Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
"Ich dachte: Das war's - ich bin tot"

Schwuler Schiedsrichter erhält Morddrohungen "Ich dachte: Das war's - ich bin tot"

Der türkische Fußballverband macht die Homosexualität eines Schiedsrichters öffentlich und zerstört damit nicht nur dessen Karriere, sondern auch dessen Leben. Doch Halil Ibrahim Dincdag wehrt sich und zieht vor Gericht. Hier erzählt er seine Geschichte.

Voriger Artikel
Meistertrainer Dettmar Cramer gestorben
Nächster Artikel
Mainz gewinnt 3:1 gegen Hoffenheim

Halil Ibrahim Dincdag

Quelle: dpa (Archiv)

Hannover. Halil Ibrahim Dincdag träumt von der ersten Liga. Von den großen Derbys in Istanbul. Von Besiktas, Galatasaray, Fenerbahce. Dincdag ist damals Anfang 30 und erfolgreicher Fußball-Schiedsrichter in der zweiten türkischen Liga. Er hat gute Chancen aufzusteigen. Er muss bloß noch den Militärdienst absolvieren. Keine gute Idee, glaubt Dincdag. Er hat viele Geschichten gehört darüber, wie es Homosexuellen bei der türkischen Armee ergangen ist. Homosexuellen wie Halil Ibrahim Dincdag.

Als er im Oktober 2008 eingezogen wird, vertraut er sich den Ärzten an. Sie mustern ihn aus, was gängige Praxis ist in der Türkei. Dincdag wusste das, er ist zufrieden. Was er nicht ahnt: Der türkische Fußballverband wird misstrauisch, erkundigt sich beim Militär – und sperrt Dincdag aus „gesundheitlichen Gründen“. Der junge Mann aus Trabzon hält alles für ein Missverständnis, will die Sache aufklären und schickt die streng vertraulichen Militärunterlagen an den türkischen Fußballverband. Eine Antwort bekommt er nicht. Stattdessen steht Dincdags Geschichte plötzlich in der zweitgrößten Zeitung des Landes.

Herr Dincdag, erinnern Sie sich noch an die Sekunde, als Sie den Artikel entdeckt haben?
Ein Freund von mir rief mich im Büro an. Er sagte: „Halil, ich habe einen Artikel über einen schwulen Schiedsrichter aus Trabzon gelesen? Bist du das?“ Ich war baff und habe mir sofort die Zeitung geholt. Als ich den Artikel über mich gelesen habe, war ich geschockt.

Ihr Name wurde im Artikel nicht genannt, allerdings Ihre Initialen. Wusste der Freund über Ihre Homosexualität Bescheid?
Ja, er war der Einzige.

Sie sind dann in die Offensive gegangen und haben ein Interview in einer großen türkischen Fernsehsendung gegeben. Warum?
Die türkischen Medien haben mich wegen des Zeitungsartikels rund um die Uhr angerufen, wollten Interviews haben. Tag für Tag wurde mehr über mein Privatleben berichtet. Es fühlte sich an, als würde ein Rudel Löwen auf mich zurennen. Wie sollte ich mich in dieser Situation bitte schön verhalten? Ich musste das beenden. Also habe ich dieses Interview gegeben.

Ein Coming-out vor einem Millionenpublikum. In einem Land, das Homosexuelle noch immer stark diskriminiert. 
Ich wusste bis zur letzten Sekunde nicht, ob ich das wirklich machen sollte. Aber als das Interview dann losging, war ich sehr klar im Kopf. Ich fühlte mich gut. 

Das Interview mit Halil Ibrahim Dincdag läuft live in der populären Fußballsendung „Telegol“. Die Atmosphäre im Studio ist angenehm, findet Dincdag. Er sitzt an einem großen Tisch, gemeinsam mit dem ehemaligen türkischen Fifa-Schiedsrichter Ahmet Cakar und dem Moderator der Sendung. Dincdags Gesicht wird anfangs verpixelt. „Erst nach fünf Minuten haben sie mich gefragt, ob sie mein Gesicht zeigen dürfen“, erinnert sich Dincdag. „Ich war natürlich einverstanden.“ Er spricht offen über seine Homosexualität und darüber, wie er vom Fußballverband diskriminiert wird. Nach einer Stunde ist alles vorbei.

Wie ging es Ihnen direkt nach dem Interview?
Da ist mit einem Mal der ganze Stress abgefallen. Ich dachte: Das war‘s. Das Leben von Halil Ibrahim Dincdag ist vorbei. Ich bin tot. Ich wusste nicht, wie es weitergeht, wie meine Familie und Freunde reagieren würden. Sie hatten ja bis dahin nichts von meiner Homosexualität gewusst.

Wie bitte? Sie haben mit Ihrer Familie nicht vorher gesprochen?
Nein. Als das Interview vorbei war, habe ich das Handy deshalb bis Mitternacht ausgeschaltet. Die Erste, die mich dann wieder erreicht hat, war meine Schwester. Sie hat mir erzählt, dass unsere Mutter die ganze Zeit geweint hat. (Dincdags Stimme versagt, er ringt nach Worten, kämpft gegen die Tränen.) Dann ging meine Mutter ans Telefon und sagte: „Du bist unser Sohn, du bist Teil dieser Familie, egal was passiert. Bitte verlasse uns nicht!“

Sie hat gedacht, Sie würden das Land verlassen?
Ja.

Haben Sie denn darüber nachgedacht?
Nein! Dann hätte ich das Gefühl gehabt, alle Homosexuellen in der Türkei zu betrügen. Wenn Halil Ibrahim Dincdag das Land verlässt, werden andere das vielleicht auch machen. Aber das will ich nicht. Ich will, dass die Leute bleiben und für ihre Rechte kämpfen.

