So ganz genau wollen sie nicht mit der Geschichte herausrücken, was denn nun dem Meisterpokal widerfahren ist. Die Trophäe soll anlässlich der turbulenten Feiereien nach dem Gewinn des Eishockey-Meistertitels im April ordentlich was abbekommen haben; es macht sogar das Gerücht die Runde, dass die Profis der Hannover Scorpions ein neues Model beschaffen mussten – das alte sei nicht mehr zu reparieren gewesen.
Kratzer und Dellen am Meisterpokal, das könnte auch sinnbildlich gelten für den Titelgewinn, den die Scorpions so überraschend in der vergangenen Saison errungen hatten. Denn dem Triumph folgten Turbulenzen, Klubbesitzer Günter Papenburg drohte mit der Einstellung des Spielbetriebs. Am Freitag beginnt sie nun, die neue Eishockey-Saison, und natürlich ist der Titelverteidiger mit von der Partie. In Wolfsburg (19.30 Uhr) startet der Meister, und weil angesichts des Sommertheaters um eine Installierung einer Besitz- und Betreibergesellschaft für die TUI Arena allzu viel Arbeit liegengeblieben ist, weiß Geschäftsführer Marco Stichnoth nicht so recht, wie er seine Befindlichkeiten einordnen soll. „Die Saison kommt zu früh, um sich darauf zu freuen“, sagt er.
Der 43-Jährige steht vor einer schwierigen Aufgabe, deren Bewältigung nach dem Streit um die TUI Arena noch dringender wird: Stichnoth will und muss den Eishockeyklub vom Mäzenatentum Papenburgs emanzipieren. Dass die Streitigkeiten im Sommer eher hinderlich in diesem Bestreben gewesen sind, bestreitet er jedoch. „Ich sehe nicht den Markt, den wir liegengelassen haben. Ich weiß nicht, ob es ohne den Trubel genau so positiv gekommen wäre.“ Stichnoth spricht von großem Interesse neuer Sponsoren. „Es läuft besser als erwartet“, sagt er, „bis Ende September wissen wir mehr.“
Und auch die Fans helfen ordentlich mit. Schon jetzt gibt es einen beachtlichen Dauerkartenrekord. Mehr als 2 100 Saisontickets sind verkauft; doppelt so viele wie in der Meistersaison. Doch ob das alles reicht, um die Millionen Euro am Ende aufzufangen, die Papenburg Jahr für Jahr hinblättern musste, um den Etat auszugleichen? „Wir haben alle Einsparungen vorgenommen, die möglich sind. Zum Teil zu Lasten der Professionalität“, sagt Stichnoth, der seinen Blick natürlich schon in die Zukunft richtet. „Wir haben derzeit sehr hohe Gehaltskosten. 16 Verträge laufen aus“, sagt er, „entweder sind die Spieler nach der Saison bereit zu verlängern oder wir suchen uns neue.“ Leistungsträger und Sympathieträger wie Thomas Dolak und Patrick Köppchen zählen dazu.
Der Vermutung, dass die neue Spielzeit unter diesen Vorzeichen vorerst die letzte sein könnte, in der die Scorpions ganz oben mitmischen, widerspricht der Geschäftsführer allerdings. „Das wäre ein falscher Anspruch. Vizemeister Augsburg hat gezeigt, dass man auch mit wenigen Mitteln um den Titel mitspielen kann“, sagt Stichnoth, der sich und sein Trainerteam um Toni Krinner in die Pflicht nimmt. „Wir müssen uns nach neuen Spielern tiefer und intensiver als zuvor umschauen.“
Vor dem Ende der neuen Saison soll es jedenfalls keine Vertragsverhandlungen geben. „Wir spielen die Saison, und dann machen wir einen Strich“, formuliert Stichnoth, der damit den Fans ihre größte Sorgen quasi zwischen den Zeilen nimmt: Ganz gleich, wie der Streit um die TUI Arena ausgehen mag, Papenburg wird seinen Eishockeyklub nicht mitten in der Saison hängenlassen. Dem Unterfangen, die Scorpions auf eigene Beine zu stellen, verschafft das zudem ein wenig Aufschub. 22 Millionen Euro hatte Bauunternehmer Papenburg in den vergangenen Jahren in den Klub gesteckt. Dass der Verein demnächst auf das Geld des Mäzens verzichten muss, ändert nichts an der Dankbarkeit Stichnoths. „Günter Papenburg“, sagt der Geschäftsführer, „wird immer ein Teil der Scorpions bleiben.“
Hannover Scorpions sind nur Außenseiter
Für die Sportart Eishockey ist es eine bemerkenswerte Kontinuität, die die Hannover Scorpions an den Tag legen. Im Stamm des Meisterteams, das am Freitag in Wolfsburg in die neue Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) startet, hat es im Grunde nur einen Wechsel gegeben. Und dass statt Rainer Köttstorfer (nach Hamburg) künftig Paul Manning (aus Hamburg) in der Abwehr spielt, sollte den Titelverteidiger zumindest auf dem Blatt nicht schwächen.
Einer erfolgreichen Titelverteidigung steht also nichts im Wege, könnte man meinen. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn schon vor dem Saisonstart gibt es Verletzungssorgen: Stürmer Ben Cottreau fällt auf unbestimmte Zeit wegen einer Gehirnerschütterung aus, Kapitän Tino Boos ist ebenfalls bis auf Weiteres mit einer Schambeinentzündung außer Gefecht. Vom Genesungsverlauf bei beiden Angreifern wird es wohl abhängen, ob Testspieler Ryan Maki einen Vertrag in Hannover erhält.
Vor allem aber steht mit Toni Krinner ein neuer Trainer an der Bande, der zudem ein völlig neues Spielsystem mitbringt: Der Coach, der vom Auftaktgegner Wolfsburg kam, lässt wesentlich offensiver agieren als sein Vorgänger Hans Zach. Viel Arbeit verbrachte Krinner deshalb in der Vorbereitung mit dem Üben des neuen Systems – offenbar mit Erfolg. „Die Spieler münzen das, was der Trainer vorgibt, hervorragend um. Aber dennoch braucht es etwas Zeit“, sagt Marco Stichnoth. Das größte Plus der Mannschaft sieht der Scorpions-Geschäftsführer ohnehin in der Geschlossenheit und in der charakterlichen Stärke. „Die größte Qualität ist sie selbst“, sagt er – und sieht dennoch andere Teams in der Favoritenstellung: „Mannheim und Berlin, dann kommen die anderen.“
Mit dieser Einschätzung liegt Stichnoth durchaus im Trend: In einer Umfrage nannten acht der 14 DEL-Trainer die Berliner als Favoriten auf die Meisterschaft, sieben Coaches trauen Mannheim den Coup zu, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. Auf eine einzige Stimme brachten es die dabei Scorpions, der Nürnberger Trainer Andreas Brockmann glaubt an Hannover oder Wolfsburg. „Die haben beide ein eingespieltes Team.“
Krinner hingegen setzt wie sein Chef Stichnoth auf einen der Großen: „Mannheim muss man immer auf dem Zettel haben – dort gibt es Top-Voraussetzungen und ein intaktes Umfeld“, sagt der 43-Jährige.
mit dpa
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