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"Für Fehler entschuldigen? Aber doch nicht jede Woche!"

Florian Meyer und Michael Weiner "Für Fehler entschuldigen? Aber doch nicht jede Woche!"

Sie kennen jeden Trick und haben selten etwas übersehen: Jetzt sind Florian Meyer und Michael Weiner Bundesliga-Schiedsrichter im Ruhestand. Für die HAZ blicken sie gemeinsam zurück: Auf Effenberg und Sammer, Affenrufe im Stadion – und drei Rote Karten in einem Spiel. Und sie sagen: Wir pfeifen nie mehr.

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In Aktion: Der Burgdorfer Florian Meyer (links) und Michael Weiner aus Hasede bei Hildesheim.

Quelle: dpa/Imago/Montage

Hallo Herr Meyer, hallo Herr Weiner. Am 14. Mai haben Sie beide Ihr letztes Bundesligaspiel gepfiffen. Können Sie sich noch an Ihr erstes Spiel als Schiedsrichter erinnern?
Michael Weiner: Ganz genau, es war vor 32 Jahren ein-C-Jugend-Spiel zwischen Halle/Kirchbrak und Eschershausen. Ich erinnere mich noch genau: Meine Mutter hat mich hingefahren und ich war ziemlich nervös.

Haben Sie Fehler gemacht?
Bestimmt einige, aber keiner hat’s gemerkt. War ja kein Fernsehen da.

Florian Meyer: Einen Tag vor meinem 14. Geburtstag habe ich den Anwärterlehrgang für Schiedsrichter erfolgreich absolviert. Mein erstes Spiel habe ich ein paar Monate später im Februar 1983 gepfiffen. Auch bei mir war es ein C-Jugend-Spiel: In Braunschweig, Rautheim/Lindenberg II gegen Timmerlah/Geitelde II. Mein Vater hat mich begleitet. Da das Wetter so schlecht war, sind wir schon einen Tag vorher hingefahren um zu schauen, ob am nächsten Tag gespielt werden kann.

Seitdem sind viele Spiele in der Bundesliga und auch internationale Partien hinzugekommen. Was ist an der Schiedsrichterei so faszinierend?
Meyer: Für mich war es von Beginn an der Umgang mit unterschiedlichen Charakteren in immer neuen Situationen. Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen und diese selbstkritisch zu hinterfragen, mich immer wieder durchzusetzen und Konflikte zu lösen. Das sind alles wertvolle Eigenschaften, die einen formen und auch im Alltag sehr hilfreich sind.

Weiner: Ich kenne Florian jetzt schon seit 25 Jahren. Einer der großen Vorteile daran ist, dass ich mich, wie auch bei dieser Frage, vollkommen seiner Meinung anschließen kann (lacht). 1993 habe ich als Linienrichter in der Bundesliga angefangen, mit 25 Jahren in der 2. Liga gepfiffen, als 30-Jähriger das erste Bundesligaspiel – und dann ging das immer weiter, Florian und ich sind zusammen auf die FIFA-Liste gekommen. Und das alles mit einem nicht besonders ausgeprägten fußballerischen Talent. Für mich ist dieser Weg immer noch unfassbar. Und faszinierend.

Mussten Sie in dieser langen Zeit viele Kompromisse eingehen?
Weiner: Das Wichtigste für mich war, dass ich mir immer eine Unabhängigkeit durch meinen Beruf als Polizeibeamter bewahren konnte. Ich war dabei, habe aber bestimmte Dinge nicht an mich herangelassen. Weil ich bis zuletzt freiwillig und ohne Zwang der Schiedsrichterei nachgegangen bin, konnte ich den Fußball trotz des vermeintlichen Drucks immer genießen. Und: Ich konnte nie untergehen.

Michael Weiner: Der 47-Jährige war seit 1993 DFB-Schiedsrichter und leitete insgesamt 238 Spiele in der Fußball-Bundesliga. Weiner lebt mit seiner Familie in Hasede in der Nähe von Hildesheim und ist von Beruf Polizeibeamter.

