstehenden Fußballeinsätze sinkt bei vielen Kollegen bereits jetzt die Motivation“, sagt ein Beamter, der namentlich nicht genannt werden möchte.
Zu massiven Ausschreitungen war es bei letzten Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig im November 2013 gekommen. Insgesamt 272 Strafverfahren leitete die Polizei unter anderem wegen Körperverletzung, Landfriedensbruch und Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz ein. 105 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Das Rückspiel im April sicherten insgesamt 3200 Polizisten ab. Der Einsatz kostete nach Angaben des Innenministeriums 2 Millionen Euro.

Die Aufeinandertreffen von Hannover 96 und St. Pauli werden wegen einer besonderen Fan-Freundschaft stets von einem Großaufgebot der Polizei geschützt. Anhänger der „Roten“ bilden mit den Ultras des Hamburger SV und denen von Arminia Bielefeld die sogenannte „Nordallianz“ – und stellen aus diesem Grund für die Fußballchaoten von St. Pauli ein rotes Tuch dar. Auch die Begegnungen zwischen Hannover und Dynamo Dresden gelten als risikobehaftet. Bei dem letzten Aufeinandertreffen der beiden Klubs, 2012 im DFB-Pokal, stürmten mehrere hundert gewaltbereite Ultras aus Dresden das Stadion und verletzten dabei mehrere Sicherheitskräfte.  tm     

2. Liga – ein Horrorszenario für Gastronomen

Früherer Anpfiff, weniger Gäste: „Natürlich sehen die Leute lieber Dortmund spielen als Heidenheim“, sagt Andreas Kühn, Inhaber der Sportsbar Stammplatz am Altenbekener Damm. Die Abstiegssorgen von Hannover 96 übersetzen sich bei ihm vor allem in Umsatzsorgen, die Angst vor Verlusten – weil an Spieltagen der „Roten“ in der 2. Bundesliga wahrscheinlich weniger Gäste kommen. Die Befürchtungen waren schon vor Wochen so konkret, dass der Wirt seinen Laden zum Kauf angeboten hat. Es kam jedoch kein passendes Angebot. Kühn will aber „den Kopf nicht in den Sand stecken“ und weitermachen. Im Fall eines Abstiegs soll eben Zweitligafußball sein Kerngeschäft werden. Für Gastronomen unangenehm sind dabei vor allem die frühen Anstoßzeiten. Während in der Bundesliga am Sonnabend traditionell um 15.30 Uhr der Anpfiff ertönt, müssen die Clubs eine Liga tiefer schon um 13 Uhr auf dem Platz stehen. Für seine Gäste hat sich Kühn deshalb bereits eine – nicht ganz ernst gemeinte – Veränderung der Speisekarte überlegt: „Dann serviere ich halt Frankfurter Kranz und Kaffee statt Bier und Buletten.“

Kühns Kollege Enzo Fumiento von der Rumpelkammer an der Lister Meile bereiten vor allem die hohen Kosten für den Bezahlsender Sky Sorgen. Er zahle 7600 Euro pro Jahr für die Lizenz. Viel Geld, vor allem wenn Gäste wegen eines 96-Abstiegs wegblieben. Ein Jahr lang will Fumiento beobachten, ob die Hannoveraner die Spiele ihres Lieblingsclubs auch eine Klasse tiefer am liebsten mit Freunden gemeinsam in der Kneipe schauen. „Derzeit plane ich 15 bis 20 Prozent Einnahmeverluste an einem Spieltag ein“, rechnet der Wirt vor. Eines kann er jedoch jetzt schon ausschließen: dass er deswegen Mitarbeiter entlassen wird. „ Eher kündige ich den Vertrag mit Sky.“ kon    

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„Soziales Engagement kennt keine Liga“ 

Stoppt der Verein seine Sozialprojekte? Hannover 96 ist einerseits ein Verein, andererseits eine Firma – und es ist längst auch ein Faktor in der Stadt, was das soziale Engagement betrifft. Das Thema liegt Clubchef Martin Kind am Herzen – Sprecher Christian Bönig schließt deshalb auch kategorisch aus, dass es im Falle eines Abstiegs an diesem Punkt Abstriche gibt. „Soziales Engagement kennt keine Liga“, sagt Bönig.

Spieler wie Ron-Robert Zieler kommen regelmäßig etwa in die Kinder-Suchtklinik „Teen Spirit Island“ auf der Bult, um dort auf dem kleinen Fußballplatz ein wenig mit den Klinikinsassen zu kicken. Bilder von Mannschaftsmitgliedern, die in Schulen oder Kinderheimen heranwachsende Fußballfans begeistern oder bei Sammlungen für eine gute Sache werben – so etwas sieht Klubchef Martin Kind beinahe ebenso gerne wie Motive von 96-Toren. „CSR spielt für uns eine ganz wichtige Rolle“, sagte Kind jüngst. CSR steht für „Corporate Social Responsibility“. So heißt es auf Englisch, wenn Soziales Handeln auf Marketing trifft. Zu 96 Partnerschulen im Umkreis von 150 Kilometern unterhält der Verein Kontakte, die sich nicht aufs Sportliche beschränken. Schüler erhalten Karten für Stadionspiele, aber Spieler stellen sich auch als Diskutanten auf Schulpodien etwa zu Fragen wie Gewaltprävention oder Rassismus zur Verfügung.

