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Jerome Boateng – der gute
 Nachbar

Porträt des Nationalspielers Jerome Boateng – der gute
 Nachbar

Jérôme Boateng ist in Deutschland geboren, er ist hier aufgewachsen, er ist deutscher Fußballweltmeister. Warum muss jemand wie er noch immer beweisen, dass er zu Deutschland gehört? Eine Spurensuche an dem Ort, der ihn seit seiner Kindheit prägte – dem Berliner Wedding.

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Jerome Boateng.

Quelle: dpa

Berlin. Ausgerechnet hier fehlt der Stern. Als habe es diesen Titel nie gegeben, als sei Jérôme, ihr Jérôme, nie Weltmeister geworden. Natürlich, der Trinker trägt einfach ein altes Deutschlandtrikot, es hat nur drei Sterne, drei Sterne für drei Weltmeisterschaften, 54, 74, 90. 2014 fehlt. Wahrscheinlich hatte er kein Geld für ein neues Trikot, ganz einfach.

Hier jedoch, neben dem berühmtesten Fußballkäfig der Republik, bekommt der fehlende Stern auf der Trinkerbrust natürlich rasch etwas Symbolisches. Dabei wären sie doch nirgendwo froher als hier, ihn zum Nachbarn zu haben, hier, in dem Drahtkäfig an der Panke im Berliner Wedding. Hier, wo Jérôme Boateng im Licht geklauter Baustellenlampen manchmal bis Mitternacht kickte.

Unklug, infam, ahnungslos

Über diesen Jérôme Boateng hat der AfD-Vize Alexander Gauland am Wochenende einen sehr unklugen Satz gesagt. Er lautet: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Der Satz war strategisch unklug, weil er so kurz vor der Fußball-Europameisterschaft die Fußballfans gegen Gauland aufbrachte. Er ist infam, vielleicht auch rassistisch, weil er den Fußballprofi Jérôme Boateng auf seine dunkle Hautfarbe reduzierte. „Niederträchtig“, so nannte Angela Merkel gestern diesen Satz.

Und obendrein zeugt er von gewaltiger Ahnungslosigkeit. Weil es wohl selbst im Fußball wenige Geschichten gibt, die so viel von gelungener Integration handeln wie die von Jérôme Boateng vom Deutschen Meister FC Bayern München.

Drei Brüder, drei Schicksale

Die Geschichte der Boatengs ist die Geschichte dreier Brüder. Da ist der älteste, George, der mal ein großes Fußballtalent war und dann auf eine schräge Bahn geriet. Da ist Kevin, der ein Star wurde, aber den die Deutschen nie so recht lieben lernten.

Und da ist Jérôme, der am Sonntag, als Gaulands Satz in der Zeitung steht, die Kapitänsbinde der deutschen Fußballnationalmannschaft trägt. Zum zweiten Mal, als Vertretung. Er möchte gern dauerhaft erster farbiger Kapitän eines deutschen Teams werden, hat der 27-Jährige gesagt. Und angefügt: „Natürlich wäre es auch ein Zeichen.“

Die Geschichte der Brüder Boateng gleicht einer Versuchsanordnung: Was muss passieren, damit Integration gelingt? Aber auch: Muss sich jemand integrieren, der in Deutschland geboren wurde, die deutsche Staatsbürgerschaft hat und in Deutschland Geld verdient? Und wann wären die Boatengs wohl auch für einen wie Alexander Gauland Deutsche?

Der Vater der drei, Prince Boateng, ist knapp dreißig, als er zu Beginn der Achtzigerjahre von Ghana nach Deutschland kommt. Er will hier BWL studieren, doch nach einem Putsch in seiner Heimat zahlt der Staat sein Stipendium nicht mehr. Seine deutsche Freundin, Christine, bringt 1982 George zur Welt. Um sie zu ernähren, arbeitet er tagsüber auf dem Bau und legt nachts Platten auf. Als 1987 Kevin zur Welt kommt, sind die Eltern bereits geschieden.

„Mach den Neger fertig!“

Im Wedding sitzt am Montag ein Mann in seinem Afroshop, der den Vater Prince gut kennt. A-One Thomas heißt er, er war einmal der Nachbar von Prince, sie stammen aus demselben Dorf in Ghana. Seit 20 Jahren betreibt er seinen Shop. Von der Decke hängen Haar-Extensions, Bananen- und Bierkisten füllen den Verkaufsraum, in der Tiefkühltruhe liegt Fisch.

Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass die Boateng-Brüder mehr Glück in Deutschland hatten als A-One Thomas, aber beklagen will er sich nicht. A-One Thomas beschäftigt sich weder viel mit Gauland noch mit Umfragen, aber er hat seine Erfahrungen.

„Es ist besser geworden mit dem Rassismus gegen uns“, sagt er nachdenklich. „In den Neunzigern war es hart. Die Leute sind entspannter heute.“

Den AfD-Gauland meint er damit eher nicht.

Prince Boateng heiratet später ein zweites Mal, nun eine Stewardess. Sie ist die Mutter des 1988 geborenen Jérôme. Er, George und Kevin sind also Halbbrüder – und wachsen sehr unterschiedlich auf. George und Kevin werden im bunten, rauen Wedding groß. Jérômes Heimat hingegen ist das bürgerliche Wilmersdorf.

Der wichtigste Unterschied ist aber vielleicht die Präsenz des Vaters: Kevin und George, die Kinder aus erster Ehe, bekommen ihn jahrelang kaum zu Gesicht. Auch Jérôme ist ein Scheidungskind. Seine Eltern trennen sich, als er fünf ist. Sein Kontakt zum Vater reißt jedoch nicht ab.

Er ist da und richtet Jérôme auf – zum Beispiel als in der D-Jugend der Vater eines Gegenspielers „Mach den Neger fertig!“ brüllt und Jérôme in Tränen ausbricht. Als George und Kevin solche Sprüche hören, ist da kein Vater, der sie tröstet. Für Michael Horeni, Autor der Biografie „Die Brüder Boateng“, ist es diese andere Erfahrung, die viel über diese unterschiedlichen Charaktere erklärt.

Ein Foul und die Folgen

Seine Halbbrüder lernt Jérôme erst mit acht näher kennen. Bald jedoch verbringen sie viel Zeit miteinander – meist auf diesem Bolzplatz mit Drahtkäfig an der Panke. „Der Käfig“, sagte George später, „ist der Anfang von allem.“ Es ist der Beginn einer besonderen Nähe, aber auch einer großen Rivalität. Kevin will sein Terrain verteidigen, „die Panke war mein Zuhause“, sagt er. Jérôme, der Junge aus Wilmersdorf, will zeigen, dass er im rauen Wedding mithalten kann. „Ich war schüchtern, als ich dorthin kam“, sagt er später. „Aber im Käfig habe ich mich verändert.“

Von hier aus, von der Panke, verzweigen sich die Wege. Sie führen zu jenem Foul an Michael Ballack, mit dem Kevin-Prince Boateng, mittlerweile Nationaspieler in Ghana, 2010 in Deutschland zur Unperson wurde. Sie führen ins Gefängnis Moabit, in dem George irgendwann landete. Heute macht er Musik. Und sie führen zum Silbernen Lorbeerblatt, das der Bundespräsident Christian Wulff Jérôme Boateng überreichte.

Die Zeiten sind besser geworden, da sind sie sich einig im Wedding. Aber das heißt nicht, dass es leicht wäre. „Wir müssen uns hier anpassen, wir Ausländer“, sagt Bäckereibesitzer Berat an der Pankstraße. Er verkauft türkische Kekse, Sesamringe und Fladenbrote und trägt eine Brille wie Jérôme Boateng.

Wenn Berat spricht, wird die harte, laute Badstraße mit ihren Dönerläden, Friseuren und Schönheitssalons mit Sonderpreisen fürs Augenbrauenzupfen zum sanften Kiezparadies – und die Boateng-Brüder ihre verehrten Botschafter. „Wir sind hier alle Nachbarn, wir kommen alle miteinander klar“, sagt er.

Aber wenn Berat weiterspricht, ist klar, dass er die deutsche Mehrheitsgesellschaft woanders sieht, außerhalb des Wedding. Es gibt die „Deutschen“ und die „Ausländer“. Natürlich jubelt Berat für Boateng und die deutsche Mannschaft. Er zählt die Spieler auf und lächelt: „Ist doch klar! Sind ja fast alles Ausländer!“

Von Jan Sternberg

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