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„Ich bin nicht zum Grußaugust geboren"

Interview mit Boris Becker „Ich bin nicht zum Grußaugust geboren"

Die Suche nach Perfektion: Boris Becker spricht im Interview vor den Australian Open über sein Leben als Trainer des Weltranglistenersten Novak Djokovic. Und darüber, dass er in Extremen wahrgenommen wird und kein Grüßaugust sein will.

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Tennislegende Boris Becker.

Quelle: dpa

Zugegeben: Das Erstaunen war groß, als Tennis-Superstar Novak Djokovic im Dezember 2013 seinen neuen Trainer vorstellte. Boris Becker, deutsche Filzballlegende, sechsmaliger Sieger bei Grand-Slam-Turnieren und im Anschluss an seine Profikarriere nicht immer die glücklichste Figur des öffentlichen Lebens, sollte den Serben noch besser machen. Gelächter allerorten. Doch das Duo aus dem aktuellen und dem ehemaligen Weltranglistenersten ließ die Kritiker und Spötter ziemlich schnell verstummen. Eben weil Djokovic (28) wirklich noch besser wurde und fünf seiner insgesamt zehn Grand-Slam-Titel unter dem Einfluss des Denkmals gewann. Becker, der beste deutsche Tennisspieler aller Zeiten, scheint seine Bestimmung nach der aktiven Karriere gefunden zu haben. Der 48-Jährige über seinen serbischen Schützling, seine Rolle als Coach und seine Familie.

Herr Becker, Novak Djokovic gewann 2015 fast alles, was es zu gewinnen gibt im Welttennis. Er war am Ende die klarste Nummer eins aller Zeiten. Was tun Sie, um das zu wiederholen?
Ganz entscheidend ist, eine echte, wirkliche Pause zu nehmen. Total abzuschalten. Nicht bei irgendeinem Schauturnier anzutreten. Er hat im letzten Jahr 80 Matches auf höchstem Niveau gespielt. Das war gigantisch, aber auch verschleißend. Deshalb galt: Ruhe, Entspannung, eine Auszeit von der Tour. Und ganz wichtig: sich selbst freuen über das, was du geschafft hast.

Wenn Sie auf Ihren Start als Djokovic-Trainer zurückblicken vor zwei Jahren, was ist da von Ihren Erwartungen eingetroffen?
Ganz ehrlich: Weder Novak noch ich hätten uns das erträumt. Da habe ich mich selbst manchmal gefragt: Passiert das hier wirklich? Wir wollten auf Platz eins zurück, Grand-Slam-Turniere gewinnen. Aber diese Dominanz in den letzten 18 Monaten, die war ebenso ungewöhnlich wie bemerkenswert. Viel besser als Novak zuletzt kannst du eine Saison kaum spielen. Es ist eine wunderbare Reise mit ihm. Ich erlebe ungeahnte Glücksmomente.

Hat Djokovic nie Motivationsprobleme?
Es geht ihm wie allen Großen im Sport: Wenn du diesen Lauf hast, wenn du gewinnst, willst du mehr. Immer mehr. Er hat eine fabelhafte Einstellung, ordnet fast alles dem Tennis unter. Er weiß, was er mit wem und wie zu tun hat, um erfolgreich zu sein. Im Spitzentennis geht es darum, in den letzten Detailfragen besser zu sein als die anderen Guten und sehr Guten. Und darin ist er ein Meister.

Wie macht Becker einen wie Djokovic noch besser?
Ich habe nie gern über mich und meinen Erfolgsanteil bei Djokovic geredet. Fakt ist: Ich hatte eine gute Tenniskarriere, kann meine Erfahrungen weitergeben. Und Novak ist jemand, der da zuhört, der daraus Erkenntnisse schöpfen will. Er will immer lernen, Tag für Tag. So sind Champions.

Was haben Sie eigentlich aus den Jahren mit Ihren Trainern mit in diese Arbeit genommen?
Ich hatte wunderbare Trainer. Ion Tiriac, Günther Bosch, Bob Brett, Nick Bollettieri oder Niki Pilic – alles sehr verschiedene Charaktere mit ihren eigenen Fähigkeiten. Davon profitiere ich heute ungemein. Alles, was ich selbst gelernt habe von diesen tollen Coaches, fließt heute in meine Arbeit ein. Saisonplanung, Taktik, Gegnerbeobachtung, das psychologische Spiel.

Haben Sie als ehemalige Nummer eins mehr Überzeugungs- und Argumentationskraft?
Es ist nun mal so, dass man als mehrfacher Grand-Slam-Gewinner einen anderen Zugang hat. Man hat alles selbst erlebt, die Höhen und Tiefen, die Comebacks, die verrückten Matchsituationen, die Regenpausen in Wimbledon oder anderswo. Für Novak ist es wichtig, mit jemandem sprechen zu können, der Lebenserfahrung einbringen kann, eine Autorität aus eigenem Erleben. Das stützt ihn. Und hilft ihm, eine Krise wie nach Paris (Niederlage im Finale der French Open gegen Stanislaw Wawrinka – Anm. d. Red.) zu überwinden.

