Heute haben diese Beine weniger Kraft als früher, aber er durfte sie behalten, durfte weiter laufen. Auch das war seine Rettung.
Martin Buchhofer schaut aufs Handgelenk, stellt an der Uhr und trabt los. Kurzes, braunes Haar, Brille mit kleinen Gläsern, weißes, ärmelloses T-Shirt – in der Masse der Jogger fällt der 40-Jährige eigentlich nicht auf, nicht am Maschsee und auch nicht hier in Herrenhausen, wäre da nicht dieses eine Detail: Der Hannoveraner trägt auch bei Hitze eine lange Trainingshose. Passanten gucken, Buchhofer aber ist das egal. Er will heute einfach nur laufen, seine alte Trainingsrunde, einmal durch den Georgengarten.
Eigentlich ist Buchhofer schon immer gelaufen. Als kleiner Junge war er im Leichtathletikverein, dort brachten sie ihm bei, dass es beim 5000-Meter-Rennen keinen Tiefstart gibt. Buchhofer lacht, als er beim Lauf mit der Orangerie im Rücken davon erzählt.
Vielleicht wäre er ein guter Sportler geworden. Doch sein Leben nahm eine andere Wendung. Buchhofer, aufgewachsen im Ruhrgebiet als Bergmannssohn, macht gerade seine Lehre, als er mit Drogen in Kontakt kommt. Erst Haschisch, dann härtere Sachen, irgendwann beschließt er, den Stoff selbst zu verkaufen – bis sie ihn schnappen.
Kaum erwachsen, landet er im Gefängnis. Er kommt wieder raus, nimmt weiter Drogen, verkauft wieder, sie erwischen ihn, er verbüßt eine zweite Strafe – und das Spiel geht von vorne los. „Ich saß überall“, sagt er. Während er die Namen der Haftanstalten nennt, verschwindet die Orangerie langsam hinter einer Kurve.
Buchhofer hat eine dicke Akte bei der Justiz. „Ich war aber nie ein Schläger, auch mit Klauen will ich nichts zu tun haben“, betont er, um dann mit besonderem Nachdruck in der Stimme festzustellen: „Ich war krank.“ Das Wort Sucht benutzt er nicht gern.
Tatsächlich hat die Krankheit seinen Körper gezeichnet: Die rauen Hände sind angeschwollen, in seinen Beinen sind die Gefäße kaputt, weshalb er Stützstrümpfe tragen muss, auch im Sommer – versteckt unter der langen Hose. Vor ein paar Jahren hätte er die Beine wegen der Thrombose fast verloren. Und vielleicht wäre dann alles ganz anders geworden. Aber er konnte weiter laufen. „Das hat mich gerettet“, sagt Buchhofer.
Ende der Neunziger: Buchhofer sitzt in Hannover in U-Haft, der Gefängnisarzt verordnet kalten Entzug. „Turboprogramm“ nennt er das, in zehn Tagen muss der Körper ohne die Ersatzdroge Methadon auskommen. Wie sich das anfühlt? Buchhofer weicht aus und erzählt von der 200-Meter-Runde im Innenhof, auf die er sich nach wenigen Tagen wagt, auch wenn sein Körper damals noch nicht wollte. „Anfangs bin ich nur gestolpert, die anderen haben gelacht.“ Nach sechs Monaten lacht keiner mehr. Zehn Kilometer am Stück joggt er jetzt, Wärter begegnen ihm freundlicher, andere Insassen mit Respekt. Er habe die Aufpasser beim Training ganz vergessen, sagt Buchhofer.
„Laufen ist ein guter Gegenpol zur Sucht“, bestätigt Volker Schepers. Der 63-Jährige ist Sozialarbeiter beim Verein Werkheim, der an der Büttnerstraße in Vahrenwald ein Heim für obdachlose und in Not geratene Männer betreibt. Er leitet seit Herbst 2005 eine Laufgruppe für Wohnungslose – damals ein Novum in der Region. Die Idee kam ihm beim Anti-Sucht-Lauf in Hannover. Einen Wettkampf mit den Bewohnern zu laufen, das wäre was. Also hob er das Laufangebot aus der Taufe, rührte die Werbetrommel und fand in Det’s Laufshop einen Sponsor, der Schuhe und Kleidung bereitstellte.
Immer donnerstags um 16 Uhr ist seitdem Training, mal am Maschsee, mal in der Eilenriede oder am Großen Garten. Bei Wind und Wetter, denn das Laufen bietet den Männern in ihrem oft strukturlosen Leben etwas Halt. Bis zu 25 Teilnehmer hat die Gruppe, die Zahl schwankt. Manche zögen weg, „andere werden verhaftet“, sagt Schepers. Auch das ist die Realität.
Einer, der blieb, war Martin Buchhofer. 2006 lässt er die Mauern ein letztes Mal hinter sich. Er kommt in die Büttnerstraße und schließt sich der Laufgruppe an. Vieles ist neu für ihn, und so wird das Laufen zum zweiten Mal ein Rettungsanker. „Die Laufgruppe hat mir viel gebracht“, sagt der 40-Jährige. Er holt zwei Ordner hervor, in denen fein säuberlich drei Jahre abgeheftet sind – Urkunden, Fotos, Zeitungsausschnitte in Klarsichthüllen. Zu jedem Wettkampf erzählt er eine Geschichte. Beim ersten traf er alte Bekannte. Guck mal, der kaputte Typ von früher, hätten sie gesagt – aber Buchhofer hielt durch.
Und dann zeigen seine großen Hände auf den unscharfen Ausdruck eines Fotos. Eine Gruppe Werkheim-Läufer ist zu sehen, links außen steht Buchhofer, neben ihm ein Mann, der den Arm um seine Schultern legt. „Dieter Baumann, der Olympiasieger“, sagt Buchhofer. Er strahlt über das ganze Gesicht – wie damals bei der Aufnahme.
Schepers ist vom positiven Effekt des Laufens überzeugt. Der Sport sei es nicht allein, aber viele Teilnehmer der Laufgruppe hätten später eine Wohnung bekommen. Seit zwei Monaten hat auch Buchhofer seine eigenen vier Wände, und wenn er davon spricht, liegt Stolz in seiner Stimme. Die Sorgen um die Gesundheit sind geblieben, auch die kleinen, alltäglichen Probleme. „Aber“, sagt er nach fünf Kilometern durch den Georgengarten, „ich bin glücklich.“
Es ist eine Erfolgsgeschichte. Ob sie auch anderen hilft? Buchhofer reagiert zurückhaltend: „Ich habe so viel Mist gebaut, ich bin sicherlich kein Vorbild.“ Und auch bei der nächsten Frage zögert er nicht mit der Antwort. Nein, Laufen sei für ihn kein Muss geworden. Er habe einfach Lust darauf. Und sagt dann diesen einen Satz, der für ihn so wichtig ist: „Laufen macht frei.“
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