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Das Fifa-Beben

Sperrung von Blatter und Platini Das Fifa-Beben

Die Ethikkommission sperrt Präsident Sepp Blatter und Uefa-Boss Michel Platini – und macht den Weltfußball damit führerlos.

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Schicksalsgemeinschaft: Michel Platini (rechts) wollte Sepp Blatters Nachfolger werden - nun stürzen beide über eine dubiose Zwei-Millionen-Euro-Zahlung.

Quelle: FABRICE COFFRINI

Die Bombe ist gerade geplatzt, da beginnen in Klaus J. Stöhlkers Büro in Zürich die Telefone zu klingeln. In Endlosschleife. Die Meldung, dass Sepp Blatter von der Fifa-Ethikkommission für 90 Tage gesperrt werden soll, ist in diesem Moment, am Mittwochabend, erst ein paar Minuten alt - sie macht Stöhlker zum wohl gefragtesten Mann des Weltfußballs. Stöhlker, Jahrgang 41, ist Blatters persönlicher Berater. Wenn jemand weiß, was der Präsident des Weltfußballverbands jetzt denkt, dann er.

„Bitte rufen Sie in fünf Minuten noch mal an“, ruft er in einen anderen Telefonhörer, bevor er Blatters Sicht der Dinge erklärt. Der Präsident, sagt Stöhlker, fühle sich durch die Sperre im Amt bestätigt, die Ethikkommission habe sich schließlich um eine echte Entscheidung gedrückt. Bestätigt? Im Amt? Es ist ein Einblick in Blatters entrückte Welt, den Stöhlker gewährt. Einer Welt, in der es Selbstkritik nicht gibt. Dann geht er wieder an eines der anderen Telefone. „Call me back in five minutes“, ruft er hinein. „Sie sehen, das ist international hier“, erklärt er.

Seit gestern ist der vorläufige Tiefpunkt in der unendlichen Fifa-Krise erreicht. Die beiden mächtigsten Männer des Weltfußballs dürfen während der nächsten drei Monate keinerlei Aktivitäten im Fußball ausüben. Neben Sepp Blatter zogen die unabhängigen Fifa-Ethikhüter auch Uefa-Boss Michel Platini aus dem Verkehr. Die Kommission darf offiziell nicht sagen, weswegen sie die Sperre, die vom deutschen Richter Hans-Joachim Eckert bestätigt wurde, ausgesprochen hat. Vor allem die seltsame Fifa-Zahlung an Platini über etwa 1,83 Millionen Euro aus dem Jahr 2011 dürfte aber eine Rolle gespielt haben. Erarbeitet hatte sich der Franzose das Geld laut der Beteiligten als Fifa-Berater in den Jahren 1998 bis 2002, er habe es schlichtweg neun Jahre lang versäumt, eine Rechnung zu stellen.

Schmiergeld (um Platini von einer Kandidatur gegen Blatter abzuhalten) vermuten dagegen die Ermittler der Schweizer Bundesanwaltschaft, die auch wegen dieser Transaktion ein Strafverfahren gegen Blatter eröffnet haben.

Aber geht es darum überhaupt noch? Dass der Schweizer, der es in all den Jahrzehnten in Diensten des Weltfußballs geschafft hat, Skandale - und davon gab es nicht wenige - von sich abprallen zu lassen, im Visier der Justiz steht, rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Die Vermutung, dass Korruption ein Grundfundament der Fifa ist? Fast schon ein alter Hut. Die Frage ist: Wie geht es jetzt weiter? Denn der Weltfußball ist mit einem Schlag führungslos. 209 Fifa- und 54-Uefa-Mitgliedsverbände haben ihre Chefs verloren.

