Man musste zuletzt schon genau aufpassen, um in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) den Überblick zu behalten. Und das war gar nicht so leicht. Fast im Wochentakt gab es neue Hiobsbotschaften von den Klubs.
Finanzprobleme hier, Gerichtsverfahren dort – und mittendrin Meister Hannover Scorpions, bei dem Besitzer Günter Papenburg wegen den stockenden Verhandlungen um die TUI Arena offen mit der Rückgabe der Lizenz drohte. Das Bild, das die deutsche Eliteliga vor dem Start in ihre 17. Saison abgibt, ist verheerend. Und weil Besserung nicht in Sicht ist, fordert Marco Stichnoth nun eine umfangreiche Ligareform: Wiedereinführung von Auf- und Abstieg, Abschaffung der Mindestgrößen von Eisstadien und der Zusammenschluss von DEL und Deutschem Eishockey-Bund (DEB) unter einem gemeinsamen Dach – kaum ein Stein, den der Scorpions-Geschäftsführer auf dem anderen lassen will.
Den Grund für die von ihm geforderte Radikalkur zur Gesundung des deutschen Eishockeys nennt der 44-Jährige mit viel Offenheit: „Die jüngste Erfahrung lehrt uns, dass unser jetziges Konstrukt irgendwann kollabiert“, sagt er. Und wenn man ehrlich ist, sind die Anzeichen dafür bereits deutlich zu erkennen: Die Kölner Haie und die Krefeld Pinguine standen angesichts finanzieller Schwierigkeiten bereits in der vergangenen Saison vor dem Aus. Beide Klubs machen nun doch weiter, dafür fehlt mit den Frankfurt Lions der Meister von 2004, bei dem wegen Verbindlichkeiten in Höhe von einer Million Euro die Lichter ausgingen. Dazu kamen das Theater um die Kassel Huskies, die sich nach dem Lizenzentzug wegen ihres Insolvenzverfahrens vergeblich zurück in die Liga zu klagen versuchten, und eben das Zittern um die Scorpions.
Speziell die Vereine, die in modernen Multifunktionsarenen spielen, geraten immer mehr in Schwierigkeiten. Sinkende Zuschauereinnahmen machen neben den Scorpions auch den Konkurrenten aus Düsseldorf, Krefeld, Köln und Hamburg zu schaffen. Lediglich in Berlin und Mannheim sind die Arenen regelmäßig voll. Das Potenzial für 5000 Zuschauer sei laut Stichnoth an jedem der kränkelnden
DEL-Standorte vorhanden. Doch das ist zu wenig für die großen Hallen mit teilweise mehr als doppelt so vielen Plätzen. Und so müssen vielerorts eben Gesellschafter wie Papenburg in Hannover die Verluste ausgleichen. Doch die sind dazu immer seltener bereit oder in der Lage. „Wenn ein Sport nur von den Investoren lebt, ist es schwierig“, sagt der Scorpions-Geschäftsführer. „Es geht nur, wenn man die Belastung auf mehrere breite Schultern verteilt. Deshalb werden bei allen Klubs die Etats runtergehen.“
Doch das allein werde nicht ausreichen, meint Stichnoth. Er möchte deshalb auch die Mindestvoraussetzungen für Stadien in der DEL aufheben. Derzeit müssen die Spielstätten der Erstligisten mindestens 4500 Zuschauer fassen und strikte Auflagen bezüglich ihrer Ausstattung erfüllen. Die Streichung dieser Voraussetzungen hätte interessante Folgen: Klubs wie die Scorpions, Krefeld oder Düsseldorf könnten einen Teil ihrer Spiele in die kleineren Eishallen verlegen, in denen sie früher gespielt haben, um die hohen Mieten zu sparen. Nur die Topspiele mit hoher Attraktivität für die Zuschauer sowie die Play-offs würden dann noch in den Arenen austragen werden.
Zudem würde erst diese Änderung die Wiedereinführung von Auf- und Abstieg zwischen DEL und 2. Liga ermöglichen. Zwar nahm mit dem EHC München zu dieser Saison wieder einmal ein Zweitligameister einen der frei gewordenen Plätze in der Eliteliga ein. Doch noch im Jahr zuvor verzichtete mit den Bietigheim Steelers der potenzielle Aufsteiger, weil die Eishalle im Ellental nur 3300 Zuschauer fasst. Und einen sportlichen Abstieg gibt es in der DEL schon seit 2006 nicht mehr, als Kassel gegen Duisburg unterlag.
Stichnoth wählt den Vergleich mit dem „großen Bruder“ Fußball, um die von Eishockeyfans bereits seit Jahren gestellte Forderung zu veranschaulichen: „Wir müssen Klubs wie St. Pauli und Mainz auch im Eishockey wieder zulassen“, sagt er. „Dann müssen wir eben auch einmal nach Bietigheim fahren – oder vielleicht steigen ja auch die Indians auf.“
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