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„Ich habe sogar Drohbriefe erhalten“

Mister Abstieg Jürgen Rynio „Ich habe sogar Drohbriefe erhalten“

Wer muss in die 2. Liga? Wer hält die Klasse? An diesem Wochenende steigt in der Fußball-Bundesliga die Entscheidung im Tabellenkeller. Jürgen Rynio ist Mister Abstieg. Fünfmal hat es den Torwart in seiner Karriere erwischt, mit fünf verschiedenen Klubs. Vor dem Saisonfinale erklärt er, wie sich der Abstieg anfühlt.

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Jürgen Rynio im Tor von Borussia Dortmund – 1972 ging es mit dem Klub runter in die 2. Liga.

Quelle: Imago

Mit Nürnberg, sagt Jürgen Rynio rückblickend, „war es am schlimmsten. Das kam völlig unerwartet.“ Fünfmal ist der ehemalige Fußballtorwart im Laufe seiner Karriere aus der 1. Liga abgestiegen, mit fünf verschiedenen Vereinen. Vor dem Saisonfinale in der Bundesliga am Sonnabend sagt der 68-Jährige, worauf es im Kampf um den Klassenerhalt wirklich ankommt.

Herr Rynio, wie fühlt sich die Sekunde des Abstiegs an?

Niederschmetternd.

So ein Abstieg kommt ja nicht von heute auf morgen. Wie verändert sich die Stimmung in der Kabine im Laufe einer Saison?

Am Anfang verliert man ein paar Spiele, guckt auf die Tabelle und sagt sich: Ach, das schaffen wir schon! Wenn es aber nicht besser wird, kommt irgendwann der Punkt, an dem man das Gefühl hat, als Spieler nichts mehr machen zu können. Dann kommt diese Laisser-faire-Stimmung. Und die ist gefährlich! Wenn der Trainer da nicht rechtzeitig merkt, dass er an den richtigen Schräubchen drehen muss, dann geht es abwärts.

Dann fällt alles auseinander?

Genau. Ich habe das bei einigen Vereinen erlebt, zum Beispiel in Nürnberg. Als es da richtig ernst wurde im Abstiegskampf, hatten die guten Spieler bereits einen neuen Klub gefunden. Das war tödlich. Diese Spieler waren mit dem Kopf schon woanders. Denen war das scheißegal, ob wir absteigen. Ich dachte dann auch: Mensch, die hauen alle ab, was soll ich noch hier?

Dabei waren Sie gerade erst vom Karlsruher SC gekommen, mit dem Sie 1968 Ihren ersten Abstieg erlebt hatten.

Ja. Es war mein erstes Jahr in der Bundesliga. Das Hauptproblem beim KSC war, dass wir mit dem Professor Frantz (Paul Frantz, Anm. d. Red) keinen ausgebildeten Fußballlehrer hatten. Er war Sportlehrer aus Frankreich und versuchte es mit besonderen Methoden. Wir haben viel ohne Ball trainiert. Und der Co-Trainer konnte den Professor Frantz nicht leiden, der zog überhaupt nicht mit. So fing das schon schlecht an. Außerdem war die Mannschaft eh nicht so stark. Also bin ich in meiner ersten Profisaison zum ersten Mal abgestiegen.

Rückblickend ein schlechtes Omen?

Vielleicht. Aber für mich war es ein Sensationsjahr. Ich wurde erstmals in die Nationalmannschaft berufen. Gut, dachte ich, für den Abstieg kann ich nichts. Also bin ich nach Nürnberg gewechselt.

Zum deutschen Meister.

Jackpot! Ich habe das siebenfache eines Facharbeiters verdient. 7000 Mark brutto. Das war super. Ich konnte mir ein teures Auto leisten und die Familie ernähren. Ich war glücklich.

Dennoch sind Sie 1969 auch mit Nürnberg abgestiegen - und haben Bundesliga-Geschichte geschrieben. Was lief falsch?