Beispiel Blatter: Der Schweizer steht seit 1975 in Diensten des „Weltkonzerns mit Milliardenumsatz“ (Berater Stöhlker). Er leitete die Entwicklungsprogramme der Fifa, wurde dann zum Generalsekretär und befindet sich in seiner fünften Amtszeit als Präsident. Man sagt ihm nach, seine Hausmacht vor allem mit Subventionen in Fußball-Entwicklungsländern gesichert zu haben. Erst auf immensen Druck hin kündigte er Anfang Juni an, sein Amt bei einem außerordentlichen Fifa-Kongress niederzulegen. Seitdem verfiel er in zunehmend krudere Durchhalteparolen. Vorbei - auch wenn er gestern weiter Scheingefechte führte und weiter auf nicht schuldig plädierte. „Die Entscheidung der Ethikkommission basiert auf einem Missverständnis der Aktionen der Schweizer Bundesanwaltschaft“, ließ er seine Anwälte mitteilen. Blatter wolle Beweise vorlegen, die „demonstrieren, dass er in keinerlei Fehlverhalten und Verbrechen involviert“ sei.

Wolfgang Niersbach, Präsident des DFB, bezeichnete den Fall gestern als Super-GAU: „Dass wir an der wichtigsten Stelle des Weltfußballs eine Führungslosigkeit haben, ist unfassbar. Die Zukunft kann natürlich nur ohne den bisherigen Präsidenten gestaltet werden.“

Beispiel Platini: Der frühere Mittelfeldregisseur von AS St.-Étienne, Juventus Turin und der französischen Nationalmannschaft wollte eigentlich Blatters Nachfolger werden. Einst waren die beiden Freunde, nun stolpern sie übereinander. Denn dass sich Platini, der dem europäischen Fußballverband seit 2007 vorsteht, beim Fifa-Kongress am 26. Februar noch als Kandidat für das Präsidentenamt aufstellen lässt, ist in Anbetracht der Sperre kaum noch vorstellbar. Auch wenn der 60-Jährige in Taschenspielermanier am Mittwoch seine Kandidatur einreichte. Statt „Bonjour, Monsieur le Président!“ heißt es nun wohl „Au revoir, Monsieur Platini.“ Auch bei der Uefa. Platini würde vom Spanier Ángel María Villar vertreten werden. Auch er gilt nicht als unbelastet.

Und die Alternativen bei der Fifa? Als Interimspräsident und Übergangschef von rund 500 Mitarbeitern im Zürcher Fifa-Hauptquartier wurde gestern satzungsgemäß Weltverbands-Vize Issa Hayatou bestätigt. Der 69-Jährige fungiert seit 1992 an zweiter Stelle der Hierarchie. Das Problem: Auch an ihm haften - welch Wunder im tiefen Fußballverbandssumpf - Korruptionsvorwürfe. Die ARD berichtete zuletzt über eine Millionenzahlung an den Kameruner, damit dieser 2010 für die WM 2022 in Katar stimmt. Er ist zudem seit Längerem schwer krank - und soll unter diesen Voraussetzungen jetzt den ironischerweise von Blatter angestoßenen Reformprozess weiterführen.

Die weiteren Anwärter für die anberaumte Wahl am 26. Februar 2016? Neben Kandidat Platini hat die Ethikkommission auch den Südkoreaner Chung Mong Joon (63) gesperrt. Für sechs Jahre. Ein Strafmaß, das wohl auch für Blatter möglich gewesen wäre, aber nicht verhängt wurde. Sein Umfeld deutet dies kurioserweise als Bestätigung seiner Präsidentschaft.

Mehr und mehr rückt deswegen DFB-Chef Niersbach, dem Ambitionen auf die Nachfolge Platinis bei der Uefa nachgesagt werden, in den Fokus. Der DFB gilt als unbelastet. Mehr als vage Gerüchte über Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland gibt es nicht. Niersbach aber wiegelte gestern ab: „Ich habe immer gesagt, dass ich meine Position, meine Rolle beim DFB sehe, auch perspektivisch. Ich fühle mich wohl beim DFB.“

Blatter-Berater Stöhlker blieb gestern seiner „Ist doch alles nicht so schlimm“-Linie treu. Der „Bild“-Zeitung sagte er über seinen gestürzten Klienten: „Er freut sich auf drei Monate Ferien, die er sich auch redlich verdient hat.“

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