Ines Cronjäger war die schnellste Frau beim Hannover-Marathon und schlug nach einem starken Finish allen Favoritinnen ein Schnippchen. „Es lief an dem Tag so gut“, sagt die heute 33-Jährige, „dabei wollte ich doch nur im Vorderfeld ankommen.“ So aber galt der Beifall nach 2:42:53 Stunden ihr, und der fiel besonders herzlich aus: Nur Ines Cronjäger ist es in den fast 20 Jahren, seitdem es den Marathon in Niedersachsens Landeshauptstadt gibt, gelungen, den Sieg über die „Königsdistanz“ nach Hannover zu holen.
Viel fehlte nicht, und aus Ines Cronjäger, die seit ihrer Heirat vor zwei Jahren den Namen Harjes trägt, wäre eine „Lauf-Königin“ geworden, und das über ihre Wahlheimat Hannover hinaus. Sie galt Anfang dieses Jahrzehnts als eines der größten deutschen Marathontalente. Als 23-Jährige holte sie sich 2000 ihren ersten nationalen Titel auf dieser Strecke, vier Jahre später legte sie – ausgerechnet in Hannover und im Trikot der LGH – den zweiten drauf. 2001 lief Cronjäger in Rotterdam in 2:39:40 Stunden international ins Rampenlicht – die Sportwelt schien der jungen Frau aus dem kleinen Seesen weit offenzustehen, wo sie ihre Karriere bei Trainer Peter Greif gestartet hatte.
Doch seit 2004 ist es ziemlich ruhig geworden um die begnadete Läuferin, die seit vier Jahren in Bensheim lebt und Lehrerin am Alten Kurfürstlichen Gymnasium ist. Ihren Namen fand man 2008 weit vorn in der Liste der hessischen Meisterschaft über 10 000 Meter; Zeiten um 36 Minuten über diese Distanz – für andere ein Traum – kann sie quasi immer noch aus dem Ärmel schütteln, doch Siege, die aufhorchen lassen, fehlen. Cronjäger, die im Mai ihr zweites Kind erwartet, musste sich entscheiden: Beruf oder Sport. Und die Antwort fiel eindeutig aus. „Wenn ich wirklich den großen Erfolg angestrebt hätte“, sagt sie, „dann hätte ich nebenbei nicht noch studieren können. Dann hätte ich nur noch trainieren müssen. Doch kann man darauf sein Leben gründen?“
Der Sieg in Hannover, den sie nach der Rotterdam-Bestzeit als ihren größten Triumph bezeichnet, brachte ihr 1500 Euro ein. Ein schönes Zubrot für eine Lehramtsstudentin, aber nicht mehr. „Ich würde es heute wieder so machen“, sagt Ines Harjes. „Studieren und laufen, und das zweigleisig.“
Einen seiner schönsten Siege hat auch Kurt Stenzel in Hannover gefeiert. Das war 1993, als er als erster Deutscher an der Leine erfolgreich war. Als unübersehbares Andenken an diesen Tag im April parkt ein roter VW-Kleinbus vor seinem Haus und versieht immer noch seinen Dienst, auch wenn es für die grüne Umweltplakette nicht reicht. „Der absolut schönste Preis, den ich je gewonnen habe“, sagt der gebürtige Frankfurter, der sich auf der Georgstraße in 2:13:25 zum deutschen Meister kürte.
Bulli, Bestzeit, Bombenstimmung – die Qualifikation für die WM in Stuttgart als Draufgabe, wo er Zwölfter wurde: Da konnte Stenzel es verschmerzen, dass er den Streckenrekord in Hannover knapp verpasst hatte, nachdem er von Kilometer 32 an ein einsames Rennen an der Spitze gelaufen war. „Das hat dann richtig Spaß gemacht“, sagt er, „auch wenn der Wind am Maschsee sich bei der Zeit bemerkbar machte.“
31 Jahre alt war Stenzel damals – normalerweise beginnt da erst die Marathonkarriere. Für ihr war sie drei Jahre später schon zu Ende, und zwar unfreiwillig: Bei einem Unfall mit einem TV-Kamera-Motorrad 1996 in Frankfurt beim Ausscheid für die Olympischen Spiele erlitt Stenzel eine schwere Knieverletzung.
Die Verbindung zum Sport hält er neben seiner Arbeit als Physiotherapeut in einer eigenen Praxis ebenso aufrecht wie als Trainer einer leistungsstarken Laufgruppe in Frankfurt und als Referent auf Seminaren. Wie Cronjäger, die Studentin aus Hannover, hat er nie nur auf sein Talent gesetzt, sondern neben dem Sport stets zumindest halbtags gearbeitet. „Heute sind viele deutsche Marathonläufer Vollprofis“, merkt Stenzel an, „und was kommt dabei heraus?“
Und noch eine weitere Siegerin in Hannover kennt den Spagat, eine erfolgreiche Athletin zu sein und gleichzeitig die Zeit nach der Karriere zu planen. Claudia Dreher war 1999 hier in 2:27:55 so schnell wie keine andere Frau in all den 19 Jahren, und dies ist heute noch ihre persönliche Bestzeit. „Hannover bleibt immer in meinem Herzen“, sagt sie. Im Unterschied zu Cronjäger und Stenzel ist die international erfolgreiche Magdeburgerin, die bei 22 Marathon-Teilnahmen weltweit achtmal nicht zu bezwingen war, immer noch aktiv. Im Mai startet sie in Bern bei einem Zehn-Meilen-Rennen in die Saison, ein Marathon soll im Herbst folgen. Und dann soll nach 25 Jahren Leistungssport Schluss sein.
Das Rennen in Hannover hat die 38-Jährige aus mehreren Gründen nicht vergessen. Auch sie musste, wie Stenzel, die Sache allein zu Ende bringen, nachdem sich der Tempomacher bei Kilometer 24 verabschiedet hatte. Und dann war dann dieses Malheur, als das Ziel nicht mehr fern war und sich plötzlich die Marathonläufer mit Startern anderer Wettbewerbe in die Quere kamen. „Dieses Tohuwabohu hat mich wohl eine Minute gekostet“, sagt Dreher.
Der 2. Mai ist auch für die Geschäftsführerin einer Laufagentur ein besonderer Tag: Dann hat sie Geburtstag, wie der Hannover-Marathon. Über den habe sie zuletzt viel Gutes gehört, sagt die Profisportlerin. „Hannover macht sich.“ Ein Kompliment aus berufenem Mund.