Einiges. Trainer Max Merkel hatte die Leistungsträger Franz Brungs und Karl-Heinz Ferschl verkauft, aus welchen Gründen auch immer. Die beiden Abgänge haben wir nicht verkraftet. Dazu kam eine verkorkste Saisonvorbereitung im Kleinwalsertal. Wir mussten tagelang im Sprint die Hänge rauf- und runterlaufen. Ich konnte kaum noch gerade stehen. Wir waren Anfang der Saison völlig platt und haben ein Spiel nach dem anderen verloren.

Später kamen dann die von Ihnen erwähnten Probleme in der Kabine dazu.

Richtig. Das war ein Theater. Am Ende haben sich Spieler und Management sogar über eine Nichtabstiegsprämie gestritten. Da ging es um 40 000 Mark. Es herrschte eine permante Unruhe, keiner hat sich mehr auf den Abstiegskampf konzentriert.

Sie wechselten nach Dortmund. Aber nicht ganz ohne Nebengeräusche.

Ganz ehrlich: Als wir samstags mit Nürnberg abgestiegen waren, wusste ich nicht, wie es Sonntag weitergehen würde. Da rief dann Dortmunds Manager Helmut Bracht an und fragte, ob ich für den BVB spielen möchte. Ich fuhr noch am Nachmittag hin und war sofort begeistert. Ich bin ja ein Kind des Ruhrgebiets und dachte: Hach, hier bin ich zu Hause. In Nürnberg haben sie mir später unterstellt, ich hätte am vorletzten Spieltag einen Ball gegen den BVB absichtlich reingelassen. Das war enttäuschend.

Mit einem Sieg gegen den Abstiegskonkurrenten aus Dortmund hätte sich Nürnberg damals vorzeitig gerettet.

Richtig. Aber mich traf wirklich keine Schuld am Unentschieden. Einige Nürnberg-Fans glauben das offenbar bis heute nicht. Erst vor ein paar Jahren habe ich einen anonymen Drohbrief erhalten. „Du Schwein, wir holen dich!“, stand darin. Das war ekelhaft.

Beim BVB lief es zunächst gut.

Zwei Jahre lang. Dann fing es wieder an ...

Der dritte Abstieg.

Richtig. Der BVB hatte in der Saison 1971/1972 kaum Geld, die alten Spieler wurden radikal durch junge ersetzt. Wieder ein Managementfehler. In den Zeitungen und woanders hieß es anschließend: „Jetzt ist der Rynio schon wieder abgestiegen ...“

Auch mit Ihren Leistungen ging es abwärts.

Ja. Ich hatte Anfang 1972 einen Bandscheibenvorfall, nahm jeden Tag mehrere Schmerztabletten und wurde immer wieder gespritzt. Nach dem Abstieg war mir klar: Die Pillen sind keine Lösung! Also ließ ich mich operieren. Danach bin ich aber nie wieder richtig fit geworden.

Über Rot-Weiss Essen ging es 1976 zum FC St. Pauli. Mit dem Klub sind sie 1977 auf- und 1978 direkt wieder abgestiegen.

Da hat uns das nötige Geld für den Klassenerhalt gefehlt. Außerdem hatten sich wichtige Spieler schwer verletzt. Es passte einfach nicht.

Sie zogen 1979 weiter nach Hannover.

Ja, da war ich in der 2. Liga Ersatztorwart, Co-Trainer und Manager in einer Person. Ich saß vormittags im Büro und stand nachmittags auf dem Platz. 1985 sind wir dann überraschend aufgestiegen, der Verein hatte jedoch kein Geld mehr und ließ meinen Vertrag als Manager auslaufen. Als Ersatztorwart durfte ich bleiben. Problem: Die Kaderplanung der Vereinsführung war katastrophal. Also ging es wieder bergab.

Zum fünften Mal für Sie.

Ich habe aber in der Abstiegssaison nur zweimal gespielt.

Abschließende Frage an den Fachmann: Wer steigt am Wochenende ab?

Stuttgart, ganz klar. Da herrscht die meiste Unruhe. Der Platzsturm am vergangenen Wochenende war ja bloß die Krönung. Bremen wird sich retten, mit den tollen Fans im Rücken. Frankfurt geht in die Relegation.

Von Patrick Hoffmann

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