Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Deutscher Forscher lüftet Geheimnis von Usain Bolt

Olympia Deutscher Forscher lüftet Geheimnis von Usain Bolt

Usain Bolt ist der schnellste Mann der Welt. Professor Ralph Beneke von der Universität Marburg weiß, warum der jamaikanische Sprintstar eine Klasse für sich ist – und dass er noch schneller sein könnte.

Voriger Artikel
Storl stößt knapp am Olympia-Sieg vorbei
Nächster Artikel
Bolt-Start und deutsche Medaillen-Chancen

Usain Bolt könnte seinen Rekord über 100 Meter noch unterbieten, meint Professor Ralph Beneke von der Universität Marburg.

Quelle: dpa

Marburg. Wie auf Knopfdruck scheint Usain Bolt nach dem Start einen geheimen Turbo-Antrieb zu zünden und dem 100 Meter entfernten Ziel entgegenzurasen. "Super Mario Kart" lässt grüßen. Der Jamaikaner hängt seine Konkurrenz offenbar mühelos ab – wie in einem Videospiel. Aber es ist das echte Leben, und die drei schärfsten Rivalen, der US-Amerikaner Tyson Gay und Bolts Landsleute Asafa Powell und Yohan Blake, sind dabei so schnell wie noch kein Weltmeister oder Olympiasieger in der Sprintgeschichte vor Bolt. Und doch sehen sie nur die Rücklichter des Weltrekordhalters und wirken wie knatternde Trabbis im aussichtslosen Kampf gegen einen eleganten Formel-1-Wagen.

Auch Professor Ralph Beneke von der Universität Marburg vergleicht die Leistungen der Leichtathleten mit dem Motorsport. „Es ist wie bei einem Rennwagen", sagt der Leiter der Abteilung Medizin, Training und Gesundheit am sportwissenschaftlichen Institut. „Da wollen sie das Fahrwerk so hart gefedert haben wie möglich." Auf den Menschen übertragen hieße das in der gängigen Lehrmeinung: Je kürzer der Bodenkontakt und je größer die Festigkeit, Steifheit und Härte (engl. stiffness) von Beinen und Oberkörper, desto schneller der Läufer.

Beneke und sein Kollege Matthew Taylor von der britischen Essex-Universität wollen nicht weniger als diese Lehrmeinung revolutionieren. Anhand von Daten und Videos der WM 2009 in Berlin, als „Lightning Bolt" seinen Fabel-Weltrekord von 9,58 Sekunden aufstellte, untersuchen die Wissenschaftler, wie die Athleten ihre Kraft auf die Laufbahn bringen und in Geschwindigkeit umsetzen. Ergebnis der Analyse: Nicht auf die maximale Härte kommt es an, sondern auf die jeweils optimale. „Ein Rennauto wie ein Brett ganz ohne Federung wäre maximal", veranschaulicht Beneke wieder in Form einer Motorsport-Metapher. „Moderne Rennautos können die Federung aber sogar in Abhängigkeit von der Tankfüllung, Straßenbelag und Wetter anpassen."

Was aber heißt das für Usain Bolt? Drei Faktoren hat Ralph Beneke dafür ausgemacht, dass der Jamaikaner alle bisher dagewesenen Sprinter in den Schatten stellt. Da ist erstens seine außergewöhnliche Physis. Mit 1,96 Meter und 86 Kilogramm ist Bolt wesentlich größer als bisherige Top-Sprinter. Als Gardemaß galt lange Zeit eine Körpergröße um 1,80 Meter. Zweitens benötigt Bolt weniger Schritte als seine Rivalen, um die Strecke zu bewältigen. Während die Konkurrenten 45-mal Bodenkontakt haben, kommt der 25-Jährige nur 41-mal auf.

Drittens, und da wird es etwas komplizierter, hat Bolt längere Bodenkontaktzeiten. Während die Füße bei einem 10-Sekunden-Läufer für 0,092 Sekunden die Laufbahn berühren, verlängert sich diese Zeit nach Benekes Berechnungen bei Bolt auf 0,106 Sekunden.

Beim schnellsten Mann der Welt ist also weder der Bodenkontakt minimal kurz noch die Steifheit der Beine maximal groß. „Das ist sein Trick", erläutert der Sportwissenschaftler. „Er läuft Schritte, die es ihm ermöglichen, am Boden länger zu drücken. Die Kraft, die er auf den Boden bringt, wirkt länger. Er erzielt einen größeren Impuls."

Dieser federnde Stil ist übrigens eher untypisch für Sprinter, bei denen man kraftvolle, trommelnde Schritte erwartet. „Wenn man sich Bolt anguckt, rennt er ähnlich wie ein Weitspringer", analysiert Beneke. Den Weltrekordhalter einfach nur zu kopieren, reicht allerdings nicht. „Bei kleinen Sprintern funktioniert das nicht." Die müssten mehr Kraft in den Beinen haben.

Dazu haben die Wissenschaftler eine kleine Spielerei gemacht. „Wenn Bolt die gleiche Kraft wie Gay einsetzen würde, käme er bei über 14 Meter pro Sekunde Spitzengeschwindigkeit heraus", sagt Beneke. Derzeit liegt er bei etwa 12,4 Meter pro Sekunde. Das Ergebnis wäre dann eine 100-Meter-Zeit um neun Sekunden. „Ich würde es bezweifeln, dass jemand neun Sekunden läuft", schiebt der 53-Jährige hinterher. „Das Problem: Man bräuchte eine Riesenkraft und damit noch mal deutlich mehr Muskelmasse. Die Beine würden so massig, dass die Trägheitsmomente der Beine eine zusätzliche Schwierigkeit darstellen würde."

Als Beispiel für den Effekt extrem hoher Muskelkraft zieht der Marburger Professor die Schwerathleten heran: „Die schnellsten 30-Meter-Läufer der Welt sind nämlich keine Sprinter – sondern Kugelstoßer. Die müssen kurzfristig Leistungen wie ein Kleinwagen bringen." Nur: Nach 30 Metern geht den starken Jungs die Puste aus und sie müssen austrudeln lassen. 9,00 Sekunden sind also utopisch. Usain Bolt selbst spricht aber davon, 9,40 Sekunden laufen zu können. „Ich erachte es für realistisch, dass dieser Mensch das schaffen könnte", sagt Ralph Beneke nach Analyse aller Daten.

„Wenn er den Lauf optimal trifft. Nach dem, was wir prognostizieren können, müsste eine 9,40er Zeit möglich sein." Vielleicht ja schon am Sonntag in London. Dann will Usain Bolt im Finale wieder den Super-Mario-Turbo zünden und allen davonrasen.

Holger Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Alle Termine
Foto: Alle Termine zu den Olympischen Spielen in London.

Alle Entscheidungen der Olympischen Spiele des Tages auf einen Blick. Die Zeiten beziehen sich auf die Wettkämpfe, nicht auf die Übertragungszeiten.

mehr
Mehr aus Olympia 2012
Olympische Höhepunkte von 1896 bis 2008