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Auf einen Schlag Legende

Boris Becker im Interview Auf einen Schlag Legende

Vor 30 Jahren schrieb Boris Becker in Wimbledon Sportgeschichte: Er gewann als 17-Jähriger das Tennisturnier. Im Interview spricht er über seinen zweiten Geburtstag, wie der Sieg sein Leben verändert hat, warum Wimbledon für ihn der beste Ort zum Leben ist und die Verfilmung seines Lebens von Matthias Schweighöfer.

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Boris Becker (Deutschland) gewinnt als jüngster Spieler aller Zeiten die All England Championships.

Quelle: imago sportfotodienst

London. Der 7. Juli 1985, Finaltag in Wimbledon. Boris Becker steht um 7.30 Uhr auf, frühstückt Müsli, plaudert mit seinen Eltern Karl-Heinz und Elvira Becker. Was Becker nicht weiß: Sein Manager Ion Tiriac hat bereits insgeheim einen dunklen Anzug samt Fliege besorgt - für das feierliche Sieger-Bankett …

Um 11.15 Uhr geht es per Shuttle auf die Anlage: einspielen, ausruhen. Sechs Stunden und elf Minuten später ist es vollbracht: Boris Becker schreibt Sportgeschichte. Als erster Deutscher und bis heute jüngster Spieler gewinnt der 17-Jährige das bedeutendste Grand-Slam-Turnier der Welt. Mit 6:3, 6:7, 7:6 und 6:4 schlägt er den Südafrikaner Kevin Curren. Zwei weitere Male noch wird Becker Wimbledon gewinnen, dazu einmal die US Open und zweimal die Australian Open. Heute lebt er in der Nähe von dem Ort, der ihn vor 30 Jahren groß gemacht hat und den er als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet: dem Centre-Court.

„Wimbledon ist der einzige Ort auf der Welt, wo mich niemand fragt: Was machen Sie denn hier? Hier gehöre ich hin“, sagt er.

Ist dem Tennis treu geblieben: Becker arbeitet heute als Trainer von Novak Djokovic.

Quelle:

Herr Becker, der 7. Juli 1985, 17.26 Uhr. Dritter Matchball. Ein krachender Aufschlag von Ihnen, Curren kann nicht retournieren. Game, Set, Match: Becker!

Das war meine persönliche Mondlandung, mein zweiter Geburtstag. In dieser Sekunde war mir aber noch nicht klar, wie sehr das mein Leben verändern wird. Es hat sich grundlegend verändert und das nicht nur zum Positiven.

Inwiefern?

Ich war plötzlich ein Vorbild - aber in Wahrheit war ich noch ein Kind. Es gab keinen Ratgeber und kein Lehrbuch, wie man so eine Situation meistert. Plötzlich sind Menschen mit meinem Namen hausieren gegangen, die mich vielleicht mal irgendwo gesehen haben, mich gar nicht kannten. Ich wurde instrumentalisiert, Leute wollten sich an meinem Namen bereichern. Wie soll man so etwas als 17-Jähriger verkraften? Geht nicht. Alles, was ich gemacht oder gesagt habe, wurde sofort be- oder verurteilt.

Wann haben Sie gemerkt, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war?

Als ich nach dem Sieg in die Katakomben kam. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat mich begrüßt, die englische Königsfamilie. Das sind Menschen, die man normalerweise nicht trifft als 17-Jähriger (lacht).

Ist der Hype von damals vergleichbar mit dem um Mario Götze, der Deutschland vergangenes Jahr zum Weltmeistertitel geschossen hat - im Alter von 22 Jahren?

(schmunzelt) Mit 22 hatte ich schon meine erste sportliche Krise. Ich war damals 17. 17! Ich bin der Meinung, dass es mir von meiner sportlichen Entwicklung gutgetan hätte, wenn ich Wimbledon erst mit 21 oder 22 gewonnen hätte. Aber das kann man sich bekanntlich nicht aussuchen, und ich will mich nicht beschweren.

Wie meinen Sie das?

Alles wurde schwieriger und immer mit 1985 verglichen. Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen, nicht mehr unbeschwert trainieren - das hat meine sportliche Entwicklung verlangsamt.

