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Eine Aufgabe zum Genießen

Fußball-EM Eine Aufgabe zum Genießen

Vor dem Halbfinale gegen Italien erstarrt die deutsche Elf nicht vor Respekt vor dem früheren Weltmeister. Vielmehr scheinen sich die Spieler - und vor allem Bundestrainer Löw - mit der kniffligen Aufgabe richtig wohlzufühlen.

Foto: Hat bereits beim Dänemark-Spiel den Rasen getestet, wird es beim Italien-Spiel am Donnerstag wohl wieder tun: Jogi Löw.

Quelle: dpa

Danzig/Warschau. Wie fühlt sich das an, so ein großes Fußballspiel? Ein Spiel, dem die Menschen zu Hause seit Tagen entgegenfiebern, eines, nach dem man nur einen einzigen Schritt vom großen Ziel entfernt ist, bei dem man aber auch stolpern und schmerzhaft fallen kann? Hören wir doch einfach einmal rein bei der deutschen Nationalmannschaft vor dem Europameisterschafts-Halbfinale gegen Italien am Donnerstag (20.45 Uhr, live in der ARD).

„Wir freuen uns sehr auf diesen Klassiker“, sagt Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger. „Die Partie garantiert uns und allen, die zuschauen, ein schönes Spiel“, sagt Schweinsteigers Nebenmann Sami Khedira. Und der Bundestrainer, bisher bei der EM der Mann mit dem Gefühl für die besonderen Augenblicke, was sagt der? Joachim Löw sagte am Mittwoch: „Ich habe diese Spiele wahnsinnig gerne, K.-o.-Spiele, bei denen man alles in die Waagschale werfen muss.“ Die Sätze von Löw, Schweinsteiger und Khedira vermitteln einen guten Einblick in das Innenleben einer Mannschaft, die sich vor dem bisher wichtigsten Spiel der EM, vor einem Duell mit einem in jeder Hinsicht gleichwertigen Gegner, etwas Bemerkenswertes gestattet: Sie genießt dieses Spiel und das Drumherum.

Sie kann sich das erlauben, weil sie sich in den vergangenen zwei Jahren eine Klasse erspielt hat, die nicht zu Leichtsinn führen darf, die aber die Gewissheit vermittelt, dass man auch für knifflige Fälle - und Italien ist ein sehr kniffliger Fall - mittlerweile Lösungen parat hat.

Etwas zugespitzt lässt sich sogar behaupten, dass die deutsche Elf Begegnungen wie im Viertelfinale mit Griechenland (4:2) überdrüssig geworden ist, dass sie keine besonderen Herausforderungen mehr sind. Die deutschen Spieler, und vielleicht noch einen Tick mehr ihr Trainer, wollen ihr Können mit Ebenbürtigen messen. Sie wissen, dass das auch gefährlich sein kann, dass Kleinigkeiten gegen Italien zu einer Niederlage führen können, dass keine Mannschaft auf der Welt davor sicher ist, besser zu sein und trotzdem zu verlieren. Aber sie verschwenden keinen Gedanken daran. „Ich habe keine Angst“, sagt Löw, „ich bin überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat für Freitag zwei Charterflüge von Warschau gebucht. Der eine geht um 14 Uhr Richtung Kiew. Der andere hat um 15 Uhr das Ziel Frankfurt. Kiew ist der Rundumsorglosflug ins Finale. Das Flugzeug zurück in die Heimat möchten Löw und die Nationalspieler erst am kommenden Montag betreten, gerne mit einem Platz in der ersten Reihe, der freigehalten wird und auf den ein 60 Zentimeter hoher, 9,6 Kilogramm schwerer Pokal aus Silber bei Bedarf abgestellt werden kann.

Wolfgang Niersbach, der DFB-Präsident, hat am Mittwoch in der letzten Pressekonferenz in Oliwa etwas gesagt, was er sich vorher bestimmt aufgeschrieben und auswendig gelernt hat, weil einem so schöne Sätze spontan meistens nicht gelingen. Niersbach ist Verbandspräsident, aber er ist auch Fan dieser Mannschaft, mehr als sein Vorgänger Theo Zwanziger, der Fan des Frauenfußballs war. Bei der Europameisterschaft 1996 in England, als Deutschland das bislang letzte Mal einen Titel gewonnen hat, war Niersbach Pressesprecher und weiß also, was die Kollegen von früher nach knapp vier mit Tausenden von Sätzen gefüllten Wochen noch einmal hellhörig werden lässt. Niersbach sagte, dass ein EM-Titel am 1. Juli in Kiew „keine Forderung ist, schon gar kein Befehl, nicht mal eine Erwartung. Es ist ein Wunsch.“

Mit welcher Aufstellung Deutschland am Donnerstagabend wunschlos glücklich gemacht werden kann, ist diesmal gar kein so großes Thema wie vor den vergangenen vier Spielen. Löw hat bewiesen, dass er zwischen 15, 16 Profis wählen kann, ohne etwas falsch zu machen. Dass Lukas Podolski wieder André Schürrle ablöst, gilt als sicher. Bei der Frage „Mario Gomez oder Miroslav Klose?“ wird die Entscheidung davon abhängen, wie defensiv Löw die Italiener erwartet. Bei „Marco Reus oder Thomas Müller?“ kommt es auf seinen eigenen Mut zur Offensive an.

Löw möchte die Italiener lange über seine Pläne im Unklaren lassen. „Vielleicht erfahren die Spieler die Aufstellung erst kurz vorher“, sagte Nationalelfmanager Oliver Bierhoff und hofft, dass „der Maulwurf diesmal vielleicht unterm Boden bleibt“.

Ernsthafte Sorgen, dass die Aufstellung wie vor dem Viertelfinale gegen Griechenland früh öffentlich wird, macht sich der Bundestrainer allerdings nicht. Löw ist so selbstbewusst, dass er sich auch das zutraut: die Italiener überraschen zu können mit einer Elf, die keine Überraschung ist.

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