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„Body talk“

4700 Zuschauer sahen Feuerwerk der Turnkunst in Hannover

4700 Zuschauer haben am Silvestertag in der AWD-Hall in Hannover mit „Body talk“, dem Feuerwerk der Turnkunst, ein unterhaltsames Gesprächsthema.

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Abgehoben: Das National Danish Performance Team geht in die Luft.

Abgehoben: Das National Danish Performance Team geht in die Luft.

© Ulrich zur Nieden

Körpersprache. Körpervortrag. Oder doch Körpergespräch. „Body talk“ erlaubt alle drei Übertragungsmöglichkeiten aus dem Englischen ins Deutsche. Und die 23. Auflage des „Feuerwerks der Turnkunst“, die diesen Namen trägt, lässt keine dieser Facetten aus. Auch nicht am Silvestertag in der hannoverschen AWD-Hall, vor 4700 staunenden Besuchern, die das Gespräch mit den Sportlern und Künstlern gesucht haben.

Francis Caron und Dominic Lacasse sprechen makellos körperbetont. Die Muskeln ermöglichen es Lacasse, sich mithilfe eines kegelförmigen Podestes und einer Metallstange, kaum länger als einen Meter, anscheinend mühelos in die Horizontale zu bringen, wie ein Fahnentuch im Wind zu schwingen und mit Luftläufen der Schwerkraft zu trotzen. Caron zeigt in luftiger Höhe am Trapez bei teilweise einhändigen Freiübungen, was sein Körper leisten kann.

Anastasia Gorbatyuk und Alexander Barleben, die auf der Matte einem Eislaufpaar ähneln, und die Bundesligaturner des NTT Hannover, die, nur mit körperbetonten Jeans bekleidet, sportliche Höchstschwierigkeiten am Parallelbarren und am Pauschenpferd zeigen, haben auch die Athletenstatur. Doch sie schlagen die Brücke zum Körpervortrag. Gorbatyuk/Barleben setzen die leisen Töne mit ihrer anmutig-kraftvollen Kür, Andreas Toba und Co. vom NTT lassen es mit wettkampffernen, aber umso sehenswerteren Vierergrätschen und -schwüngen richtig rocken.

Mens sana in corpore sano. Der alte Lateiner hätte seine wahre Freude bei den Auftritten des National Danish Performance Teams und der Catwall Acrobats, weil sie mit Esprit turnen. Sie bieten Höllentempo und spektakuläre Salti nicht nur auf der Sprungbahn und dem Trampolin, sondern auch auf Wippen und Sofas und bringen als ausgelassene Jugendliche oder mit Turnen nach Noten das Publikum in der AWD-Hall zum Lachen und Beifall-spenden. Noch einen drauf setzen Artyom Ghazaryan und Thomas Greifenstein, zwei ehemalige Bundesligaturner, die sich am Frauengerät Stufenbarren versuchen und burlesk den Beweis antreten, warum der Mann an zwei Holmen zwangsläufig hängen bleiben muss. Klassische, aber nicht minder beeindruckende Akrobatik bietet Hugo Noël rollend und turnend im Cyr-Ring, einem Riesenreifen. Und wenn die Fünf-Mann-Gruppe Novikov am „Dreierreck“ schwingt und fast gleichzeitig über die Stangen fliegt, stockt manchem Zuschauer der Atem. Wie schaffen die Russen es nur, bei so viel Enge im Luftraum nicht zu kollidieren?

Ein besonderes Feuerwerk brennen die drei von der B-Boy-Crew mit ihrem Breakdance ab. Und wem die wummernde Musikbegleitung nicht gefällt, der wird von der Rhythmik und Akrobatik von den Sitzen gerissen. Konventioneller – mit Jazz- und Modern Dance – tritt die Schaugruppe des Niedersächsischen Turner-Bunds auf, was ihrem Vortag aber nicht die Intensität nimmt. Die Jugendlichen verzaubern mit anmutig choreografierten Liebesgeschichten die Besucher und tragen mit bunten und schwungvollen Zwischenspielen dazu bei, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommt.