Sie sind in der Türkei geblieben, haben aber Ihre Heimatstadt Trabzon verlassen. Warum?
Trabzon ist eine kleine Stadt in einer konservativen Region, da konnte ich nicht bleiben. Mir wurde der Job gekündigt. Und ich habe viele Drohbriefe erhalten, Morddrohungen. Darin stand, dass ich mit meinem Coming-out den Ruf der Türkei beschädigt hätte, dass ich das Land verlassen solle und dass sie mich ansonsten töten würden. Diese Nachrichten erhalte ich übrigens bis heute.

Sie leben in Istanbul. Geht es Ihnen dort besser?
Nicht wirklich. Ich finde keinen Job, nur weil ich homosexuell bin. Zum Glück erhalte ich finanzielle Unterstützung von meiner Familie. Was mein Leben betrifft: Ich habe einen Weg gefunden, wieder aufzustehen, wieder zu gehen. Mehr noch: Heute renne ich durchs Leben.

Dennoch: Würden Sie das Fernsehinterview heute noch einmal geben?
Ich glaube, dass ich meine Schritte damals sehr vorsichtig gemacht habe. Ich wäre nur gerne schon so selbstbewusst gewesen wie ich es heute bin. Ich hätte etwas mehr Stärke gebrauchen können in dieser Phase, zumal meine Mutter kurz nach meinem Coming-out auch noch an Krebs gestorben ist.

Heute würde wohl keiner mehr daran zweifeln, dass Sie stark sind. Sie führen einen anstrengenden Prozess gegen den türkischen Fußballverband, klagen auf Schmerzensgeld und Schadenersatz.
Der Prozess steht kurz vor dem Ende. Es geht ja vor allem darum, dass meine Privatsphäre verletzt wurde. Die Beweislage ist eindeutig, ich werde diesen Fall gewinnen. Aber der Verband versucht alles, das Verfahren in die Länge zu ziehen.

Heute, so hofft der inzwischen 38 Jahre alte Dincdag, soll das Urteil endlich gesprochen werden. Doch nicht nur der Prozess gegen den türkischen Fußballverband zieht sich in die Länge. Auch Dincdags Schiedsrichtersperre gilt bis heute. Er darf nicht mal Amateurspiele leiten. Offizielle Begründung: Halil Ibrahim Dincdag leide an „psychosexuellen Störungen“. So steht es in der Gesundheitsakte, die das türkische Militär bei der Ausmusterung vor sieben Jahren erstellt hat. Aus diesem Grund hatte ihn der türkische Fußballverband damals von der Liste gestrichen. Dass das Militärgesetz inzwischen geändert wurde, Homosexualität nicht mehr als Krankheit geführt wird und Dincdag demnach längst wieder Spiele leiten dürfte, ignoriert die Schiedsrichterkommission beharrlich. Dincdags Antrag auf Zulassung wird Jahr für Jahr abgewiesen. Kommentarlos.

Vermissen Sie es, als Schiedsrichter auf dem Platz zu stehen?
Allein von der Frage bekomme ich eine Gänsehaut. Ich liebe es, Schiedsrichter zu sein. Nach meiner Suspendierung war ich lange Zeit nicht mal mehr in der Lage, mir ein Fußballspiel im Stadion anzusehen. Ich habe 14 Jahre lang gepfiffen und auf ein großes Ziel hingearbeitet, die erste türkische Liga. Und dann wird mir das einfach genommen. Ich bin immer noch unendlich traurig.

Haben Sie denn noch Kontakt zu ehemaligen Schiedsrichterkollegen?
Nein. Sie dürfen keinen Kontakt zu mir haben, sonst wird ihnen ebenfalls die Lizenz entzogen. Da hat der Fußballverband intern sehr viel Druck ausgeübt.

Trotzdem wollen Sie eines Tages wieder als Schiedsrichter auf dem Platz stehen?
Auf jeden Fall. Ich weiß, dass ich keine Chance mehr auf die erste Liga habe, nach allem, was passiert ist. Aber dann leite ich halt Spiele in der Amateurliga.

Die möglichen Reaktionen von Spielern und Zuschauern machen Ihnen keine Angst?
Das wollten diese Menschen mit ihren Drohbriefen doch bloß erreichen. Dass ich Angst bekomme und aufhöre. Aber sie haben genau das Gegenteil erreicht. Sie haben einen ganz neuen Halil Ibrahim Dincdag aus mir gemacht. Ich kämpfe für mein Recht!

Haben Sie Pläne für die Zukunft?
Mein erstes Ziel ist es, diesen Rechtsstreit zu gewinnen. Danach will ich als Schiedsrichtervertreter im türkischen Fußballverband arbeiten. Und ich möchte in die Politik gehen. Es wird Zeit, den Kampf gegen Homophobie ins türkische Parlament zu bringen.

Interview: Patrick Hoffmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fußball
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wie hat mein Verein gespielt

Von Kreisliga bis Bundesliga: Hier finden Sie alle Fußball-Ergebnisse.

Recken besiegen HSC 2000 Coburg

Die TSV Hannover-Burgdorf bleibt sich treu in der Handball-Bundesliga. Starken Auftritten folgen Zitterpartien, und so wurde es am Sonntag gegen den HSC 2000 Coburg nichts mit dem allseits erwarteten klaren „Recken“ -Erfolg.

Die HAZ-Sportexperten schreiben gemeinsam den RotenBlog
27. November 2016 - Christian Purbs in Allgemein

Und wieder zwei Punkte weg. Und wieder war mehr möglich für die „Roten“. Auch wenn Daniel Stendel die Tore nicht selbst schießen kann, was er garantiert am liebsten machen würde, in Düsseldorf gab auch der 96-Trainer keine glückliche Figur ab.

mehr
Anzeige