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„Ich spiele jetzt“

Günter Netzer im Interview „Ich spiele jetzt“

Im Pokalfinale 1973 schmollt Gladbachs Günter Netzer bis zur Verlängerung auf der Bank. Dann passiert das Unfassbare: Netzer wechselt sich einfach selbst ein und trifft zum Sieg. Im Interview erinnert er sich an die herrlichen Dialoge mit Weisweiler.

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Günter Netzer, Ex-Nationalspieler.

Quelle: dpa (Archiv)

München. Klamotten einkaufen, Koffer packen – es gibt kaum etwas auf der Welt, was Günter Netzer „mehr körperliche Schmerzen“ bereitet, wie er sagt. „Meine Frau kennt meine Abneigung. Elvira hat sich bereit erklärt, das zu übernehmen. Ich bin gut damit gefahren, dass sie für mein Aussehen verantwortlich ist“, sagt er.

Für die WM 2010 in Südafrika hatte Elvira Netzer sogar einen Bekannten beauftragt, für ihren Mann Hemd, Krawatte, Schuhe in den Schrank zu stellen. Jede Garnitur mit Datum beschriftet. „Ich brauchte nur den Kleiderschrank zu öffnen und zuzugreifen“, erzählt Netzer. „Und dann ist es mir passiert, trotzdem etwas Falsches zu kombinieren. Als Elvira nach meinem Auftritt anrief, hat sie sofort losgelegt. Dass sie einen trotteligen Mann hat, der nicht mal fähig ist, diese Zettel richtig zu deuten. Aus Protest hatte sie die Sendung ausgeschaltet.“

Wir treffen Günter Netzer (70), adrett gekleidet wie immer, in der Bar des Hotels „Vierjahreszeiten“, seinem Stammhaus in München. Wir möchten mit ihm über die Sekunde seines Lebens reden. Der Mönchengladbacher Netzer erlebt sie am 23. Juni 1973 im Pokalfinale gegen den  1. FC Köln.

Netzers Mutter war zuvor an einem Gehirnschlag gestorben. „Es kam raus, dass ich zu Real Madrid wechsele“, erzählt er, „in einer Zeitung musste ich lesen, dass dies mit zum Tod meiner Mutter beigetragen hat. In Wirklichkeit hat sie sich gefreut, dass ich zu Real gehe! Ich konnte nicht trainieren, so sehr habe ich mich geärgert.“

Dann ging es für Sie mit Gladbach ins Trainingslager …

Beim Spaziergang sagte Trainer Hennes Weisweiler zu mir, dass ich nicht spiele. Ich erwiderte: „Das finde ich sehr mutig von Ihnen!“ Ich packte meine Sachen: „Tschüss Jungs, viel Glück.“ Berti Vogts diskutierte mit Jupp Heynckes. Berti war dafür, dass ich nach Hause gehe. Heynckes war dafür, dass ich bleibe. Das habe ich alles erst vor einem Jahr erfahren, gut 40 Jahre danach.

Unglaublich.  

Es entstand ein Riesenspiel, ein Auf und Ab. Weisweiler hatte die Stimmung der Fans mitbekommen, die mich sehen wollten. Beim Halbzeitstand von 1:1 entstand folgender Dialog. „Du spielst“, brummte Weisweiler. „Nein“, sagte ich, „ich spiele nicht.“ „Warum nicht?“ „Ich kann der Mannschaft nicht helfen.“

Als ob Sie glaubten, der Mannschaft nicht helfen zu können!

Als wir rauskamen, pöbelten die Fans gegen Weisweiler. Er wollte beweisen, dass er die Macht über mich hat. So wie Jahre zuvor, als er mich trotz Zehenbruchs überredete, zum Privatspiel nach Rom mitzufahren: „Günter, das ist eine herrliche Stadt.“ Fünf Stunden vor dem Spiel sagte er dann: „Du musst spielen. Sonst kriegen wir kein Geld.“ „Sie wissen doch, dass ich mir die Zehe gebrochen habe.“ „Ich habe schon mit dem Arzt gesprochen, du kriegst eine Spritze rein. Und zur Halbzeit noch mal eine.“ Ich habe dann vor lauter Wut eines meiner drei besten Spiele gemacht. In der Zeitung stand: „Der weiße Pele war da.“

Und diesmal wuchs Ihre Wut bis zum Abpfiff der 90 Minuten. Es stand immer noch 1:1, das Spiel ging in die Verlängerung.

Christian Kulik, ein einwandfreier Junge, ein toller Mensch, kam auf mich zu, fiel vor meinen Füßen auf den Boden. „Kannst du nicht mehr?“, fragte ich. „Ich kann nicht mal mehr aufstehen“, sagte er. Ich weiß dann nicht mehr, was mit mir passierte. Ich zog mir die Jacke aus, die Hose. Ich rannte an Weisweiler vorbei und sagte: „Ich spiele jetzt.“ Die Leute haben gebrüllt.

Sie sind auf den Platz gelaufen, haben sich selbst eingewechselt. Und dann die Sekunde aller Sekunden …

Ich habe mit Rainer Bonhof drei Jahre Doppelpass geübt. Nicht mal im Training hat es geklappt. Und jetzt gelingt ihm der Doppelpass seines Lebens. Ich renne dem Ball hinterher, treffe ihn völlig falsch. Er rutscht ab vom Vollspann. Hätte ich ihn schulbuchmäßig getroffen, wäre es ein harmloser Roller geworden. Und nun sauste er oben in den Winkel. Dass man als Fußballer so viel Glück haben kann! Das größte Glück meiner Laufbahn. Noch auf dem Bankett haben Weisweiler und ich kein Wort miteinander gesprochen. Danach habe ich ihn verteidigt. Er hatte so viele Verdienste – um uns, um mich.