Sie haben sich wiederholt beklagt, dass Djokovics Erfolge in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt worden seien. Hat das Jahr 2015 da etwas verändert?
Eindeutig ja. Und zwar vor allem, wie er nicht nur mit den Siegen umgegangen ist. Sondern auch mit dieser einzigen schmerzhaften Niederlage in Paris. Seine Ansprache damals, diese Emotionen, die Tränen, das gehörte zu den bewegendsten Momenten, die ich überhaupt je im Tennis erlebt habe. Ich glaube, die Menschen kriegen einfach mit, was für ein großartiger Champion er ist. Bescheiden im Erfolg, keiner, der Siege arrogant vor sich herträgt.

Andererseits haben Sie noch als TV-Kommentator einst angemerkt, es gehe Ihnen an der Spitze zu kuschelig zu. Djokovic steht jetzt auch nicht gerade für Konfrontation, für Konflikt.
Aber auf dem Centre Court kann er schon ein Krieger sein. Ein Straßenkämpfer, der sich mit aller Macht durchsetzen will. Denken wir nur mal an das US-Open-Finale, ein paar Hundert Serben auf der Tribüne, aber 24 000 Amis frontal gegen Djokovic und für Federer: Wenn du so eine Prüfung bestehst, bist du wirklich ein Großer. Das schaffst du nur, wenn du Rückgrat hast, nicht ängstlich bist und eine klare Position zeigst. Für mich war es das Spiel des Jahres von ihm.

Die Rivalität zwischen Djokovic und Federer ist das prägendste Merkmal im Herrentennis.
Es sind zwei verschiedene Charaktere, die da aufeinandertreffen. Das macht den Reiz aus, die Spannung, den Thrill. Ich habe oft Prügel bekommen, weil ich angeblich etwas gegen Roger gesagt habe. Dabei habe ich in Wahrheit nur Position pro Novak bezogen. Es ist verrückt, dass die Leute das nicht begreifen: Ich bin Team Djokovic, ich habe mich um seine Erfolge zu kümmern.

Vermutlich hat Federer das selbst am besten verstanden.
Absolut. Es gibt auch gar keine Probleme mit Roger. Wir sehen uns jede Woche in der Umkleidekabine, geben uns die Hand. Aber ich habe einen Job, in dem es um die Frage geht: Wie kann ich ihn schlagen?

Sind Sie heute als erfolgreicher Trainer glücklicher als vor zwei Jahren?
Nein, ich war damals auch glücklich. Ich mache Glück nicht abhängig von beruflichen Erfolgen. Bei mir geht die Gleichung eher andersrum: Bin ich privat und mit meiner Familie im Reinen, kann ich gut arbeiten. Das war 2013 nicht anders als 2016.

Die gängigste These zum Trainer Becker lautet: Er ist wieder bei sich angekommen. Und zwar im Tennis, dort, wo er sich immer noch am besten auskennt.
Die wenigsten wissen doch, was in meinem Leben passiert, heute wie vor 30 Jahren. Deshalb gibt es auch immer wieder die unmöglichsten Theorien zu Boris Becker – was er warum tut. Zum Thema Becker wird nur in Extremen gedacht. Wieder im Tennis angekommen? Nein, ich war ja nie weg. Ich habe halt nur aufgehört, Tennisspieler zu sein. Ich habe als Experte und Kommentator gearbeitet.

Aber füllt Sie das, was Sie im Tennis tun, mehr aus als andere berufliche Projekte?
Mein Leben wäre ärmer gewesen, wenn ich nicht andere Herausforderungen angenommen hätte. Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so? Nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Wie gesagt: Es gibt nur Triumph oder Tragödie. Aber ich bereue nichts. Denn was wäre die Alternative gewesen: Ab 32 Jahren und dem Karriereende nur noch die Legende sein. Ich bin nicht zum Grußaugust geboren.

Was kann als Trainer im Tennis noch kommen, wenn man die Nummer eins trainiert hat – einen so überragenden Frontmann wie Djokovic?
Tennis ist ein Geschäft des Gewinnens. Wir, Novak, das Team und ich, waren da sehr erfolgreich. Und deshalb wollen wir alle auch noch gern weitermachen, denke ich.

Wird es den Trainer Boris Becker nach dem Job bei Novak Djokovic noch woanders geben?
Ich hatte andere Anfragen vor Djokovic. Aber ich habe das abgelehnt. Weil es ein sehr reiseintensiver Sport ist. Weil ich es selbst schon 20 Jahre gemacht habe. Bei der Nummer eins konnte ich nicht Nein sagen. Weil ich wusste, was für ein Typ Spieler er ist: einer, der alles fürs Tennis gibt. Motivation, Leidenschaft, Intelligenz – er ist perfekt. Mit ihm lohnt sich jede Minute Arbeit. Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Partnerschaft noch einmal geben könnte. Ich werde ja auch nicht jünger, möchte mehr Zeit mit der Familie verbringen. Ich sehe meine Kinder und meine Frau schon jetzt zu wenig.

Interview: Jörg Allmeroth

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