Noch knackt und knirscht es nicht bei den „Alten Knochen“. Trotz der 592 Jahre. Nein, wenn sich diese neun Herren aus dem Kreis Nienburg auf den Barren schwingen, sind keine Nebengeräusche zu vernehmen. Höchstens mal ein frotzelnder Spruch der anderen, weil einem beim Abgang im Training etwas die Kraft verlassen hat.
Zwischen 69 und 78 Jahre sind die Turner alt, die sich vor zwölf Jahren fanden und beim „Tag der Niedersachsen“ erstmals öffentlich präsentierten. Einem gemeinsamen Verein gehören sie nicht an, sie verbindet ihre Leidenschaft: Turnen. „Für uns ist das der schönste Sport“, sagt Ernst Eickhoff. Der 73-Jährige ist beim MTV Liebenau als Vorsitzender und Übungsleiter aktiv, so wie die meisten hier ein Amt in ihren Klubs oder im Turnverband ausüben - und obendrein noch an die Geräte gehen.
In Leese nahe Nienburg bringt der Aufschwung die Senioren alle drei bis vier Wochen zum „Knochen“-Training zusammen. Nach der Aufwärmgymnastik lassen sie sich nicht lange bitten: Nacheinander übt jeder Elemente am Barren, für wenige Minuten, dann darf der Nächste ans Gerät, man selber verschnaufen. Oberarmstand, Schwünge, Kreishocke oder Kippe als Abgang - „das sitzt uns in Fleisch und Blut“, sagt Eickhoff. Die meisten turnen seit ihrer Kindheit und schätzen die Vielseitigkeit dieser Sportart.
Und sie schätzen den Wettbewerb, ein Vierkampf für Senioren, der im Rahmen von Turnfesten oft angeboten wird. „Das machen viele in unserem Alter“, sagt Eickhoff und erzählt, dass beim Landesturnfest 2005 ein 84-Jähriger teilgenommen habe. Also doch turnen, bis es knackt und knirscht? Die „Alten Knochen“ mit ihren addierten 592 Jahren setzen auf Erfahrung, „auf Gelenkigkeit, Rhythmusgefühl und Technik“, wie Friedrich Engels betont. Mittlerweile verzichten sie aber auf Kreisflanken auf dem Seitpferd, Riesenfelgen am Reck oder Flickflacks, „aus dem Alter sind wir raus“, sagen sie. Um gleich lachend zu gestehen, dass sie auch schon „kreuz und quer auf dem Boden“ gelandet sind. Ihre Gelenkigkeit hat ihnen ernsthafte Verletzungen erspart.
Dennoch geht es bei ihrer Showkür am Barren hoch hinaus. In weißen Hosen und mit angeklebtem Bart hat die gesellige Gruppe noch jedes Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen, etwa bei Turnfesten auf Kreis- und Landesebene; auch beim „Feuerwerk der Turnkunst“ traten die „Alten Knochen“ vor zwei Jahren als Lokalgruppe in Hannover auf. „Die Zuschauer sind immer erstaunt über unser Alter“, sagt Eickhoff, „normalerweise sind ,Ü 70er’ nicht mehr so aktiv.“ Normalerweise ist mit 70 Gymnastik angesagt.
„Nach dem Turnen fühlt man sich besser“, betont Friedrich Voigts, mit 78 Jahren der Riegen-Älteste. Jungbrunnen Turnen? Es habe, sagt Eickhoff, „mit Sicherheit dazu beigetragen, dass wir so fit sind“. Vor sieben Jahren ist Eickhoff das erste Mal zur Kur gereist und bekam dort Bewegung verordnet, worüber er nur lächeln konnte. Turnbruder Helmut Knorren bekam 2005 ein neues Knie und fiel für den Auftritt bei einem Turnfest aus, seitdem ist er wieder am Barren. Denn was ist schon ein neues Knie in 592 Jahren?
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