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Wie war Ihr Verhältnis zu den Medien?
Weiner: Es gab nie Interviews von mir, die man zum Beispiel für gute Noten als Gegenleistung hätte erzwingen können. Wenn’s für mich eine 6 gab, dann gab es die halt. Das habe ich restriktiv durchgezogen und mich damit auch selbst geschützt. So musste ich nie irgendwelche Deals eingehen.

Zum Abschluss gab es für Ihre Leistung in Ihrem letzten Spiel zwischen Dortmund gegen Köln am 14. Mai vom „kicker“ eine 1, von der „Bild“-Zeitung eine 2.
Ich habe mich insgeheim mehr als gefreut als ich das gelesen habe. „Du hast alles richtig gemacht“ war mein erster Gedanke. In Dortmund bin ich noch einmal durch das Stadion gegangen und dann am am nächsten Morgen mit dem ICE ohne Öffentlichkeit nach Hause gefahren. Dann war der Fall erledigt. Mit einem lachenden Auge und einer großen Unabhängigkeit.

Es ist faszinierend, mit welcher Begeisterung Sie von einem Job erzählen, den 99 Prozent der Fußballfans ums Verrecken nicht machen möchten.
Weiner: Wir kennen die ganzen Vorurteile uns gegenüber. Dass wir ein geschlossener Kreis sind, uns abschotten und mit keinem reden wollen. Da kann ich nur sagen: Das ist alles Schwachsinn, wir sind kein Geheimbund. Wir halten Vorträge, reden mit den Leuten beim Bäcker, im Zug und im Flugzeug. Wir sind freundlich, nett und aufgeschlossen, freuen uns auf runde Tische mit Trainern und Managern. Ich habe nach dem Spiel zwischen Dortmund und Köln länger mit Jörg Schmadtke (Manager des 1. FC Köln, d.Red.) gesprochen. Wenn ein solcher Dialog mit gegenseitigem Respekt gewünscht ist sind wir sofort dabei und genießen es sogar.

In der Öffentlichkeit werden Schiedsrichter aber oft negativ dargestellt.
Meyer: Genau wie die Fans und Spieler lieben auch wir den Fußball, wir wollen einfach einen Beitrag zu einem guten Spiel leisten. Dass der Schiedsrichter auch nur ein Mensch mit Stärken und Schwächen ist, wird leider viel zu oft nicht gesehen. Im modernen Fußball ist der Schiedsrichter ein Leistungssportler mit besonderen Führungsqualitäten.

Weiner: Mit Kritik an uns wird oft Politik gemacht und insbesondere nach Spielen von eigenen Fehlern abgelenkt bzw. schon mal für die nächste Partie vorgearbeitet. Das ist aber sinn- und zwecklos. Natürlich schützen wir uns in Extremsituationen auch selbst. Wir beleidigen oder diskreditieren auch keine Spieler oder Offiziellen. Dann kann ich in solchen Situationen und nur nach innen gerichtet auch komisch werden, nie öffentlich. Das kommt aber nur dreimal im Jahr vor.

Das Verhalten von Trainern und Funktionären gegenüber den Schiedsrichtern war in der vergangenen Saison manchmal sehr heftig. Schmadtke bezeichnete Ihren Kollegen Guido Winkmann als Eierkopf, Leverkusens Trainer Roger Schmidt ignorierte den Verweis von Felix Zwayer beharrlich.
Weiner: Ich kenne beispielsweise Herrn Schmadtke oder Herrn Schuster von Darmstadt und auch viele andere aus dem Fußballgeschäft. Ich kann es nachvollziehen, wenn Herr Schmadtke bei so einer Häufung von Fehlentscheidungen auch mal die Nerven verliert. Es schmerzt mich doch auch als Schiedsrichter, und natürlich auch die Kolleginnen und Kollegen, die mit ihren Entscheidungen daneben gelegen haben. Das ist übrigens bei allen Fehlentscheidungen so. Wir bereiten das immer nach und suchen Lösungsmöglichkeiten, diese Fehler zu minimieren. Felix Zwayer war die Situation mit Trainer Schmidt auch nicht recht. Aber ein Schiedsrichter lässt sich nicht von einem Trainer wie ein Hund herzitieren. Da sind Grenzen erreicht, da muss es im Sinne des Sports klare Signale geben. Aber das sind Einzelfälle die auch deshalb entstehen, weil die Öffentlichkeitswirksamkeit des Fußballs extrem ist und immer mehr zunimmt. Was sich da manchmal in der Coaching Zone und auf der Ersatzbank abspielt, unglaublich. Da ist der Teufel los. Für alle Vorgänge allerdings kann man kein Verständnis haben.