Ihre Eltern hatten Ihnen verschwiegen, dass Ihr Opa, von dem Sie Ihren zweiten Vornamen Franz haben, in der Woche vor Ihrem größten Triumph gestorben war.

Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meinen Großeltern und habe bei ihnen viel Zeit verbracht. Es wäre ein Schlag gewesen, wenn ich das während des Turniers erfahren hätte.

Wenn Sie hier über die Anlage in Wimbledon gehen, verehren Sie die Leute auch heute noch, 30 Jahre danach. Ist das der Grund, warum Sie sich entschieden haben, in London zu leben?

Nicht, weil ich hier wie ein Star behandelt werde. Im Gegenteil, das ist während der Turniertage so, aber nicht im Alltag. Wimbledon ist der einzige Ort auf der Welt, wo mich niemand fragt: Was machen Sie denn hier? Hier gehöre ich hin. Hier fühle ich mich respektvoll und fair behandelt, das war in Deutschland nicht immer der Fall.

Gibt es Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden?

Mein Leben ist nicht perfekt verlaufen, ich bin nicht perfekt. Doch wer ist das schon? Und wer kann das von sich behaupten? Durch meine Erfolge in jungen Jahren ist ein öffentliches Anspruchsdenken entstanden, das ich nicht erfüllen konnte. Ich wollte einfach nur mein Leben leben. Das allein ist schon schwer genug, doch wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist es 100-mal schwieriger. Es gab zwar noch keine Smartphones, und dennoch sind viele Dinge aus meinem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangt. Der Druck, den ich früher empfunden habe, war enorm.

Und heute?

Ich bin 47 und stehe mitten im Leben. Den 17-jährigen Boris aus Leimen gibt es nicht mehr. Ich bin in meinem zweiten Leben gut angekommen. Punkt. Ende. Heute fühle ich mich wohl als Boris Becker - vor zehn Jahren war das noch nicht ganz so. Ich habe eine tolle Frau, bin stolz auf meine vier Kinder, kann in London mein Privatleben leben - und das machen, was ich am besten kann: als Tennistrainer und Sportexperte arbeiten.

Seit 2013 trainieren Sie den Weltranglistenersten Novak Djokovic. Wie dürfen wir uns den Trainer Becker vorstellen?

Ich habe mehr als 1000 Matches gespielt und kenne mich dementsprechend gut im Tennis aus. Auch weil ich in diesem Sport so ziemlich alles erlebt habe. Es geht um Technik, Einstellung, Spielvor- und Nachbereitung. Weil Novak Djokovic das zu schätzen weiß, hat er mich vor zwei Jahren angerufen …

Was uns aufgefallen ist: Sie gehen unrund.

Das sind die Narben des sportlichen Krieges, den ich geführt habe. Mein Spielstil war sehr körperlich geprägt. Ich habe zwei neue Hüften und ein problematisches Sprunggelenk. Darum hinke ich. Wenn ich am Tag viel gehen muss, spüre ich am Abend mein Sprunggelenk deutlich. Ich kann den rechten Fuß nicht mehr normal abrollen. Ich werde irgendwann ein neues Sprunggelenk benötigen.

Matthias Schweighöfer wird Ihr Leben verfilmen.

Er hat mich gefragt, ich finde das klasse. Das ist ein Kompliment für mich. Und ich sehe es als Chance, mit dem Abstand, der Zeit und meiner heutigen Reife zu zeigen: Wie war Boris Becker wirklich als 3-,10- und 17-Jähriger? Es gibt so viele Menschen, die sich eine Meinung über mich gebildet haben, ohne je mit mir gesprochen zu haben. Ich bin ein Mensch, der viel hinterfragt, nach dem Sinn sucht. Ich habe viel verstanden über mich. Ich muss anderen nichts mehr erklären oder beweisen. Wenn ich heute respektlos von der Seite angegangen werde, zum Beispiel von jüngeren Menschen, dann bin ich so frei, mich an Ort und Stelle zu wehren. Auch das habe ich vor zehn Jahren noch nicht gemacht. Respekt ist mir sehr wichtig. Das ist, glaube ich, auch nicht zu viel verlangt.

Interview: Marco Fenske

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