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„Ich wurde geknebelt und nackt ausgezogen“

Paul Scharner im Interview „Ich wurde geknebelt und nackt ausgezogen“

Paul Scharner galt immer als Fußballrebell. In einem erstaunlich offenen Interview rechnet er jetzt mit einer gesamten Branche ab: „Fußballprofis sind charakterlich verdorben!“

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Fußballrebell: Paul Scharner.

Quelle: dpa

Herr Scharner, sind Fußballprofis verdorben?
Viele. Sie sind vom Geld verdorben. Sie sind charakterlich verdorben! Speziell in England. Aber das ist kein Wunder, wenn man mit 20 Millionär ist.

In Ihrem Buch „ Position Querdenker“ erzählen Sie vom Pastern, einer seltsamen österreichischen Tradition. Was muss man sich darunter vorstellen?
Da kommt im Trainingslager die Mannschaft in dein Zimmer, in meinem Fall, als ich 21 Jahre alt war und bei Austria Wien. Ich wurde geknebelt, ins Bett gedrückt, nackt ausgezogen. Dir wird Schuhcreme auf den Hintern geschmiert - und dann mit den Badeschlappen immer drauf. Damit sollen junge Spieler gefügig gemacht werden. Das Absurde ist, dass die Kollegen erwarten, dass man anschließend mit ihnen Bier an der Bar trinkt. Da habe ich nicht mitgemacht. Ich habe mir nach dem Pastern gesagt: Auf dem Platz bringe ich meine beste Leistung, aber mit euch will ich nichts mehr zu tun haben.

Sie gelten als Fußballrebell. Sind Sie durch dieses Erlebnis dazu geworden?
Dadurch bin ich zum Einzelsportler im Fußball geworden, weil ich nur noch selten an den sozialen Aktivitäten der Mannschaft teilgenommen habe.

Wie haben Sie den Druck ausgehalten, Außenseiter in einer Mannschaft zu sein?
Fußball ist ein Machogeschäft, man darf keine Schwäche zeigen. Mir kam es auf Ehrlichkeit, Treue, Herzblut, Identifikation an. Ich komme aus einem bodenständigen Elternhaus. Es gibt viele, die wollen nur Halligalli und dass das Geld weiter fließt. Mich hat im Fußball-Business enttäuscht, dass nicht jeder alles für den Erfolg tut und ein Millionengehalt mit absoluter Professionalität halbwegs rechtfertigt.

Wenn man Ihre Geschichte hört, wenn man David Beckhams Geschichte hört, der vor der Mannschaft masturbieren musste: Was sind das für Typen, die den Ton angeben?
In meinem Fall war es ein Spieler mit einem Alkoholproblem. Und wenn ich mir die Mannschaft anschaue, in die David Beckham aufgenommen wurde: Da waren ein Roy Keane und andere Konsorten …

Wie haben Sie es geschafft, nicht genauso abzustumpfen, nicht zu sagen, ich ziehe jetzt doch mit?
Man muss sich eine harte Schale aneignen. Ich bin abgestempelt worden. In Österreich hieß es: „Ach, der Scharner, der Verrückte.“ Das muss man aushalten. Durch den Vorfall mit dem Pastern war ich im Beruf anders als im Privaten. Stur, geradlinig, die Ellbogen ausgefahren. Zu Hause war ich der fürsorgliche Familienvater.

Bei der Meisterfeier 2003 ging es mit dem Mannschaftsbus der Austria zum Feiern ins Rotlichtviertel. Sie wollten nicht und galten danach als schwul, was in Fußballerkreisen offenbar als entsetzlich gilt.
(lacht) Die haben allen Ernstes gefragt: Hat der Paul eine Freundin oder ist er schwul? Die Taktik dahinter war klar: Man wollte mich so sehr unter Druck setzen, dass ich doch auf den Zug aufspringe. Aber ich habe mein Privatleben immer privat gehalten. Meine Frau hat mich sehr selten zu Spielen begleitet.

Im Nationalteam haben Sie einmal selbst hingeschmissen, einmal sind Sie rausgeflogen, weil Sie in einem Interview auf den Putz gehauen hatten. Wie kam es zu dem Rücktritt?
Wir bekamen den Zuschlag für die EM 2008 gemeinsam mit der Schweiz. Es wurde in Österreich aber nichts unternommen, um dort erfolgreich zu sein. Das hat mir irgendwann gereicht. Der olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“ war mir zu wenig. Darum bin ich 2006 zurückgetreten.