Natürlich diene das Engagement auch dazu, den Verein sympathischer zu machen, sagt Kind. Vor allem aber gehe es ihm darum, Gutes zu tun und damit langfristige Bindungen aufzubauen. Die könne darüber hinweghelfen, wenn bei dem Verein mal eine Saison daneben geht. Vielleicht ist diese Bindung jetzt besonders nötig. med  

2.-Liga-Etat: Nur noch 50 statt 80 Millionen

96-Clubchef Martin Kind hat die Folgen eines Abstiegs schon einmal hochgerechnet. Der faktische Alleinregent des Fußball-Bundesligisten rechnet pro Saison mit „30 Millionen Euro weniger, mindestens“. Besonders zu Buche schlagen die deutlich geringeren TV-Einnahmen: Statt aktuell 31 Millionen Euro würde 96 als Zweitligist nur noch etwas mehr als 10 Millionen Euro aus den Fernsehrechten kassieren. Dazu kommen noch mal 10 Millionen Euro aus der Auslandsvermarktung, die den „Roten“ entgehen würden, weil diese nur an Erstligisten ausgezahlt wird. Nach einer Untersuchung vom „Handelsblatt“ sanken in der jüngeren Vergangenheit die Gesamtumsätze der Clubs um ein Drittel, wenn man bei einem Abstieg das letzte Erstliga- mit dem ersten Zweitligajahr vergleicht.

Der Abstieg in die 2. Bundesliga trifft Hannover 96: Einige Topspieler werden den Verein wohl verlassen. Eine Übersicht.

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Die Zuschauereinnahmen in der 2. Liga sind die große Unbekannte in der Kalkulation. In der aktuellen Saison kamen bislang 42 106 Fans im Schnitt zu den Heimspielen der „Roten“. Wenn 96 nach dem Abstieg nicht gleich oben mitspielt, könnte der Schnitt auf 20 000 bis 25 000 sinken. Und weil 96 die bisherigen Kartenpreise reduzieren müsste, wäre das ein doppeltes Minus. Außerdem werden die Sponsoreneinnahmen deutlich geringer ausfallen, mit den meisten Geldgebern ist das vertraglich geregelt. Der Gesamtetat von 96 (bisher: rund 80 Millionen Euro) würde in der 2. Liga vermutlich auf 50 Millionen reduziert, bei den Personalkosten wird mit einer Halbierung gerechnet. Wirtschaftlich stehe 96 trotz des Abstiegs auf solidem Fundament. „Wir haben eine wirtschaftlich stabile Basis mit genügend Eigenkapital und Liquidität“, sagt Kind. hr       

Nachwuchs- und Breitensportzentrum bleiben

Für das Fußball-Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) in der Eilenriede und das neue Vereins- und Sportzentrum von Hannover 96 in der Stammestraße hätte ein Abstieg der Profi-Kicker keine Folgen. „An diesen Vorhaben ändert sich gar nichts“, sagt 96-Clubchef Martin Kind. „Es wäre ja auch abenteuerlich, die Finanzierung und Pläne dieser Projekte von der Ligazugehörigkeit abhängig zu machen.“ In das NLZ mit 16 Internatsplätzen investiert 96 rund 18 Millionen Euro. In der Stammestraße entsteht auf einem Grundstück von 40.000 Quadratmetern Fläche für 8 Millionen Euro ein Vereins- und Sportzentrum mit Sauna, Bewegungsbecken, Fitnessräumen, Sporthalle und Kinderbetreuung. Beide Bauvorhaben sollen 2017 fertig werden. Das NLZ wird laut Kind sogar höhere Kosten als bisher verursachen, weil auch in mehr Personal investiert werden soll. Kind erwartet dann aber „auch deutlich mehr Qualität“.  hr     

Das neue Nachwuchsleistungzentrum ist schon hochgezogen.

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Wie läuft das mit der Stadion-Miete?

Ein Abstieg von Hannover 96 in die zweite Profiliga würde die Stadt viel Geld kosten. Und je länger der Klub zweitklassig bliebe, desto mehr müsste das Rathaus zahlen. Als das Niedersachsenstadion vor der Weltmeisterschaft 2006 in eine Arena umgebaut wurde, die den Ansprüchen an solch ein Turnier Stand hält und zugleich eine moderne Bundesligastätte ist, sicherte die Landeshauptstadt Hannover 96 für den schlimmsten Fall finanziell ab: Nach einem Abstieg aus der ersten Bundesliga mit absehbar deutlich geringeren Einnahmen steht die Kommune für Betriebskostenzuschüsse gerade. In einem Konzessionsvertrag ist festgeschrieben, dass das Rathaus jährlich 850 000 Euro an den Klub zahlt. Der Vertrag, geschlossen 2003 und gültig bis 2030, sieht vor, dass dieser Zuschuss nicht nur während der Zweitligajahre gezahlt wird, sondern auch noch, im Falle eines Wiederaufstiegs, in den ersten zwei Spielzeiten in der Bundesliga. In den Jahren drei, vier und fünf nach einem Aufstieg zahlt die Landeshauptstadt jeweils weitere 425  000 Euro. Erst im sechsten Jahr nach Wiederaufstieg entfällt der Zuschuss.

