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Der neue Chef im Mittelfeld

Fußball-EM Der neue Chef im Mittelfeld

Vor dem Turnier in Polen und der Ukraine wurde viel diskutiert über den Mann an der Seite von Führungsspieler Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld der Nationalelf. Die Rollen haben sich in den ersten vier Spielen verschoben: Sami Khedira ist im deutschen Spiel einfach überall zu finden und hält die Fäden in der Hand.

Er hat das Spielfeld bislang derart mit seiner Anwesenheit gefüllt, dass man denken kann, es muss zwei von ihm geben:Sami Khedira spielt eine überragende EM.

Quelle: dpa

Danzig. Sami Khedira hat die Diskussionen in Deutschland vor der Fußball-Europameisterschaft aus dem fernen Madrid aufmerksam verfolgt. Es ging um den Platz neben Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft. Der Name Toni Kroos wurde gehandelt, Ilkay Gündogan, Lars und Sven Bender. Auch Khediras Name fiel, aber ein wenig konnte man den Eindruck gewinnen, dass ihm dem Anschein nach nur Wenige eine Hauptrolle zutrauten.

Khedira hat das zur Kenntnis genommen, im Trainingslager in Frankreich ein Interview gegeben und die Debatte aus seiner Sicht für beendet erklärt: „Ich bin jetzt zwei Jahre Stammspieler bei Real Madrid. Ich habe eine Weltmeisterschaft als Stammspieler hinter mir und ich habe seither in der Nationalmannschaft immer gespielt, wenn ich fit war. Vielmehr muss ich dazu eigentlich nicht sagen.“ Ein paar Wochen später, vor dem Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien am Donnerstag, gibt es sehr viel zu sagen zu und über Khedira. Mesut Özil? Schweinsteiger? Der Chef im deutschen Mittelfeld war in den bisherigen vier Spielen Khedira. Auf wunderbare Weise hat er fast Unmögliches geschafft, denn niemand weiß, was dieser Khedira nun eigentlich ist: ein defensiver Mittelfeldspieler oder ein offensiver Mittelfeldspieler? Oder ein defensiver Offensivspieler? In der Fußballersprache gibt es „Zehner“, „Achter“, „Sechser“, je höher die Zahl, desto höher der Offensivanteil. Khedira ist bei dieser EM bisher ein Zehnerachtersechser.

Bundestrainer Joachim Löw hat den 25-Jährigen nach dem Viertelfinalsieg gegen Griechenland überschwänglich gelobt, was er in dieser Form nicht so häufig macht. Löw verfällt dabei gerne in einen Stenogrammstil: „Sehr gut, sehr dynamisch, sehr präsent.“ Khedira, sagte Löw, sei eine „wirkliche Führungsperson“ geworden. Einer, der den anderen auf dem Platz notfalls zur Hilfe eilen kann, wenn es hakt. „Er ist gut für die anderen, die um ihn herum spielen.“ Aus Löws Mund ist das ein Kompliment mit doppeltem Sternchen.

Als „Chef, der die Probleme nicht delegiert, sondern selbst löst“, hat ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in diesen Tagen in Polen und der Ukraine beschrieben, was ein schönes Bild vermittelt von Khediras Arbeitsweise. Bei der WM vor zwei Jahren in Südafrika war er durch die Verletzung von Michael Ballack in die Stammelf gerutscht, ein einziges Mal hatte er vor dem Turnier mit Schweinsteiger Seite an Seite gespielt. Die beiden mussten sich finden, hatten dafür aber kaum Zeit.

Khedira übernahm damals meist den Abschirmdienst für Schweinsteiger, er tat das unauffällig, aber effizient, traute sich aber relativ selten, aus der Defensive auszubrechen.

Zwei Jahre später bei der EM haben sich die Rollen verschoben, ohne dass das groß so vorgesehen war. Aber Khedira hat das Spielfeld bislang derart mit seiner Anwesenheit gefüllt, dass man denken konnte, dass es zwei Khediras geben muss: einen, der am eigenen Sechzehner abräumt, und einen, der zeitgleich vorne auftaucht und Unruhe stiftet.

Khedira sagt über die Zusammenarbeit mit Schweinsteiger, dass „sie abgestimmter geworden ist. Wir müssen nicht mehr so viel sprechen, wir kennen jetzt die Stärken und die Schwächen des Anderen besser.“ Khedira findet, dass er sich früher in manchen Spielsituation „ungestüm“ verhalten hat. Sein Vereinstrainer bei Real Madrid, José Mourinho, hat ihm Szenen vorgespielt, in denen Khedira nach vorne marschiert war, obwohl es besser gewesen wäre, hinten zu bleiben. Und umgekehrt. „Das hat mir ungemein geholfen, dieses Spiel noch besser zu verstehen“, sagt Khedira.

Am Donnerstag in Warschau wartet eine ganz besondere Aufgabe auf ihn: Khedira muss dafür sorgen, dass Italiens Stratege Andrea Pirlo nicht die Pässe spielen kann, die eine gesamte Defensive aushebeln. Aber er muss gleichzeitig selbst Stratege sein. Aufräumen und aufbauen, das wird für ihn die bisher größte Herausforderung bei diesem Turnier. Vielleicht gelingt ihm dabei sogar ein Tor wie zuletzt gegen Griechenland. Es war erst sein zweites im Nationaltrikot. Es handelt sich um das letzte Detail, an dem Khedira noch arbeiten muss.

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