Sie waren der Paradiesvogel der Bundesliga. Fuhren einen Ferrari nach dem anderen, betrieben als Fußballer die Discothek „Lovers Lane“ in Mönchengladbach. Und lebten auf großem Fuße …

Ja, Schuhgröße 47. Ich bestand darauf, dass meine Schuhe aus Känguruleder sind, sehr leicht, sehr weich, um mehr Gefühl zu haben. Außerdem war ich der Erste, der farbige Schuhe trug. Für mich entworfen. Ich habe mich zu Tode geschämt, dass ich mit diesen blauen Schuhen durch die Gegend laufen musste.

Sie haben die wundervolle Gabe, über sich selbst zu lachen. Wie in dieser anderen einen Sekunde 1971, beim 7:1 für die Nationalmannschaft in Norwegen.

Wolfgang Overath und ich haben um einen Platz gekämpft. Es gab einen Freistoß, in der Mitte vom Tor, wo ich mir sicher war, Pluspunkte zu sammeln. Ich legte mir also den Ball hin. Franz Beckenbauer stand neben mir, wie immer, obwohl er gar nicht befähigt war, Freistöße zu schießen. Er hat den Torwart gesehen, wie er die Mauer stellt, lupfte, ehe ich anlaufen konnte.

Da hätten Sie ihn wohl am liebsten gewürgt.

Ich stand mit offenem Mund da, wollte gerade auf ihn losgehen, bis ich sah, dass der Ball im Tor lag. Ich habe einen Verlegenheitsjubel gemacht, gerufen: „Großartig, Franz!“

Es gab viele Freistöße, bei denen Jupp Heynckes den Ball lupft und Sie ihn volley verwandeln.

Am meisten haben sie im Bernabeu-Stadion gejubelt, als Paul Breitner für mich lupfte. Obwohl der Ball nur krachend am Pfosten landete. Die Spanier waren das nicht gewohnt. Die haben beinahe das Stadion abgerissen vor lauter Begeisterung.

Sie hatten nie einen richtigen Berater. Wie haben Sie den Vertrag mit Real gemacht, wo Sie von 1973 bis 1976 spielten?

In dem Fall war es eine Schrecksekunde. „Was wollen Sie verdienen?“, fragte der legendäre Santiago Bernabeu. „350.000 Mark“, sagte ich. „Das ist ja so viel, wie die halbe Mannschaft zusammen verdient“, empörte er sich. „Das war dann eben ein Missverständnis“, sagte sein Manager Raimundo Saporta. Ich stand auf und wollte gehen. „Kommen Sie zurück“, rief Saporta. „Was ist es ihnen wert, für Real zu spielen?“, fragte Bernabeu. Ich ging auf 300.000 runter. „Die drei muss weg“, sagten sie. Wir einigten uns auf 295.000 Mark. So viel, wie später Beckham, Raul, Zidane, Figo in zehn Tagen verdienten.

Ihr größter Coup ist wohl der heimliche Flug von Madrid nach Las Vegas. Real-Spieler mussten den Pass abgeben, wenn sie sich 30 Kilometer von Madrid entfernten.

Tina Sinatra, die jüngste Tochter von Frank Sinatra, hatte geheiratet. Mein größter Freund war der Filmemacher Michael Pfleghar. „Wir müssen Samstag in Las Vegas sein“, sagte er. „Frank tritt zum ersten Mal seit 15 Jahren in Las Vegas auf. Amerika steht kopf.“ Ich war leicht verletzt, flog in einer Privatmaschine und saß dann am VIP-Tisch mit Dean Martin, Sammy Davis Jr. und bekannten Schauspielern. Wenn Kameras kamen, ließ ich meinen Kopf unter den Tisch fallen. Am Ende besorgte mir Sinatra noch Karten für Elvis. Ich kaufte mir Mantel und Hut, mein Gesicht war trotz der langen Haare nicht zu erkennen. In aller Herrgottsfrühe, es war noch dunkel, landete ich in Madrid. Um 10 Uhr stand ich auf dem Trainingsplatz, als wäre nichts gewesen. Bei Real weiß man bis heute nichts von meiner Reise.

Sie hatten später viele unvergessliche Momente als Manager des HSV, als Sie die beiden Trainer Branko Zebec und Ernst Happel holten. Franz Beckenbauer von Cosmos New York zurückholten. Seit vielen Jahren leben Sie jetzt in Zürich.

Ja, und heute bin ich seit fünf Jahren Rentner, bekomme 1280 Schweizer Franken. (Netzer ist zudem Executive Director der Sportrechte-Agentur Infront Sports & Media AG, d. Red.)

Was konnten Sie am besten: Fußballer sein, Manager oder TV-Experte?

Die größte Stärke von allem war der Fußballer. Der Managerjob killt die Lebensfreude. Auf den Fotos nach den zwei Meisterschaften und dem Europacup mit dem HSV wirke ich sehr nachdenklich. Ich bin froh, dass ich nach dem HSV nicht weitergetingelt bin.

 Raimund Hinko

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