„Für den Haushalt der Landeshauptstadt Hannover ergibt sich allerdings keine direkte zusätzliche finanzielle Belastung, da wegen des grundsätzlich bestehenden Anspruchs von Hannover 96 eine Rückstellung in entsprechender Höhe besteht“, sagt ein Stadtsprecher. Dennoch: Das Geld wäre weg.

Einnahmen aus Gewinnen von Hannover 96 spielen dagegen keine große Rolle im Etat von Kämmerer Marc Hansmann. Im Rathaus hieß es, wie schon im vergangenen Jahr, dass der Verein deutlich weniger als eine Million Euro einbringt. Die Spielergehälter liegen in der Zweiten Liga erheblich unter denen im Oberhaus. Auch dadurch entgingen der Stadt Hannover Steuern. gum  

Wem gehört was? Das kleine 96-Lexikon

Hannover 96 hat längst nicht mehr die Struktur eines Sportvereins. Vielmehr ist es ein Wirtschaftsunternehmen mit einer komplexen Struktur und mehreren Gesellschaftern. Wer macht was und wem gehört was bei 96? Ein Überblick.

Hannover 96 GmbH & Co. KG aA: Diese Abteilung, kurz KG aA, ist praktisch das 96-Profiunternehmen. Neben der Fußball-Lizenzspielerabteilung gehört auch das Nachwuchsleistungszentrum zum Aufgabenbereich. Persönlich haftende Gesellschafterin ist die 96 Management GmbH, deren Geschäftsführer Martin Kind ist.
Geschäftsführung: Martin Kind, Martin Bader. S portliche Leitung: Christian Möckel. Aufsichtsratschef: Rainer Feuerhake.

Hannover 96 SALES & SERVICE GmbH & Co. KG: Der S & S gehören mittlerweile 100 Prozent am 96-Profiunternehmen KG aA. Eine Sonderregelung bewirkt aber, dass die S & S erst vom 8. Juli 2018 in der 96-Profiabteilung auch das alleinige Sagen hat (siehe unten). Die S & S erbringt für die KG aA vor allem Dienstleisterfunktionen – etwa die Markenführung und -pflege sowie die Umsetzung des Ticketing, das Merchandising und zentrale Dienste wie das Rechnungswesen. Die S & S ist außerdem gemeinsam mit Protec Träger des Sicherheits- und Serviceunternehmens Primetec GmbH. Das Gesellschaftskapital der S & S beträgt rund 25,3 Millionen Euro – den größten Teil hält Kind mit rund 27 Prozent, gefolgt vom Modeunternehmer Detlev Meyer (25,69) und Drogerieunternehmer Dirk Roßmann (19,76). Weitere Gesellschafter sind die Unternehmer Michael Schiemann (12,45), Gregor Baum (8,5), Matthias Wilkening (3,79) und die Madsack Mediengruppe (2,77).
Geschäftsführer: Martin Kind, Martin Bader.

Hannover 96 Arena GmbH & Co. KG: Die Arena-Gesellschaft ist für die Spieltagsorganisation in der HDI-Arena zuständig sowie die ganzjährige Betreuung des Objekts. Auch alle Drittveranstaltungen wie Konzerte werden über diese Gesellschaft durchgeführt.
Geschäftsführer: Martin Kind, Martin Bader. Vorsitz Beirat: Heinrich Jagau (Vorstandsvorsitzender Sparkasse Hannover). Beirat: Gregor Baum, Marc Hansmann (Finanzdezernent der Stadt Hannover).

Hannoverscher Sportverein von 1896 e. V.: Mit mehr als 20.000 Mitgliedern in 13 Abteilungen ist 96 der mitgliederstärkste Verein Niedersachsens. Bis September 2014 gehörten dem Verein 15,66 Prozent an der Profisparte KG aA, diese Anteile wurden für 3,5 Millionen Euro an die S & S verkauft. Bis Juli 2018 besitzt der Verein aber weiter 100 Prozent der Stimmanteile an der 96-Management GmbH. Deren wichtigste Aufgabe ist es, die Geschäftsführung der Profigesellschaft KG aA zu berufen.
Vorstandsvorsitzender: Martin Kind. Aufsichtsratschef: Valentin Schmidt. hr     

  

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Hannover 96

Ein möglicher Abstieg in die 2. Bundesliga würde Hannover 96 in mehrfacher Hinsicht hart treffen. Die Einnahmen aus den Fernsehgeldern und dem Ticketverkauf würden sich empfindlich verringern, schmerzhaft wäre auch der personelle Ausverkauf. Die Topspieler würden den Verein dann wohl verlassen.

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27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

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