Meyer: Uns wird immer vorgehalten, dass wir voreingenommen seien. Das ist mitnichten so. Vielmehr sind wir vorbereitet, beispielsweise auch um Trainer und Spieler beider Teams vor Fehlverhalten zu schützen. Neben anderen ist dies eine ganz wichtige Aufgabe des Schiedsrichters. Und wenn mal etwas vorgefallen ist, dann geht es im nächsten Spiel wieder bei Null los. Mir war es immer wichtig einem Spieler, den ich mit einer wichtigen Entscheidung benachteiligt habe, vor dem nächsten Spiel zu sagen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Damit die Spieler auch sehen, dass wir uns als Sportler über jeden Fehler ärgern und dann auch keinesfalls zur Tagesordnung übergehen.

Weiner: Florian hat sich immer gerne entschuldigt. Ich habe ihm gesagt, dass das okay ist, er es aber nicht jedes Wochenende tun sollte (lacht). Jetzt ernsthaft; genau dieser Charakterzug ist bei Florian herausragend.

Meyer: Na, jede Woche ist dann aber doch ein wenig übertrieben (lacht).

Florian Meyer: Der 47-Jährige aus Burgdorf war seit 1996 DFB-Schiedsrichter und pfiff 1998 sein erstes von insgesamt 287 Bundesligaspielen. Meyer wurde von den Spielern mehrmals zum Schiedsrichter des Jahres gewählt. Jetzt ist er im Ruhestand.

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Viele Spieler und Fans sind genervt weil Sie meinen, dass die deutschen Schiedsrichter zu kleinlich pfeifen und fordern eine großzügigere Spielleitung wie in England.
Meyer: Das würde eine Bewusstseinsänderung erfordern. Interessant dabei ist, dass sich Spieler und Trainer bei internationalen Spielen oftmals anders verhalten als bei Spielen in der Bundesliga. Uns wird ja oft vorgeworfen, dass wir bei internationalen Spielen mehr laufen lassen als bei nationalen Spielen. Ja, das können wir manches Mal aber auch, weil der Spieler sich nicht dreimal um die eigene Achse dreht, wenn er nach einem harmlosen Kontakt am Boden liegt und das Foul schlimmer erscheinen lässt, als es war.

Weiner: In England geht’s richtig zur Sache, aber da gibt es keine Schauspielerei. Ganz im Gegensatz zur Bundesliga. Der Unterschied ist nur, dass bei uns der Schiedsrichter im Fokus steht und der Spieler, der eine Schwalbe im Strafraum gemacht hat, ungeschoren davonkommt. In England braucht sich so ein Spieler in keinem Stadion mehr blicken zu lassen. Darum können wir bestimmte Dinge in der Bundesliga erst einmal nicht anbieten. Es würde völlig hektisch und unsauber werden.

Hektisch ging es auch in Endspielen im DFB-Pokal zu, die Sie geleitet haben.
Weiner: Ich habe nur eins gepfiffen – und das hat mir auch gereicht. Das werde ich in jeglicher Hinsicht nie vergessen. Das war 2007, Nürnberg gegen Stuttgart, das war der helle Wahnsinn. Es hätte nach dem ersten Feldverweis für den Stuttgarter Cacau eine Minute später einen zweiten Spieler vom Platz stellen müssen. Das habe ich nicht gemacht. Nicht aus Angst, sondern weil das Spiel sonst nicht zu Ende gegangen wäre. Franz Beckenbauer hat später gesagt, dass das die klarste Rote Karte der Saison war. Da hatte er Recht. Ich war nur froh, dass der Nürnberger Stürmer Marek Mintal sich keine dauerhaften gesundheitlichen Schäden zuzog. Bei der ersten Begegnung einige Zeit danach habe ich mich bei Herrn Mintal auch entschuldigt.

