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Der Kaiser zwischen Licht und Schatten

Umstrittene WM-Vergabe Der Kaiser zwischen Licht und Schatten

Die Untersuchungskammer der FIFA-Ethikkommission hat ihre Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer abgeschlossen und Anklage erhoben. Das Verfahren sei zur rechtsprechenden Kammer weitergeleitet worden, teilte das Gremium des Fußball-Weltverbands am Mittwoch mit, ohne weitere Details zu nennen.

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Die WM 2006 in Deutschland war sein letzter großer Triumph – jetzt droht Franz Beckenbauer eine Verurteilung wegen seiner Rolle bei der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und Katar. 

Quelle: dpa

Zürich. Deutschland hat einen Kaiser. Unantastbar, unangreifbar. Den Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer. Einen Mann, dem scheinbar alles gelingt, der mitten in der Debatte über unmenschliche Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar nonchalant darüber räsoniert, dass er dort „nicht einen einzigen Sklaven g’sehn“ habe: „Die laufen alle frei rum, weder in Ketten noch gefesselt.“ Dieser Mann, auf dem Rasen der beste Libero aller Zeiten, Weltmeister als Spieler und als Teamchef, gerade 70 Jahre alt geworden, darf anscheinend sogar so etwas sagen. Mehr als ein Schulterzucken und ein gerauntes „So ist er eben, der Kaiser“ hat er kaum zu erwarten. Sein zweiter Spitzname: Lichtgestalt.

Doch inmitten der größten Krise des Weltfußballs, inmitten immer neuer Enthüllungen und Verdächtigungen um korrupte Funktionäre, schwarze Kassen und gekaufte Weltmeisterschaften, wirft selbst die Lichtgestalt plötzlich Schatten. Der Thron des Kaisers, den laut einer Umfrage 98,2 Prozent der Deutschen kennen, bröckelt zusehends.

Plötzlich steht Beckenbauer selbst im Verdacht, Teil der riesigen Korruptionsmaschinerie im Weltfußball zu sein. Das Sommermärchen gekauft? Die Geschichte des „Spiegel“ vom vergangenen Wochenende, wonach 6,7 Millionen Euro aus einer schwarzen Kasse im Zuge der Bewerbung um die WM 2006 zur Bestechung von vier asiatischen Funktionären verwendet wurden, steht trotz aller Dementi – auch von Beckenbauer – weiter im Raum. Die Fifa-Ethikkommission hatte ihn bereits am Rande der Weltmeisterschaft in Brasilien im vergangenen Jahr für 90 Tage gesperrt, weil er einen Fragebogen zu den Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar nicht fristgerecht ausgefüllt hatte. Beckenbauer, Sohn eines Postbeamten, reichte das Formular zwar nach, die Sperre wurde aufgehoben, aber im vergangenen Mai erklärten die Weltverbandsethiker, weiterhin gegen das ehemalige Mitglied der Fifa-Exekutive zu ermitteln.

Am Mittwoch hat die Fifa-Ethikkommission schließlich die Ermittlungen zur Rolle des Kaisers bei der Vergabe der Weltmeisterschaftsendrunden 2018 an Russland und 2022 an Katar abgeschlossen. Die rechtsprechende Kammer der von der Fifa unabhängigen Institution muss nun ihr Urteil über die Lichtgestalt des deutschen Fußballs sprechen, wann, ist noch unklar.

Beckenbauer gehörte der Fifa-Regierung von 2007 bis 2011 an und hatte bei der Entscheidung zugunsten der beiden Staaten vor fünf Jahren Stimmrecht. Der Druck auf ihn: Vielleicht war er nie größer als jetzt.
An Beckenbauer ist bislang noch immer alles abgeprallt. 1990 gab er seinem Nachfolger als Trainer der deutschen Nationalmannschaft, Berti Vogts, im Gefühl des weltmeisterlichen Überschwangs und der bevorstehenden Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein gigantisches Erbe mit. Mit den Spielern aus den neuen Bundesländern werde die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes auf Jahre hin unschlagbar sein, kündigte er an. Daran konnte Nachfolger Vogts nur scheitern.