Regisseurin Heidi Aguilar hat eine „Talk-Show“ gestaltet, die von A bis Z fesselt. Dazu trägt natürlich der einleitende Vortrag des VfL Hannover mit seinem „Fernsehabend“-Programm bei, das ihm die Auszeichnung als beste Showgruppe des Deutschen Turner-Bunds brachte. Schauelemente wie die Tanzeinlagen von Maria und Oleg Novikov mit blitzschnellen Kostümwechseln, die urkomischen Einlagen der KGB-Clowns und der Titelsong, dargeboten von Felice Aguilar (Gesang) und Daniel Stemberg (Geige), runden den Abend ebenso ab wie Moderator Jens Ohle, der als Einziger in der Schau spricht. Ins Gespräch kommen Aktive und Publikum indes bei „Body talk“ auch ohne Worte. Sport und Schau, Unterhaltung und eine Prise Poesie schaffen einen unvergesslichen Abend, für den das Prädikat „Feuerwerk“ nicht aus der Luft gegriffen ist.

Selbst den eingefleischten Jahn-Jüngern müsste das Programm gefallen getreu ihren Maximen: „Frisch ans Werk, fröhlich untereinander und frei und offen in allem Handeln“.

Beim nächsten Mal in der TUI Arena

Das „Feuerwerk der Turnkunst“ ist auch eine große Herausforderung für jemanden, der eigentlich von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen träumt. „Da kommt schon etwas Gänsehaut auf, wenn man vor fast 5000 Zuschauern auftritt anstatt wie in der Bundesliga vor knapp 500 Besuchern“, sagt Andreas Toba. Der 19-Jährige, im Wettkampfsport immerhin schon Mitglied der Nationalmannschaft, hat Respekt vor seinem Auftritt auf der Tournee, aber auch viel Freude. „Da machen wir ganz andere Sachen als im Wettkampf“, sagt Toba und schildert die Zusammenarbeit mit „Feuerwerks“-Regisseurin Heidi Aguilar als „locker und lustig“. Solche Attribute gibt es im klassischen Leistungssport eher selten zu hören.

Sportler wie Toba schaffen die Verankerung der Tournee in den Niedersächsischen Turner-Bund (NTB). „Das erste ,Feuerwerk‘ 1988 haben noch unsere damaligen Leistungsturner und ein paar japanische Sportler bestritten“, erzählt NTB-Pressesprecher Michael Bauer. „Damals war es quasi ein Dankeschön an unsere vielen Ehrenamtlichen für die geleistete Arbeit.“ Auch heute sind die Mitglieder aus den Turnvereinen das Zuschauerfundament für die Tournee. Doch die spektakulären Auftritte und bis ins Detail gestalteten Schaus von Aguilar und ihren Mitstreitern haben längst eine Fangemeinde außerhalb der Vereinsturnhallen gewonnen.

Die Erfolgsgeschichte des „Feuerwerks der Turnkunst“ lässt sich an mehreren Faktoren ablesen. Die Silvestervorstellung in Hannover war schon früh ausverkauft, und auch für die drei anderen Gastspiele heute und am Sonntag gibt es an der Tageskasse keine Karten mehr. Das bedeutete für die Tournee 2009/2010 eine Steigerung des Ticketverkaufs von knapp 15.000 auf nun 20.000. Der Etat beträgt zwei Millionen Euro, die mitwirkenden Sportler und Künstler werden bis zum 24. Januar insgesamt 30 Auftritte in ganz Deutschland absolviert haben.

Und die Grenzen des Wachstums sind für das „Feuerwerk der Turnkunst“ noch lange nicht in Sicht, weil für 2010/2011 mit der TUI ein neuer zahlungskräftiger Sponsor mit im Boot ist. Zudem wagt sich der NTB in weitere Großstädte – nach München in die Olympiahalle und Frankfurt in die Ballsporthalle. Und am „Stammsitz“ Hannover steht für die drei Gastspiele am 31. Dezember (17 Uhr) und 2. Januar (14 und 19 Uhr) der Umzug in die TUI Arena (Fassungsvermögen 10.000 Besucher) bevor.

[Carsten Schmidt]

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