Florian Meyer: Das besondere Spiel

Florian Meyer: „Beim Bundesligaspiel Karlsruhe gegen Köln im August 2008 ist Mitte der 
ersten Halbzeit der Kölner Spieler Ümit Özat regungslos zusammengebrochen. Das war eine immens bedrückende Situation, das Spiel war längere Zeit unterbrochen. Ümit Özat ist dann in die Kabine gebracht worden. Es vergingen lange Minuten zwischen Hoffen und Bangen, bis aus der Kabine das Signal kam, dass er wieder bei Bewusstsein ist. Vier Wochen später habe ich ein Heimspiel von Köln gepfiffen. Özat konnte zwar nicht mitspielen, kam jedoch vor dem Spiel in meine Kabine. Ihm dann in seine fröhlich strahlenden Augen zu schauen, ihn so vor mir zu sehen, war ein sehr bewegender Moment für mich.“

Herr Meyer, Pokalfinale 2014, die Bayern gegen Dortmund. Der Kopfball von Mats Hummels war hinter der Linie, doch Sie geben das Tor nicht, die Bayern gewinnen nach Verlängerung. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie wussten, einen Fehler gemacht zu haben.
Meyer: Es war ein Dilemma. Für mich war es im realen Ablauf mit menschlichen Möglichkeiten nicht einwandfrei zu entscheiden, ob der Ball hinter der Linie war. Ich hätte mir zu diesem Zeitpunkt schon die Torlinientechnologie gewünscht, die wir jetzt zum Glück haben. Es war nicht nur sehr bitter für die Dortmunder Mannschaft und die Fans, es war auch sehr bitter für das Schiedsrichterteam. Das hat mich sehr lange belastet und mich viele schlaflose Nächte gekostet.

Die dürfte auch Kollege Bastian Dankert nach dem Handtor von Leon Andreasen in Köln gehabt haben. Der 96-Profi  sagte später, er hätte es zugegeben, wenn der Schiedsrichter ihn gefragt hätte. Hat Dankert das versäumt?
Weiner: Der Schiedsrichter kann nicht in jeder strittigen Situation den Spieler fragen. Da muss er schon mal selbst ran, der eigenen Wahrnehmung vertrauen und entscheiden. Das Handtor von Andreasen ist jedoch ein Vorgang, da hätte es jeder akzeptiert, wenn der Schiedsrichter ihn gefragt hätte. Wir können jedoch nicht immer die Verantwortung auf die Spieler verschieben.

Meyer: Es war für uns Schiedsrichter eine holprige Bundesligasaison, keine Frage. Da gibt es gar nichts zu beschönigen. Ebenso wie die Mannschaften arbeiten wir permanent und intensiv daran, die Leistungen immer weiter zu optimieren. Aber was mir in der Diskussion zu kurz kommt: Wir hatten auch eine ganze Reihe von sehr schwierigen Spielen, die mit einer hohen Qualität sehr gut und geräuschlos geleitet wurden. Das zeigt, dass die deutschen Schiedsrichter weiter eine sehr hohe Qualität besitzen.