Auch im Klub sind Sie mal rausgeflogen - Trainer damals: Joachim Löw.
Löw ist zu einer Zeit zu Austria gekommen, als Frank Stronach als Mäzen schon dreieinhalb Jahre herumgefuhrwerkt hatte. Löw war in dieser Zeit mein elfter Trainer. Bis dorthin hatte ich 75 Kollegen - und war Eigengewächs. Bis auf Stürmer und Torwart wurde ich auf jeder Position eingesetzt. Wir haben dann 2003 im Uefa-Cup gegen Dortmund gespielt. Daheim haben wir 1:2 verloren, ich spielte im rechten Mittelfeld. Danach bin ich zu Löw ins Büro: „Herr Löw, ich kann auf dieser Position der Mannschaft nicht helfen. Ich möchte auf meinen Stammplatz verzichten und dafür irgendwann die Chance im defensiven Mittelfeld bekommen, egal wie lange es dauert.“ Löw hat gesagt: „Passt!“ Einen Monat später, der rechte Mittelfeldspieler war nicht gut. Da hat mich Löw hergeholt und gesagt, dass er mich im rechten Mittelfeld einwechseln wolle. Ich habe mich geweigert. Wir hatten doch einen Deal! Löw ist mir wenige Monate später gefolgt, weil der Präsident gefordert hatte, dass der Sportdirektor mit auf der Ersatzbank sitzt. Da hat sich Löw geweigert. (lacht)

Sie haben Ihre Karriere nach einer Station beim Hamburger SV beendet.
In Deutschland bin ich noch mal so richtig auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Was ich beim HSV erlebt habe, mit dem Politisieren, dem Lobbyismus … Alle wollten mitreden, alle hatten eigene Interessen, haben nicht das große Ganze gesehen. Mich hatte noch Sportdirektor Frank Arnesen geholt, Trainer Thorsten Fink wollte aber die Spieler, die Arnesen geholt hat, nicht spielen lassen. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass es in Deutschland, wo solch ein erfolgreicher Fußball gespielt wird, teilweise ähnlich amateurhaft funktioniert wie in Österreich.

Kuriose Aufnahmerituale

Singen gehört nicht zu den Kernkompetenzen eines Fußballspielers. Trotzdem tun es die meisten dann doch, wenn sie neu in eine Mannschaft kommen. Marco Reus etwa musste, als er 2012 von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund wechselte, vor seinen Teamkollegen auf einen Stuhl steigen und die Tormusik von Scooter aus dem Borussia-Park trällern: „Döpdöpdöp.“ Ähnlich erging es Stürmerstar Andrej Schewtschenko beim FC Chelsea. Er sang „We Are the Champions“. Allerdings traf er keinen Ton und wurde strafend mit Brötchen beworfen. Besser machte es Michael Ballack, der einen Schlager von Peter Cornelius aufführte.
Ein kreatives Aufnahmeritual haben die Bolton Wanderers. Beim Premier-League-Klub traten neue Spieler zum „Toilet Race“ an. Auf selbst gebastelten Gokarts mit Toilettensitz galt es, einen Parcours zu bewältigen. Bei anderen Klubs hatten die Neuen die Aufgabe – typisch englisch –, das Team zu einem Kneipenabend einzuladen.
Auch in anderen Sportarten werden neue Mitspieler ganz besonders aufgenommen. Der Handballer Milos Dragas musste beim Bergischen HC Herrenwitze erzählen. Björn Werner war in der NFL bei den Indianapolis Colts der Wasserträger für seine Teamkollegen, musste singen und Mittagessen holen. Basketballer Dennis Schröder half bei den Atlanta Hawks beim Wäschewaschen und musste die Autos der etablierten Profis putzen. In die Kategorie „demütigend“ fallen Aufnahmerituale bei einigen NFL-Teams. Spieler mussten ein Bier mit einem lebenden Goldfisch darin trinken oder sich vor versammelter Mannschaft den Intimbereich rasieren.     

Interview: Sebastian Harfst

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