Die Fußstapfen des Kaisers – meistens sind sie zu groß für alle anderen. Und dann diese Leichtigkeit, mit der er noch so Absurdes erzählen konnte. Als er die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien wegen seines Wechsels vom FC Bayern München zu Cosmos New York verpasste, war er auch traurig, weil er damit Argentinien, eines seiner Lieblingsländer, verpasste. „Dort, wo die Leute auf der Straße Tango tanzen. Wo es würziger, schärfer, sinnlicher riecht. Ich habe den Geruch seit einem Spiel mit Bayern in der Nase“, sagte er mal zu einem Reporter. Dass zu dieser Zeit in diesem Land der staatliche Terror einer Militärjunta Tausende Todesopfer forderte? Blieb unerwähnt. Eine typische Beckenbauer-Anekdote, ein dahergesagter Satz – so lässig, wie er den Ball mit dem Außenrist streichelte oder wie er 1994 während einer der vielen Meisterfeiern mit dem FC Bayern im ZDF-Sportstudio – damals als Trainer – den Ball, den Lothar Matthäus auf ein Weizenbierglas gelegt hatte, in der Torwand unterbrachte. „Dem Mann glückt alles“, jubelte Moderator Dieter Kürten damals.

Das mag stimmen, doch der Kaiser bietet nicht erst seit den neuesten Enthüllungen Angriffsflächen. Und dabei muss man gar nicht mal all die privaten Geschichten rund um Ehefrauen, uneheliche Kinder und Liebesaffären heranziehen. Seine internationalen Verbindungen und Verflechtungen reichen vielen mittlerweile aus, um ihn unter Generalverdacht zu stellen.

Beckenbauer hält zwar geheim, ob er als Fifa-Exekutivmitglied 2010 für die WM 2018 in Russland, ein Prestigeobjekt von Russlands Präsident Wladimir Putin, gestimmt hat. Zwei Jahre später wurde er aber von der Russian Gas Society, dem Konglomerat russischer Gasförderungsunternehmen, zum „Sportbotschafter“ gekürt – entsprechendes Honorar wohl inklusive. Die „Bild“-Zeitung schrieb: „Beckenbauer wird der neue Sport-Zar von Russland.“

Der Kaiser selbst sagte, es sei eine Ehre, mit „einer der wichtigsten Wirtschaftsinstitutionen Europas“ zusammenzuarbeiten: „Ich freu‘ mich drauf, wenn ich für die Russen irgendwas tun kann.“ Die Vorwürfe lächelte er, wie so oft, einfach weg: „Ich bin hier als Sportler. Es geht um ein Miteinander, nicht um Politik.“ Den stellvertretenden Gazprom-Chef Medwedew nennt der wohl beste deutsche Fußballer aller Zeiten „meinen lieben Freund Alexander“. Laut ARD-Magazin „Monitor“ soll er sogar bereits vor der WM-Vergabe nach Russland mit der Russian Gas Society über seine Rolle als Botschafter einig gewesen sein. Alles nur Zufälle?
Beckenbauers letzter großer Triumph war die WM 2006 in Deutschland. Er flog rund um die Welt, um für das spätere Sommermärchen zu werben. Er war auch als Präsident des Organisationskomitees während des Turniers mehr in der Luft als am Boden, um so viele Spiele in so vielen Stadien wie möglich zu besuchen. Die WM 2006: Beckenbauers Baby – aber mittlerweile mit einem Makel behaftet. Ob es den wieder loswird? Beckenbauer zumindest wehrte sich zuletzt gegen die Beschuldigungen: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren.“ Lässig klang da nichts mehr. Wie lange hält sein Schwur? Wie lange strahlt sein Licht noch? Vielleicht verliert Deutschland in diesen Tagen seinen letzten Kaiser.

von Sebastian Harfst und Udo Röbel

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