Gibt es Spiele rund Trainer von denen Sie sagen würden: Mein Gott, der schon wieder?
Weiner: Das war früher extremer, weil wir da jünger waren und Spieler wie Lothar Matthäus und Stefan Effenberg ihre Überlegenheit uns gegenüber ausgespielt haben. Das hat sich aber mit zunehmender Erfahrung bei uns und einem höheren Standing verändert. Ein Beispiel: 2001 habe ich das Spiel Bayern gegen Dortmund gepfiffen, es gab drei Feldverweise. Das war grausam, eine katastrophale Leistung von mir. Matthias Sammer war damals Trainer in Dortmund. Wir haben 10 Jahre gebraucht, um uns wieder in die Augen schauen zu können. So etwas wäre mir fünf Jahre später nicht mehr passiert, weil ich das Spiel ganz anders geleitet hätte. Wenn wir jetzt auf solche dominanten Spieler getroffen sind, waren die froh, wenn wir wieder weg waren. Weil sie wussten, dass da nichts zu machen ist.

Meyer: Jeder Spieler und Trainer konnte sich bei mir darauf verlassen, dass ich sie ohne Vorbehalte zu vorangegangenen Spielen und immer nach bestem Wissen und Gewissen durch das Spiel begleite. Auch Spieler, mit denen ich außerhalb des Platzes per Du war, habe ich auf dem Platz gesiezt, damit alle wussten, dass alle nach den gleichen Maßstäben behandelt werden.

Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren bei der Schiedsrichterei geändert?
Meyer: Zu Beginn meiner Zeit im Profibereich haben die Vereine in ganz anderen Zyklen gedacht. Heute betrachten sie jedes Spiel fast schon als ein Endspiel. Durch die hohe Leistungsdichte ist für die Clubs vom ersten Spieltag an jeder Punkt extrem wichtig, weil er in der Endabrechnung fehlen könnte. Die Folge daraus ist, dass jeder Einwurf für den Gegner, jeder Zweikampf im Mittelfeld infrage gestellt wird. Jeder einzelnen Entscheidung des Schiedsrichters wird heutzutage in der Öffentlichkeit eine ganz andere Bedeutung beigemessen. Ahndet der Schiedsrichter ein vermeintliches Foul oder Handspiel im Mittelfeld nicht und aus dem Gegenangriff fällt der spielentscheidende Treffer, dann wird zuvorderst der Schiedsrichter für die Niederlage verantwortlich gemacht. Enormes Spieltempo und extrem genaues Passspiel sorgen für immer komplexere Abläufe und Situationen, die ein Schiedsrichter zu bewerten hat. Parallel dazu sind die Anforderungen für die Schiedsrichter im körperlichen, psychischen und analytischen Bereich über die Jahre stark gestiegen.

Weiner: Vor zwanzig Jahren hat der Abstiegs- oder Aufstiegskampf erst am 32. Spieltag begonnen, heute geht es schon nach dem zweiten Spieltag für alle Mannschaften um alles. Inklusive Schiedsrichterdiskussionen und Skandale. 

Michael Weiner: Das besondere Spiel

Michael Weiner: „Das war 2006 das Spiel Aachen gegen Gladbach. In der Partie kam es zum ersten Mal in der Bundesliga zu Rassismusäußerungen von den Rängen gegenüber Spielern beider Teams. Als erst die Aachener und dann die Gladbacher Zuschauer Affengeräusche gemacht haben, habe ich das Spiel unterbrochen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man als Schiedsrichter auch eine gesellschaftliche Verantwortung hat. Ich bin zum Mannschaftsführer von Aachen gegangen und habe ihm gesagt, dass er eine Stadiondurchsage veranlassen soll. Der Sprecher soll durchsagen, dass, wenn es noch einmal zu solchen Vorfällen kommt, das Spiel sehr schnell beendet ist. Danach war Ruhe. Der Vorgang war widerlich. Schön war hingegen, dass ich gemerkt habe, dass man als Schiedsrichter auch Akzente außerhalb des Fußballs setzen kann.“

