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Was ist Deutschland der Spitzensport wert?

Strukturdebatte Was ist Deutschland der Spitzensport wert?

Die olympische Flamme ist noch nicht erloschen. Doch die Struktur-Diskussion im deutschen Spitzensport ist angesichts der mäßigen Ergebnisse in London in vollem Gange.

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DOSB-Generaldirektor Michael Vesper wünscht sich eine deutsche Olympia-Kandidatur.

Quelle: dpa

London. Für den deutschen Spitzensport stellt sich die Systemfrage. Ausgelöst durch das durchwachsene Abschneiden der deutschen Olympia-Mannschaft in London wird der Ruf nach Reformen im Leistungssport immer lauter. Athleten und Funktionäre fordern mehr Geld und neue Strukturen, damit der deutsche Sport nicht komplett den Anschluss an die Weltspitze verliert. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper und Sporthilfe-Chef Michael Ilgner brachten als einen Lösungsvorschlag eine erneute Olympia-Bewerbung ins Spiel.

„Mehr Geld ist immer gut, aber es gibt auf jeden Fall bessere Fördersysteme“, sagte Canadier-Olympiasieger Sebastian Brendel. „Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren weiter erfolgreich ist, muss man mehr investieren.“ In den meisten Sportarten ginge es nicht, „ohne dass man Profi ist, sonst kann man nicht in der Weltspitze mithalten“. Bahnradsportler und Silbermedaillen-Gewinner Maximilian Levy fragte grundsätzlich: „Was ist es Deutschland wert, guten Spitzensport zu haben?“

Nach einer Studie der Deutschen Sporthilfe muss man den Eindruck gewinnen: nicht viel. Die Untersuchung ergab, dass viele Spitzensportler im Schnitt mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 1919 Euro auskommen müssen. Auch etliche Toptrainer verdienen so wenig, dass ein Abgang ins Ausland attraktiver erscheint.

Als eine Möglichkeit, die Bedeutung des Spitzensports in Deutschland wieder zu heben, machten sich Vesper und Ilgner für eine weitere Olympia-Kandidatur stark. „Ich wünsche mir, dass Deutschland sich irgendwann wieder einmal für Olympische Spiele bewirbt. Und dann erfolgreich“, sagte Vesper. Ilgner, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, glaubt an die Signalwirkung, die davon ausgehen würde: „Das würde uns helfen, einen Schub für den olympischen Sport und im Nachgang für die gesellschaftliche Bedeutung des Sports zu bekommen.“

Als leuchtendes Beispiel gilt das Team GB. Schon vor Abschluss der Heimspiele haben die Briten die beste olympische Medaillenausbeute ihrer Geschichte erreicht. Beim Team D deutet vor dem Schluss-Wochenende der globalen Sportmese Sportleistungs-Show an der Themse viel daraufhin, dass das Ergebnis von Peking 2008 nicht erreicht und das vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ausgegebene Ziel verfehlt wird.

Damit würde sich der Negativtrend seit 1992 fortsetzen: Seit dem ersten Auftritt einer deutschen Mannschaft nach der Wiedervereinigung in Barcelona mit 82 Medaillen sank die Zahl der Medaillen kontinuierlich. Vor vier Jahren hatte es für Schwarz-Rot-Gold nur noch 41 Medaillen (13 Gold/16 Silber/20 Bronze) gegeben. In der Nationenwertung lag Deutschland auf Rang fünf. Doch andere Länder haben aufgeholt oder die Deutschen schon überholt.

Natürlich müsse am Ende eine Bilanz her, doch sie müsse differenziert sein und sich nicht nur an Medaillen-Gewinnen ausrichten, sagte Ilgner. Dann müssten Konsequenzen gezogen werden: „Es muss jetzt einen Wettbewerb geben um die besten Konzepte.“ Dabei ginge es beispielsweise darum, zu untersuchen, warum die Kanuten über Jahrzehnte so stark, die Turner und die Leichtathleten so im Aufschwung und die Vielseitigkeitsreiter so konstant erfolgreich sind, und warum sich der Wintersport immer so gut schlägt. Dass es auch zahlreiche gravierende Negativbeispiele gegeben hat wie Schwimmen, Schießen oder Fechten, von denen man lernen kann, wie man es nicht macht, sagte Ilgner nicht.

Größter Sponsor des deutschen Sports ist noch immer der Staat. Jährlich rund 130 Millionen Euro pumpt das Bundesinnenministerium (BMI) in den Leistungssport. Die Bundeswehr lässt sich seine Sportsoldaten zusätzlich rund 30 Millionen Euro kosten. Kein Wunder, dass der Bund auch Ergebnisse sehen möchte. Die Zielvereinbarungen des DOSB mit den Fachverbänden sind nicht öffentlich - und sollen es auch bleiben. Das BMI wehrt sich derzeit mit rechtlichen Mitteln gegen einen Beschluss, die Informationen preiszugeben.

Diese Abmachungen sind ohnehin umstritten. Nach Ansicht von Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sind die Medaillenpläne unrealistisch. Da die Spitzensportförderung durch das Bundesinnenministerium absehbar nicht aufgestockt werde, müsse überlegt werden, „ob man die Verteilung nicht vollkommen neu organisieren sollte“, sagte Hensel der „Süddeutsche Zeitung“. Er schlägt vor: „Aus meiner Sicht wäre die Möglichkeit einer direkten Kommunikation zwischen dem BMI und den Spitzenverbänden wünschenswert, damit das nicht immer nur durch so einen Nürnberger Trichter wie den DOSB läuft.“

dpa

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