Viele davon könnte man sich mit technischen Neuerungen sparen. Wie viel Technik im Fußball wünschen Sie sich noch?
Meyer: Ich bin für jedes technische Hilfsmittel, gleich welcher Art, das dem Schiedsrichter hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber es sollte so gewählt sein, dass es den natürlichen Charakter des Spiels, das, was den Fußball ausmacht, die Spontanität und die Emotionalität, nicht verändert. Man muss genau überlegen, an welchen Stellen man zum Beispiel einen Video-Schiedsrichter nützlich einsetzen kann. Aber um zu hohe Erwartungen von vornherein einzudämmen: Auch der Videoschiedsrichter wird nicht für alle Situationen ein Allheilmittel sein. Er wird nur in den Situationen unterstützen können, die eindeutig sind. Beim Handtor von Andreasen hätte so die Situation schnell und eindeutig geklärt und dem Schiedsrichter damit die enorme Belastung eines Fehlers genommen werden können. Es gibt aber auch viele Fälle, die im Graubereich liegen. Um genau auszuloten, in welchen Situationen der Video-Schiedsrichter wirklich effizient einwirken kann, ist es wichtig, dass sich der Fußball eine Testphase gönnt. Schnellschüsse helfen da nicht.

Gerade in den unteren Klassen kommt es immer wieder vor, dass Schiedsrichter von Spielern und Zuschauern beschimpft und sogar tätlich angegriffen werden. Wie kann man diesen Schiedsrichtern helfen?
Weiner: Gewalt gegen Schiedsrichter ist nicht akzeptabel. In Hamburg gab es zuletzt eine exzellente Medienkampagne des Schiedsrichterausschusses. Die Schiedsrichter haben gesagt: „Wenn das so weiter geht, sind wir einfach mal ein Wochenende nicht da.“ Irgendwann ist dann auch mal der Zeitpunkt gekommen, um klare Signale zu geben. Das ist ein Ehrenamt, zu dem man aber am Sonntagmorgen nicht losfährt, um getreten, geschlagen und beschimpft zu werden. Jeder dieser Vorfälle ist einer zu viel. Wo bleibt da der ganz normale menschliche Umgang?

Meyer: Die Verantwortlichen jedes Vereins sind gefordert, dass sich alle am Spiel Beteiligten dem Schiedsrichter gegenüber korrekt und respektvoll verhalten. Sonst braucht man nicht gemeinsam einen Sport auszuüben. Zuschauern wie Spielern sollte immer bewusst sein, dass jeder Schiedsrichter mit seinem persönlichen Engagement Woche für Woche in hohem Maße dazu beiträgt, dass die Akteure dieses herrliche Spiel in einem geregelten Spielbetrieb austragen können.

Wissen Sie schon, was Sie am erster Spieltag der neuen Saison machen werden?
Meyer: Ich fiebere mit den Schiedsrichtern mit. Jedes Spiel, ganz gleich in welcher Liga, betrachte ich aus der Schiedsrichter-Perspektive und bin dabei Fan des Schiedsrichter-Teams.

Weiner: Ich werde meine Zeit nutzen und genießen. Einen genauen Plan habe ich für den Tag noch nicht.

Können Sie sich vorstellen, weiter Spiele, zum Beispiel auf Amateurebene, zu pfeifen?
Weiner: Kein einziges Spiel mehr. Nach 32 Jahren ziehe ich einen klaren Schlussstrich. Zumindest konsequent war ich in meinem Leben schon immer. Dortmund gegen Köln war mein letztes Spiel, ein wunderbarer Abschluss. In den beiden Tagen danach habe ich alles erledigt, das Headset an den DFB versandt, die Fahnen verschenkt und die Autogrammkarten auf den Dachboden gelegt. Alles weg, alles abgeschlossen.

Meyer: Dies geht mir genauso. Ich blicke mit großer Freude und Dankbarkeit auf die Zeit zurück. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, wichtige Erfahrungen gesammelt und sehr schöne Momente gehabt. Für mich war das ein Geschenk.

Weiner: Stimmt, sonst wärst du 23 Jahre lang in der Kreisliga Auswechselspieler gewesen. Maximal (lacht).

Meyer: (lacht) Dies aber mit ebenso viel Begeisterung, weil der Fußball in allen Spielklassen einen besonderen Reiz besitzt – als Spieler wie als Schiedsrichter.

Interview: Heiko Rehberg und Christian Purbs

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